Impfungen sind ein globales Gut

Arme Länder haben erst 0,1 Prozent aller Impfdosen erhalten

Bisher wurden weltweit mehr als eine halbe Milliarde Impfstoffdosen verabreicht. Weit über drei Viertel davon wurden von den reichsten Ländern der Welt verwendet. Die ärmeren Länder müssen sich weiterhin ganz weit hinten in die Schlange stellen. Diese haben gerade mal 0,1 Prozent aller Impfdosen weltweit erhalten. Die Impf-Schere geht immer weiter auseinander.

Wien, 06. April 2021 | Es ist keine Überraschung: Während im wohlhabenden Westen der Welt bereits über eine halbe Milliarde Impfungen durchgeführt wurden, gehen die ärmsten Länder leer aus. Dem sollte eigentlich entgegengesteuert werden. Die im Rahmen der “Covax”-Initiative versprochenen Impfdosen sollten bis Ende Februar an die ärmsten Staaten verteilt werden – wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jänner ankündigte.

Extreme Chancenungleichheit

Die meisten Länder mit höherem Einkommen konnten genügend Impfstoffe vorbestellen, um ihre Bevölkerung mehrmals abzudecken. Ärmere Länder haben immer stärker Probleme damit, überhaupt an Impfdosen zu kommen. Während des gesamten Jahres 2020 hatten sogar selbst Länder mit mittlerem Einkommen Schwierigkeiten:

“Wir haben es mit Ländern wie Peru und Mexiko gesehen. Die Finanzierung war nicht das Problem für sie. Sie haben die Finanzierung, um die Einkäufe zu tätigen, aber sie konnten nicht an die Spitze kommen”,

so Andrea Taylor, eine Forscherin an der Duke University, die die Kaufverträge für Impfstoffe untersucht, gegenüber der “New York Times”.

Länder mit niedrigem Einkommen hätten laut “NYT” im Januar 2021 ihre ersten bedeutenden Kaufverträge für Impfstoffe abgeschlossen – acht Monate, nachdem die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich nach Angaben von Unicef ​​ihre ersten Geschäfte abgeschlossen hatten. Das Ergebnis sei, dass zum 30. März 86 Prozent der weltweit zugelassenen Impfstoffe in Ländern mit hohem und mittlerem Einkommen abgegeben wurden.

Nur 0,1 Prozent der Dosen wurden in Ländern mit niedrigem Einkommen verabreicht.

“Die Ungleichheiten nehmen leider zu und wir gehen davon aus, dass dies mindestens in den nächsten sechs Monaten der Fall sein wird, während die reichen Länder weiterhin die Mehrheit der Dosen vom Band laufen lassen”

so Taylor im “NYT”-Bericht.

“Covax ist auf dem richtigen Weg”

Die “Covax” ist eine von der WHO gegründete Initiative zur gleichmäßigen Verteilung von Impfstoffen, um einige der Ungleichgewichte zu beseitigen. Ihr Hauptziel ist die Bereitstellung von Impfstoffen für 92 Länder mit niedrigerem Einkommen im Rahmen des Programms Advanced Market Commitment (A.M.C.). Diese Impfstoffe werden von Regierungen und Organisationen mit Geldspenden bezahlt. Die Vereinigten Staaten haben laut WHO etwa 2,5 Milliarden Dollar gespendet, Deutschland hat 1,1 Milliarden Dollar gespendet.

Zum 30. März hat Covax 32,9 Millionen Impfstoffdosen in 70 Länder und Regionen geliefert (geplant waren zwei Milliarden Impfdosen). Die meisten dieser Sendungen waren Spenden an Länder mit niedrigerem Einkommen.

Die Weltgesundheitsorganisation geht jedoch davon aus, dass das Angebot zunehmen wird. Laut einem Bericht, welcher diesen Monat veröffentlicht wurde, sagte die Organisation, Covax sei “auf dem richtigen Weg, sein Ziel zu erreichen, 2021 mindestens zwei Milliarden Impfstoffdosen zu liefern”. Und 1,3 Milliarden dieser Dosen, so heißt es im Bericht, wären Spenden an Länder mit niedrigerem Einkommen.

