Größte Verwirrung:

Wiener Lehrer wehren sich gegen Präsenzunterricht im Osten

Es ist ein ständiges Hin und Her: Mit der Verlängerung des Lockdowns wurde in der Ostregion zwar die Umstellung auf Fernunterricht bis 16. April ausgedehnt. Das Bildungsministerium plant allerdings, dass ab Montag Schüler der Abschlussklassen und jene, die vor einem Schulwechsel stehen, trotzdem in die Klasse kommen können. Auch Schularbeiten und Förderunterricht sollen stattfinden. Die Wiener Lehrervertretung fordert die Rücknahme dieser Maßnahmen.

Wien, 08. April 2021 | Der ständige Wechsel zwischen Distance Learning und Präsenzunterricht im Schicht- oder Vollbetrieb sorge nicht nur für “größte Verwirrung”, heißt es in dem Schreiben des Zentralausschusses der Wiener Pflichtschullehrer, das unter anderem an Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP), Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) und Bildungsstadtrat Christoph Wiederkehr (NEOS) gerichtet ist. ZackZack mit einer Wiener Lehrerin gesprochen.

“Wechselnde Unterrichtsform gleicht dem Aprilwetter”

In der Sekundarstufe I (im Pflichtschulbereich vor allem Mittelschulen) sei es wegen des Fachlehrersystems gar nicht möglich, dass gleichzeitig Schichtbetrieb für die 8. Schulstufe und Fernunterricht für die 5. bis 7. Schulstufe sowie zusätzlich noch Betreuung in der Schule angeboten wird. Ähnliche Probleme gebe es auch an den Volksschulen bei Lehrern, die in mehreren Klassen eingesetzt werden.

Nina L.* ist eine davon. Die Lehrerin hält von dem ständigen Hin und Her nichts:

“Der Wahnsinn mit dem Aprilwetter ähnlich wechselnden Unterrichtsformen hat wieder angefangen”,

so Nina L. gegenüber ZackZack. Sie ist deutlich verärgert. Das Problem sei vor allem, dass es keine klare Linie gäbe:

„Immer dann, wenn wir uns einpendeln, wird alles wieder über den Haufen geworfen und das so kurzfristig, dass wir die Schülerinnen und Schüler gar nicht richtig vorbereiten können.“

Aktuell erfahre man alles nur durch die Medien, was der Lehrerin und ihren Kolleginnen und Kollegen die Sicherheit nehme:

„Es ist einfach zu spät, zum Beispiel an einem Freitagnachmittag Bescheid zu geben, dass nächste Woche etwas Neues passiert. Es ist jedem klar, dass es eine Situation ist, die wir alle noch nie erlebt haben und jede Entscheidung kann nicht perfekt sitzen.“

Und gerade im Bildungsbereich erwarte sich Nina L. einen Anspruch auf langfristige Lösungen:

„Für Kinder ist das total verunsichernd. Wenn wir Lehrkräfte nicht mal damit klarkommen, wie sollen die Kinder da durchkommen?”

Es sei ihr natürlich wichtig, im Sinne der Kinder zu handeln und für Abschlussklassen diese Schritte einzuleiten, jedoch sei es wieder ein „schnell schnell“. Die neuen Regelungen seien vom Ministerium gar nicht zu Ende gedacht.

„Wie sollen wir Kinder gleichzeitig im Distance Learning unterrichten und im Präsenzunterricht. Wurde nicht klar kommuniziert, mit denen, die eigentlich betroffen sind. Das ist ein ständiger unpackbarer Spagat, den wir machen müssen.“

Überhaupt seien Lockerungen beim Schulbetrieb zur gleichen Zeit unverständlich, findet auch der Ärztekammer-Präsident Thomas Szekeres gegenüber der APA, der einen Lockdown für ganz Österreich fordert:

“Das konterkariert die aktuellen Maßnahmen gegen die Verbreitung der Covid-19-Mutationen in Ostösterreich.”

Foto: APA

Ankündigungen sollen zurück genommen werden

Die Ankündigung der Bildungsdirektion am gestrigen Mittwoch, dass es trotz des strengen Lockdowns in Wien, Niederösterreich und dem Burgenland ab Montag in bestimmten Situationen Schulbetrieb vor Ort geben soll, habe deshalb “für viel Wirbel gesorgt”, wie der oberste Wiener Pflichtschullehrer-Personalvertreter Thomas Krebs gegenüber der APA betont. Der Zentralausschuss fordert deshalb, dass die Ankündigungen für den Pflichtschulbereich vom Bildungsministerium nicht verordnet werden.

“Parallele Regelung ist völlig praxisfern”

Unterstützung bekommt er dabei vom obersten Lehrervertreter Paul Kimberger. Das Angebot, gleichzeitig mit dem Fernunterricht zum Teil auch Präsenzunterricht und Betreuung anzubieten “klingt zwar in der Öffentlichkeit charmant, ist aber schulorganisatorisch nicht machbar”, kritisiert er gegenüber der APA. An den Schulen sei die digitale Ausstattung so schlecht, dass sich die Lehrer daheim so eingerichtet hätten, dass sie von dort professionellen Fernunterricht anbieten können. Wenn sie nun aber gleichzeitig in den Schulen anwesend sein sollen, gebe es wieder Probleme beim Distance Learning. “Diese Regelung ist völlig praxisfern.”

Im Bildungsministerium hält man zwar an den angekündigten Plänen fest. Die Donnerstagmittag noch nicht vorliegende Verordnung soll allerdings den Schulen eine flexible Handhabung ermöglichen, falls an bestimmten Standorten durch das parallele Angebot von Präsenz- und Fernunterricht sowie Betreuung in der Praxis tatsächlich Probleme entstehen, betont eine Sprecherin gegenüber der APA. So soll es etwa möglich sein, dass ein Lehrer in der betreffenden Schulwoche keinen Videounterricht abhält, sondern stattdessen ein Arbeitspaket austeilt, falls am Standort die Infrastruktur für seinen Online-Unterricht fehlen sollte.

Harter Lockdown für mehr Normalität

Die unabhängigen Lehrervertreter der ÖLI-UG fordern unterdessen unter dem Schlagwort “Low Covid” überhaupt einen mehrwöchigen harten Lockdown in Österreich, um dann bei niedrigen Inzidenzen nachhaltig öffnen und den Menschen wieder Normalität bieten zu können.

“Schule mit ganzen Klassen, Kino-, Konzert-, Theater- und Restaurantbesuche, der Sommertourismus, kulturelle und sportliche Veranstaltungen wären so bald wieder möglich!”

(jz/apa)

*Name wurde von der Redaktion geändert.

Titelbild: APA Picturedesk

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