Wagenburg

Kurz ist zum ersten Mal öffentlich unter Druck. Aber er kann das Ruder noch herumreißen. Wie das geht? Mit den bekannten Schmähs. Ist Kurz bald wieder im Geschäft?

Derzeit geht alles schief. Der Kanzler hat seine neuen Kleider verloren und verdeckt seine beachtlichen Blößen mit dem Nervenkostüm. Der Trupp um Kurz hat eine neue Formation angenommen: die Wagenburg. Drinnen sitzen die Getreuen und feuern. Draußen reiten die Rothäute, alle, die pinken, die roten, die blauen, ein paar grüne und die gefährlichsten, die Rothäute aus den Medien. Wenn es nicht gelingt, möglichst viele von ihnen abzuschießen, dringen sie in die Wagenburg ein, zünden die Plachen an und skalpieren den Kanzler.

Es stimmt, öffentlich ist es Kurz als Kanzler noch nie so schlecht gegangen. Die Staatsanwälte der WKStA sind ihm gefährlich nahegekommen. Mit ÖBAG-Chef Thomas Schmid verliert er den ersten Mann aus der Kernpartie. Mit Blümel wackelt sein engster Vertrauter. Aber warum stürzt Kurz in den Umfragen gerade jetzt ab? Die Antwort lautet wohl „COVID“. Jeden Tag fragen sich mehr Menschen, warum sie noch nicht geimpft sind und noch keinen Schutz haben. Die häufigste Antwort lautet inzwischen „Kurz“. Alle haben miterlebt, wie der Kanzler die Impfstoffbeschaffung in Brüssel verbockt und sich und sein Land blamiert hat. Kurz ist schuld.

Wer ist schuld?

Aber wer ist schuld, dass Kurz schuld ist? Ganz einfach: die Medien. Hätte ORF-Korrespondent Peter Fritz nicht so unverschämt gefragt. Hätte die Krone nicht plötzlich die Kurz-SMS gebracht. Hätte… Nicht einmal auf die ZiB1 war mehr Verlass. Die Medienmaschine des Kanzlers stotterte. Erstmals verpufften türkise Interventionen. In der Wagenburg drohte Panik auszubrechen. In solchen Fällen weiß John Wayne, was zu tun ist. Die Trompete bläst ein schmetterndes Signal, die Wagenburger springen in die Sättel und versuchen einen Ausfall. Kurz greift die Rothäute offen an. An dem Punkt sind wir jetzt.

Zuerst ging es in der eilig einberufenen Pressekonferenz im Kanzleramt um uns. Unsere Recherche über einen Kurz-Trip nach Mallorca war noch nicht abgeschlossen, und Kurz konnte nicht wissen, was wir bringen würden. Trotzdem erklärte der Kanzler einer ausgewählten Runde von „Vertrauensjournalisten“ mit geleakten Akten der WKStA in der Hand, dass das Böse einen Namen hat: ZackZack.

Jetzt nimmt er sich Florian Klenk vom Falter vor. Kurz vergisst nicht, dass die ÖVP gerade einen wichtigen Prozess gegen den Falter verloren hat. Aber es geht nicht nur um ZackZack und den Falter. Der Kontrollfreak Kurz spürt, dass er die Kontrolle über die Medien verliert.

Aber die Wagenburg steht. Kurz ist noch lange nicht erledigt. Er sieht, dass sein Weg plötzlich steil und rutschig geworden ist. Die Zeiten als Jungstar am leuchtenden Boulevard sind vorbei. Trotzdem kann sich auch diese Geschichte drehen. Das Drehbuch dazu könnte so aussehen: Im Sommer ist der Großteil der Bevölkerung geimpft. Tarek Leitner erklärt in der ZiB1, dass „wir“ jetzt einen schönen Sommer vor uns haben und verweist auf die ORF-Sondersendung um 20.15 Uhr, in der Sebastian Kurz als Gast erwartet wird. Den Anwälten gelingt es unter den Augen eines vorsichtigen Justizministeriums, die heikelsten Verfahren zu verschleppen. Kurz verspricht, die Wirtschaft wieder aufzubauen und stellt dazu seinen „Plan für Österreich“ vor. Den Grünen stellt er ein Ultimatum: Ärmel aufkrempeln, das Gesundheitsministerium endlich mit einem Experten besetzen, eine Flüchtlingsroute schließen und mitmachen. Kurz weiß, dass er damit die Grünen am Weg zurücklassen kann.

Wieder im Geschäft

Dann beginnt der Wahlkampf, und Kurz ist wieder im Geschäft. Der Kuchen aus Partei- und Regierungsinseraten ist groß wie nie zuvor. Wer mitmacht, darf mitessen. Dann kommt die wahlentscheidende Geschichte nach dem Vorbild von „Silberstein“ 2017 und „Hackerangriff“ 2019. Kurz darauf wird gewählt.

Sebastian Kurz weiß von seinem Freund Netanjahu, dass man auch mit Korruptionsprozessen am Hals Wahlen gewinnen und ein Land wie Israel oder Österreich regieren kann. Er weiß, dass langfristig der Widerstand der meisten Medien schwächer wird. Er bestimmt über den Stiftungsrat im ORF und über den Inseratentropf im Bundeskanzleramt. Er ist nach wie vor der Steuermann, auch wenn er sich gerade ans Ruder klammert.

P.S.: Medien wie ZackZack kann Kurz nicht steuern. Bei uns gibt es keinen Stiftungsrat und kein Regierungsinserat. Wir berichten über Tatsachen, und zwar über alle. Das können wir, weil in unserem Club ZackZack jetzt schon mehr als tausend Mitglieder für unsere Unabhängigkeit sorgen. Unabhängigkeit kostet nicht einmal zehn Euro im Monat. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir im Sommer schon zweitausend sind. Das ist unser neues Ziel. Wir werden es gemeinsam erreichen.

Titelbild: APA Picturedesk

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