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Wirt rechnet mit Regierung ab: “Habe seit Anfang Dezember kein Geld vom Staat erhalten”

“Habe seit Anfang Dezember kein Geld vom Staat erhalten”

Das Jahr 2021 hat bereits einigen Wirtshäusern endgültig das Genick gebrochen. Umsatzersätze kommen nicht an oder reichen bei weitem nicht fürs Überleben aus, Perspektiven für die Zukunft gibt es wenige. Aber viele Wirte kämpfen weiter beherzt um ihr Beisl. ZackZack hat einen von ihnen besucht.

 

Wien, 3. März 2021 | Die Leute im Grätzl nennen ihn auch den „sozialen Nahversorger“. Fritz Walzer (58) führt seit sechs Jahren das Kinzer Stüberl in Wien Floridsdorf, für seine Gäste sind er und sein Lokal mehr als nur Gaststätte, vielmehr ein zweites Zuhause. Im vergangenen Jahr durfte Walzer an 178 Tagen nicht aufsperren. Bedeutet insgesamt ein halbes Jahr kein Schnapsen, kein Darts, kein Politisieren am Stammtisch.

Viele würden Walzer heutzutage als den klassischen „Wut-Wirten“ bezeichnen. Anfreunden kann er sich mit diesem Begriff aber ganz und gar nicht. Er sei nur ein einfacher Kleinunternehmer, der sich um die Zukunft seines Lokals sorgt und sein Einkommen wieder selbst erwirtschaften will.

Fritz Walzer ist studierter Betriebswirt und seit sechs Jahren Besitzer des Kinzer Stüberls. Gemeinsam mit Wirtenhund “Charly” ist er für seine Gäste Wirt, Seelsorger und Freund in einem.

“Wäre ich auf Zuschüsse angewiesen, wäre ich schon weg”

Das Kinzer Stüberl hatte es in den letzten Jahren alles andere als leicht. Begonnen hat es bereits 2019 mit der Einführung des Rauchverbots. Damals hat Walzer sämtlichen Politikern der SPÖ und ÖVP ein Lokalverbot erteilt, womit er medial für großen Wirbel gesorgt hat. Die Corona-Krise und die einhergehenden Maßnahmen für die Wirte haben dafür gesorgt, dass er endgültig das Vertrauen in die Politik verloren hat. Die Regierung sei längst rücktrittsreif, wäre nicht mal in der Lage, “einen Kleinbetrieb aufrecht zu erhalten, würde sie ihn so wie den Staat führen”:

„Nimmt man die ganze Corona-Zeit her, sind die Gastronomie und die Hotellerie die, die am meisten draufgezahlt haben. Wenn ich nur auf den Umsatzersatz und den Fixkostenzuschuss angewiesen wäre, würde es mich und das Kinzer Stüberl schon nicht mehr geben.“

Walzer lebt derzeit zum größten Teil von seinem Ersparten. Das Ziel des 58-Jährigen war es eigentlich, mit 65 in Pension zu gehen. Wegen der massiven Ausfälle bei den Auszahlungen der Beihilfen rückt sein geplanter Pensionsantritt aber von Monat zu Monat in weite Ferne. Unvorstellbar: In zwei Monaten, wo sein Lokal geschlossen ist, geht sein Erspartes für ein Jahr drauf. Denn seine Fixkosten laufen weiter, da würden ihm auch die Stundungen nichts bringen.

„Sozialversicherung, Lokalmiete, Strom – keiner fragt, wie ich das alles bezahlen soll. Noch dazu, wenn die finanziellen Unterstützungen nicht zeitgerecht ankommen. Den Fixkostenzuschuss für Mai, Juni und Juli konnte ich erst Ende November beantragen. Bis heute habe ich davon keinen Cent gesehen.“

“Ist es dringend, oder eskaliert es schon?”