Trotzdem: Jahrelanges Warten auf Impfdosen

Aber selbst mit diesem Zustrom können arme Länder Jahre warten, bis ihre Bevölkerung vollständig geimpft werden kann. Kenia zum Beispiel geht davon aus, dass bis 2023 nur 30 Prozent der Bevölkerung geimpft sein werden, Covax will angeblich die ersten 20 Prozent abdecken. Dieses lange Warten würde dem Virus mehr Zeit zur Ausbreitung geben und möglicherweise zu neuen Mutationen führen.

Der weltweite Wettlauf um Dosen hat sich auch darauf ausgewirkt, welche Länder welche Impfstoffe erhalten. Da ein Großteil des Angebots an Pfizer- und Moderna-Impfstoffen bereits von wohlhabenderen Ländern in Anspruch genommen werde, seien laut “NYT”-Bericht China, Indien und Russland zu wichtigen Lieferanten von Impfstoffen für Länder mit niedrigerem Einkommen geworden. Einige Experten glauben zudem, dass diese Regierungen solche Beziehungen nutzen können, um Einfluss zu gewinnen.

“Anderen Nationen den Zugang zu Impfstoffen zu ermöglichen, ist ein mächtiges Instrument, das erheblichen Einfluss ausüben kann”,

so Dania Thafer, die Exekutivdirektorin des Gulf International Forum, einer in Washington ansässigen Denkfabrik, gegenüber der “NYT”.

Ihrer Meinung nach sei der Oxford-AstraZeneca-Impfstoff allgegenwärtig geworden: Mindestens 94 Länder mit unterschiedlichem Einkommen haben Dosen verabreicht. Aufgrund seines niedrigeren Preises und seiner vergleichsweise einfachen Lagerung war es ein entscheidender Bestandteil der weltweiten Impfbemühungen, hat jedoch in letzter Zeit eine Reihe von Rückschlägen erlitten.

Impfstopp dank Engpässe und Vertrauenskrise

Einige europäische Länder haben die Verwendung des Impfstoffs Oxford-AstraZeneca Mitte März ausgesetzt, da Bedenken bestehen, dass dies das Risiko von Blutgerinnseln erhöhen könnte. Eine Überprüfung durch die Europäische Arzneimittel-Agentur ergab später, dass der Impfstoff „sicher und wirksam“ ist, ohne dass das Gerinnungsrisiko insgesamt steigt. Die Verwirrung hat jedoch dazu geführt, dass das Vertrauen der Öffentlichkeit in den Impfstoff gesunken ist und viele Länder die Impfung mit AstraZeneca eingestellt haben.

Auch Indien hat die Exporte des am “Serum Institute of India” (einem der weltweit größten Impfstoffhersteller) hergestellten Impfstoffs eingeschränkt, während das Land gegen seinen immer größer werdenden Ausbruch kämpft. Viele Länder mit niedrigem Einkommen sind auf die Exporte des Serum-Instituts angewiesen, einschließlich Nepal, das seine Impfkampagne aufgrund von Engpässen bereits eingestellt hat.

In einer am Dienstag veröffentlichten gemeinsamen Erklärung forderten mehr als zwei Dutzend Regierungschefs und internationale Agenturen “einen neuen internationalen Vertrag über die Vorbereitung und Reaktion auf Pandemien”. Sie betonten die Bedeutung eines koordinierten Ansatzes für künftige Pandemien, auch bei Impfbemühungen.

“Impfungen sind ein globales öffentliches Gut, und wir müssen in der Lage sein, Impfstoffe so schnell wie möglich zu entwickeln, herzustellen und einzusetzen”,

so heißt es in der Erklärung.

(jz)

Titelbild: APA Picturedesk

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