Ein menschliches Album

Die Wiener Rapperin Gazal veröffentlicht ihr Debutalbum. Die Single “Irgendwann” ist hochpolitisch

Im Oktober veröffentlichte Rapperin Gazal Köpf ihren ersten Track. Er heißt „Wien Oida“. Gazal hat ihn gemeinsam mit „Kid Pex“ aufgenommen, der selbst längst kein Geheimtipp mehr in der Szene ist. Jetzt macht sie mit „Irgendwann“ „ihr eigenes Ding“.

 

Wien, 09. März | Gazals Debutalbum erscheint im Mai, aber eine erste Singleauskoppelung gibt es schon: „Irgendwann“ hatte am 08. März, dem Weltfrauentag, Releasedatum. Im Netz wird der Song als Hymne des Weltfrauentags gehandelt. Das war keine bewusste Entscheidung, sagt Gazal. „Ich habe einfach den Beat gehört und das ist daraus entstanden.“ Klar sei HipHop eine Männerdomäne, denn „die ganze Welt ist eine Männerdomäne.“ Doch ihr Album sei kein Frauenalbum, sondern ein menschliches Album.

Kunst ist für Gazal politisch. „In Unterhaltung steckt Haltung“, erklärt sie. Jeder solle eine politische Haltung haben, weil „Politik unser Leben bestimmt.“ Ihre Musik sei für Leute, die nicht gern in Schubladen denken, sagt Gazal. Das sei schon wegen ihrer eigenen Biografie so: „Ich bin Frau, ich bin eine lesbische Frau, ich war einmal ein Flüchtlingskind, meine ersten Erinnerungen sind aus dem Flüchtlingsheim.“ Das Album sei trotzdem kein politisches Manifest, es gehe auch ums Abfeiern.

„Free Fußi!“

Das Tagesgeschehen kommentiert Gazal in „Rap im Bild“. Vieles entsteht spontan. Als das Innenministerium den linken Kommunikationsberater Rudi Fußi zum Staatsfeind Nr. 1 erklärte, nahm Gazal in ihrer Mittagspause den Song „Free Fußi!“ auf. „Da wird nicht viel geschnitten. One take and that’s it.“

Erste Bühnenerfahrung sammelte Gazal bei Poetry Slams, als sie in Linz studierte. Gazal ist also Wahlwienerin, und gerade dadurch ein Wiener Original, wie sie augenzwinkernd erklärt: „Man ist ja nur echte Wienerin, wenn man aus Oberösterreich kommt.“ Dass gefühlt jeder zweite in Wien aus Gazals Heimat stamme, läge daran, „dass halt bei uns einfach nicht so viel los ist.“

Das mit der Musik hat dann so begonnen: Die deutsche Rapperin Sookee machte ihre Abschiedtournée und fragte Gazal, ob sie nicht gemeinsam auftreten wollten. Es wurde ein Abend im ausverkauften WUK daraus. „Ich bin ein riesengroßer Sookee-Fan“, sagt Gazal. Mit ihr die Bühne zu teilen war folglich: „Megacool.“ Gazal textet einen Sookee-Song um. Es geht um Ibiza und die österreichische Politik. Im Publikum ist „Tschuschenrapper“ Kid Pex. Dem gefällt so gut, was er hört, dass er mit Gazal „Wien Oida“ aufnimmt.

„Wie so oft im künstlerischen Bereich ergibt eines das andere“, erklärt Gazal die unverhoffte HipHop-Karriere. Corona kommt da als unerwarteter Schlag. Künstler wie Gazal leben davon, aufzutreten. Von den großen Streamingplattformen „bekommst du pro angehörtem Song 0,004 Cent, also gar nichts. Das bringt nur Bekanntheit. Das Geld machst du mit Auftritten.“ Fällt das weg, wird es „superzach“, wie man sich vorstellen könne. Gazal hofft darauf, dass Künstler Konzepte vorschlagen könnten, um wenigsten draußen auftreten zu dürfen.

Den Jungen die Musik wegnehmen: hart

„Musik ist gerade für junge Menschen etwas Wichtiges“, sagt Gazal. „Und junge Menschen mussten in der Coronakrise echt viel einstecken, ohne, dass sie jemand gefragt hat. Am Anfang wurde noch so getan, als wären sie die großen Superspreader – ihr tötet eure Großeltern! Der Druck ist nicht weniger geworden. Musik ist ein Ventil, um Druck abzulassen. Jemandem das wegzunehmen ist schon hart.“

Bis Gazal wieder auftreten kann, können sich ihre Fans mit „Irgendwann“ trösten. Und das Album kommt ja auch bald – produziert von AudioLametta, erschienen bei Wonne Music. Im September erscheint im Ventil-Verlag „Awesome HipHop Humans“ – ein Buch über linksfeministischen HipHop jenseits des Mainstreams, herausgegeben Von Gazal und Sookee.

(tw)

Titelbild: APA Picturedesk

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