Der Umgang, den man mit ihm auf sämtlichen Hotlines des Finanzamts pflegt, bringt Walzer besonders auf die Palme. Dort würde es bei Nachfragen nach dem Geld heißen: „Wie dringend ist es? Eskaliert es bei Ihnen schon?“ Umsatzersatz für Dezember, den er im selben Monat beantragt hat, habe er auch noch nicht bekommen. Generell hat der Vollblut-Wirt seit Dezember kein Geld mehr vom Staat erhalten, womit auch viele andere Lokalbesitzer derzeit zu kämpfen haben würden. Die jüngsten Verkündungen, dass die Gastro frühestens Ende März in Form der Schanigärten aufsperren darf, haben ihm den Rest gegeben und ihn dazu gebracht, wieder vor die Medien zu treten.

„Geh‘ ma testen zum Wirt’n“

Walzer will aufsperren. Dabei ist er alles andere als einer, der das Virus wegleugnen will. Im Gegenteil: Die Gesundheit seiner Gäste liegt ihm besonders am Herzen. Die Impfung legt er jeden ans Herz, auch er wartet bereits sehnlichst auf seine. Da so viel getestet wird im Land, versteht er nicht, warum nicht auch er als Wirt die Chance bekommt, seine Gäste beim Eingang zu testen:

„Da wir ja Test-Weltmeister und Impf-Versager sind, verstehe ich nicht, warum ich die Tests nicht hier vor meinem Lokal machen darf. Aber das kann auf Dauer natürlich auch nicht die Lösung sein, Ziel muss es sein, dass alle geimpft werden.“

Dass sein Vorschlag „Geh’ ma testen zum Wirten“ kein Gehör findet, ärgert ihn. Es würde ganz einfach zu bewerkstelligen sein, und würde den Menschen wieder etwas Lebensfreude zurückgeben.

Das Kinzer Stüberl im 21. Wiener Gemeindebezirk ist eine Institution für seine Gäste. Es wird auch das „Stüberl in der roten Burg“ genannt. Denn das Beisl gehört zum Bieler-Hof, einem denkmalgeschützten Gemeindebau aus den 1920er-Jahren und damalige Hochburg der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Auch heute noch beheimatet es eine Sektion der SPÖ, die SPÖ Donaufeld, welche direkt neben dem Kinzer Stüberl angesiedelt ist.

“Die Leute wollen raus aus ihren Käfigen”

Denn vor allem seine Stammgäste, viele ältere Bewohner aus dem Grätzl und den umliegenden Gemeindebauten, würden unter der Situation leiden. Diese wären in ihren 50m2-Wohnungen eingesperrt wie im Käfig und würden nichts lieber tun, als wiedermal ihren Freund und Lieblingswirten zu besuchen.

„Besonders traurig bin ich über einen ehemaligen Stammgast. Er war schon ein alter Mann, hat sich aber hier beim Schnapsen jeden Stich gemerkt. Die Corona-Krise und die Isolierung hat seine Demenz so weit vorangetrieben, dass er schließlich ins Spital musste, wo er dann vor ein paar Wochen leider verstorben ist.“

Man merke auch an der “Aggressivität der Leute”, dass ihnen ihr Beisl und die sozialen Kontakte fehlen, so Walzer. Hier im Beisl hätten die Menschen “Entspannung” vom Alltag gehabt. Eine Runde Schnapsen, Darts oder Würfelpoker – das würden alle Altersschichten bei ihm lieben.

Walzer hat das Glück, über einen großen Gastgarten zu verfügen. Trotzdem ist die geplante Öffnung der Schanigärten nur ein schwacher Trost für ihn.

Auf die Frage, wie er sich während der Schließungen die Zeit vertreibt, antwortet er ganz locker und zeigt, dass er trotz der schweren Situation seinen Schmäh nicht verloren hat: “Ich habe glaub ich neun Kilo zugenommen die letzten Monate. Ich vertreib mir die Zeit daweil damit, das Lokal neu zu gestalten und die Fenster mal zu streichen. Ich habe mir auch überlegt, Bilder von Babyelefanten aufzuhängen, aber dadurch, dass die immer größer werden, habe ich das dann gelassen.”

(mst)

Titelbild: ZackZack

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Autor

  • Markus Steurer

    Hat eine Leidenschaft für Reportagen. Mit der Kamera ist er meistens dort, wo die spannendsten Geschichten geschrieben werden – draußen bei den Menschen.

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