Corona in der Schule

Wie ansteckend sind unsere Kinder?

Seit die Schulen wieder geöffnet sind, ist Corona dort das dominierende Thema. Die flächendeckenden Tests bringen etwas – wenn sie ernstgenommen werden. Unter unseren Kindern gibt es potenzielle Superspreader.

Wien, 10. März 2021 | „Meine Direktion sieht aus wie ein Lager für Medizinbedarf.“ Beim Direktor einer Schule in Wien stapeln sich Masken, Schnelltests und Desinfektionsmittel bis unter die Decke. Ein Großteil seiner Arbeit bestehe derzeit darin, Gesundheitsbehörde zu spielen. Tests für Schüler und Lehrer müssen organisiert und in einem komplizieren System weitergemeldet werden. Vielen Eltern ist nicht klar, was es bedeutet, wenn sie oder ihre Kinder positiv getestet werden. „Ich kann doch nicht zu Hause bleiben!“, erklärt der Vater eines Corona-positiven Kindes. „Ich habe ein Unternehmen.“

Dunkelziffer steigt

Gerade ist die zweite Auswertungsrunde der großen Gurgel-PCR-Coronastudie im Auftrag des Bildungsministeriums durch. Wichtigstes Ergebnis: im November stieg die Dunkelziffer des Coronavirus unter Österreichs Schulkindern im Alter von 6-14 Jahren und deren Lehrern von 0,39 Prozent auf 1,39 an. „Das Geschehen in den Schulen spiegelt das bei den Erwachsenen ziemlich genau wider“. Davon ist der Mikrobiologe Michael Wagner, Professor an der Uni Wien und wissenschaftlicher Koordinator der Studie, die an der Universität Wien und den medizinischen Universitäten aus Graz, Linz und Innsbruck durchgeführt wird, aufgrund der Studienlage überzeugt. Dass Kinder sich kaum ansteckten, sei mittlerweile widerlegt.

Doch stecken sie ihrerseits andere an? Die Virenlast im Rachen ist bei Kindern vergleichbar hoch wie bei Erwachsenen. Sie zeigen allerdings seltener Symptome und haben ein geringeres Atemvolumen. Dafür schreien sie mehr – dabei entstehen viele Aerosole – haben häufiger engen Körperkontakt als Erwachsene und sitzen in den Volksschulen ohne Masken in einem Raum. „Würden sich Kinder verhalten wie Erwachsene, dann könnte es schon sein, dass sie etwas weniger ansteckend wären“, sagt Wagner. Doch solche Überlegungen führten in der Praxis zu nichts, denn: „Kinder verhalten sich aber nun einmal nicht wie Erwachsene. Selbst wenn sie trotzdem etwas weniger infektiös wären, würde sie immer noch einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zum Infektionsgeschehen leisten.“

Das Spektrum der Studien zur Infektiosität reicht von „ca. halb so ansteckend“ bis „gleich ansteckend.“ Nach derzeitigem Wissensstand ausschließen könne man lediglich, dass Kinder deutlich ansteckender seien als Erwachsene. Wie sich die neueren Varianten des Virus auswirken, wisse man noch nicht genau. Sie stellen aber laut Michael Wagner eine Herausforderung für die Schulen dar.

Wenn das Testergebnis nicht passt, wird es passend gemacht

Dass die Kinder nach oft monatelanger Pause wieder in die Schule mussten, steht für den Wiener Direktor außer Zweifel. Der Anstieg an psychischen Erkrankungen unter Kindern und Jugendlichen sorgte im Jänner dafür, dass die Kinder- und Jugendpsychiatrie im AKH junge Menschen abweisen musse – kein Platz mehr. Der Dirketor beobachtet die Entwicklung mit Sorge: “Die Kinder vereinsamen.”

In der Schule könne man wenigstens die Corona-Regeln einhalten: Abstand, Maske, Lüften. Zu Hause sei das für die Kinder schon aufgrund der häufig beengten Wohnverhältnisse nicht möglich. Viel eher als in der Schule steckten sich die Kinder in der Familie an, ist der Direktor überzeugt.

Bei den Erwachsenen lässt die Maßnahmendisziplin nach. Eine oberösterreichische Lehrerin erzählt, dass manche Kollegen ohne Maske im Lehrerzimmer säßen. Wer einen positiven Coronatest macht, „überprüft“ das Ergebnis mittels Antigen-Nasenbohrertest. Ist der negativ, wird einfach getan, als wäre nichts. In einer niederösterreichischen Schule leeren sich die Klassen – das Virus grassiert bei den Schulkindern genau wie unter den übrigen Bewohnern des Ortes. Das ist kein Wunder. Denn wie Mikrobiologe Wagner erklärt, steht die Coronasituation an den Schulen mit dem regionalen Infektionsgeschehen in engem Zusammenhang.

Dass in den Schulen flächendeckend getestet wird, sei deshalb auch eine Chance, regionale Cluster zu finden. Österreich gehe da „in eine ganz gute Richtung“, dürfe sich darauf aber nicht ausruhen, sagt Wagner. Man komme durch die Schultests auch an Bevölkerungsgruppen heran, die sonst nicht testen gingen. Das ist gut, denn „es reicht nicht aus, wenn sich immer derselbe, möglicherweise sowieso schon vorsichtige Teil der Bevölkerung regelmäßig testet.“

Potenzielle Superspreader

Eine große Lücke sieht Wagner in den Volksschulen. Wird dort ein Kind positiv getestet, gelten seine Klassenkollegen nicht als K1-Personen. Warum nicht? Volksschulkinder in Quarantäne müssen betreut werden. Die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Konsequenzen wären wohl zu groß, vermutet Michael Wagner, der sich wünscht, dass in so einem Fall wenigstens die gesamte Klasse mindestens 2x mittels PCR-Gurgeltest nachgetestet würde. Denn aus Sicht der öffentlichen Gesundheit sei es nicht sinnvoll, nichts zu unternehmen. Im Gegenteil: Wenn einer der recht unempfindlichen Schul-Nasenbohrertests anschlage, dann müsse die Viruslast beim getesteten Kind ziemlich hoch sein, sagt Wagner: „Bei jedem auf diese Weise positiv getesteten Kind haben wir es mit einem potenziellen Superspreader zu tun.“

(tw)

Titelbild: APA Picturedesk

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