Mitarbeiter über Zustände bei Hygiene Austria

“China-Masken würde ich eher tragen als unsere”

Ihr Image als österreichisches Vorzeigeunternehmen in der Maskenherstellung ist die Hygiene Austria spätestens seit der Razzia am Dienstag wieder los. Jetzt packt ein Mitarbeiter aus und spricht über die üblen Zustände in den Produktionshallen.

 

Wien, 4. März 2021 | Masken „Made in Austria“ – heftete man sich bei der Hygiene Austria anfangs noch groß auf die Fahne. Vom Kanzler hochgelobt und als Vorzeigeproduktion inszeniert, war es der Plan, saubere und qualitativ hochwertige Masken aus dem eigenen Land zu produzieren. Dass ein Großteil der Masken gar nicht in der Produktionsstätte in Wiener Neudorf entstanden sind, hat Mittwochabend dann auch das Unternehmen selbst bestätigt.

„Es ist einfach ekelhaft“

Jetzt packt ein anonymer Mitarbeiter gegenüber ZackZack aus und schildert die Zustände in den Produktionshallen. Beim Maskenhersteller werde vorn und hinten gespart, bei Hygiene Austria soll es alles andere als hygienisch zugehen:

 „Wenn ich ehrlich bin, die Masken aus China würde ich eher nehmen als die von uns, weil es einfach ekelhaft ist.“

Mit den bekannten Pressefotos vom Tag, als Kanzler Sebastian Kurz gemeinsam mit der damaligen Arbeitsministerin Christine Aschbacher eine der zwei Produktionshallen besucht hat, hätten die wirklichen Zustände rein gar nichts zu tun, so der Mitarbeiter. Die Maschinen, mit denen produziert wird, seien gebrauchte Billigmaschinen aus China, die auf der chinesischen Handelsplattform Alibaba bereits ab 12.000 Euro zu haben seien.

Auch um die Sauber- und Instandhaltung dürfte man sich laut Mitarbeiter in den Produktionshallen nicht bemüht haben.

„Bei uns ist alles ölig und fettig. Aber bei dem Gehalt ist es vielen auch wurscht, dass die Maschinen sauber bleiben. Das ist ein Motivationsproblem der Mitarbeiter, aber die Chefität kümmert’s ja auch nicht.“

Auf zugespielten Bildern sieht man stark verschmutzte Teile einer Maschine. Unter anderem die Schneidwalze, die die Masken aus dem Band schneidet. Diese Teile würden mit jeder einzelnen Maske in Berührung kommen.

(Bilder: zVg)

Auch an Werkzeugen und Ersatzteilen für die „chinesischen Scheißdinger“ würde es hinten und vorne fehlen. Unter den Kollegen kursiere schon lange die Meinung, dass den Verantwortlichen die saubere und funktionierende Produktion in ihren Hallen sowieso egal sei, da man den Großteil aus China hole.

„Bezahlung ist eine Frechheit“

Schon kurz nach Start der Produktion im März 2020 ergab sich für die meisten Mitarbeiter ein klares Bild, sagt der Mitarbeiter: Bei der Hygiene Austria, eine Tochter der Firmen Lenzing und Palmers, stünden mitarbeiterfreundliche Arbeitsbedingungen nicht im Vordergrund, viel eher sollte mit möglichst wenigen finanziellen Mitteln so viel Geld wie möglich erwirtschaftet werden.

„Die Bezahlung ist eine einzige Frechheit. Für das Geld, was eine Verpackerin dort bekommt, würde ich in der Früh nicht einmal aufstehen. Die gehen gerade einmal mit 1.200 Euro netto heim.“

Für die Personalabwicklung seien zwei Leihfirmen beauftragt worden, welche Verpacker und Verpackerinnen (oftmals mit Migrationshintergrund) für eine 50h-Woche mit 1.200 Euro netto im Monat ausbeuten würden. Kündigungsschutz oder Recht auf Krankenstand gebe es keinen, im Gegenteil: Personen würden einfach gekündigt werden bei der kleinsten Beschwerde. Auch die “Krone” berichtet am Donnerstag darüber, dass Dutzende geringfügig Beschäftigte wie “Arbeitssklaven in Billiglohnländern” zwölf Stunden am Tag und sieben Tage die Woche in Wiener Neudorf in Niederösterreich geschuftet haben sollen.

Damit auch keiner aus der Reihe tanzt, wurde offenbar eine Securityfirma beauftragt. Die Überwachung habe schon “Verhältnisse wie bei Amazon” angenommen:

„Man ist wirklich unter ständiger Beobachtung und sobald du was falsch machst, wird es schon aufgeschrieben.”

Der Mitarbeiter, der an ZackZack herangetreten ist, habe schon bei einigen Firmen gearbeitet, aber was er hier bei Hygiene Austria erlebt hat, habe er noch nie gesehen:

„Also das ist Missmanagement vom feinsten, unsere Produktion und wie sie geführt wird, ist scheiße. Und das trifft es nicht mal annähernd.“

Die Hygiene Austria weist alle Vorwürfe über Lohndumping und Betrug zurück, gesteht aber ein, wegen einer “Nachfragenspitze” einen chinesischen Lohnfabrikanten beauftragt zu haben.

Mittlerweile erreichten ZackZack auch Mails von erbosten Käufern, die im Dezember (noch vor Einführung der FFP2-Maskenpflicht), die mutmaßlich in China hergestellten Masken zu Wucherpreisen erstanden haben.

Am Donnerstag bestätigten auch bereits große Abnehmer des Maskenherstellers, die Lebensmittelkonzerne Spar, REWE und Hofer, die Masken vorsorglich aus ihrem Sortiment nehmen zu wollen.

(mst)

Titelbild: APA Picturedesk, zVg

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