Asthmaspray verhindert schwere Covid-Verläufe

Österreichische Ärztin entdeckte Wirksamkeit schon vor einem Jahr

Eine österreichische Ärztin hat die Wirksamkeit des Arzneistoffes Budesonid, der in Asthmasprays enthalten ist und laut einer neuen Studie 90 Prozent der schweren Covid-Verläufe verhindert, bereits letztes Jahr entdeckt. Aufmerksamkeit bekam sie damals kaum. Im Gespräch mit ZackZack fordert sie nun eindringlich: “Schauen wir in die Daten rein!”

 

Wien, 12. April 2021 | Lisa-Maria Kellermayr, Allgemeinmedizinerin aus Oberösterreich, traute ihren Augen nicht, als sie am Wochenende die neu veröffentlichte Studie der Universität Oxford gesehen hat. Laut dieser soll das Mittel Budesonid, das vor allem in Asthmasprays seine Anwendung findet, enorm wirksam gegen schwere Covid-Verläufe sein. Schnell wurde die Studie weltweit von den Medien als „Durchbruch“ oder „Game Changer“ beschrieben. Auch viele bekannte Gesundheitsexperten und Virologen griffen die Meldung auf und teilten sie auf ihren Kanälen.

Ärztin arbeitet seit einem Jahr mit Asthmaspray

Für Kellermayr ist die groß gefeierte Nachricht aber alles andere als neu. Denn sie behandelt ihre Patienten bereits seit einem Jahr mit Budesonid. Und die Ärztin weiß, wovon sie spricht: Seit Ausbruch der Pandemie ist sie in unermüdlichem Einsatz und hat im Rahmen des sogenannten „Covid-HÄND“ (Hausärztlicher Notdienst) bereits eine vierstellige Zahl an mit Covid erkrankten Menschen zu Hause behandelt und betreut.

Nahezu täglich mit der Krankheit konfrontiert, stellte sich für Kellermayr schnell heraus, dass sich vor allem Budesonid bei einer frühen Anwendung enorm positiv auf den späteren Verlauf auswirkt.

Patienten, die wir recht frühzeitig damit behandelt haben, wurden rasch besser, riefen nur selten in den nächsten Tagen noch mal an und wurden kaum spitalspflichtig“,

so die Ärztin in einem emotionalen Twitter-Beitrag.

Kellermayr fühlt sich betrogen. Ende Oktober 2020 sprach sie erstmals vor einem größeren Publikum im Rahmen einer Online-Konferenz über ihre Erkenntnisse. Schnell machte das aufgezeichnete Video der Konferenz in Ärztekreisen die Runde. In die breite Öffentlichkeit kamen ihre Entdeckungen jedoch nie. Auch unter Fachleuten blieb man skeptisch, der Grund ihrer Meinung nach: Sie ist eine junge Frau, der man als „nur“ Allgemeinmedizinerin im Gegensatz zu älteren, männlichen Fachärzten nur wenig Vertrauen und Respekt entgegenbringe.

Anruf von AstraZeneca

Mitte Jänner erhält Kellermayr einen Anruf der mittlerweile weltweit bekannten Pharma-Firma „AstraZeneca“. Sie dürfte doch eine erhebliche Anzahl an Ärzten auch international von Budesonid überzeugt haben, sodass sich AstraZeneca über die stark steigenden Verschreibungen von Budesonid-Präparaten wunderte und nach Recherchen auf die junge Ärztin gestoßen ist. Im Gespräch mit ihr betonte der Hersteller eines der ersten zugelassenen Corona-Impfstoffe, dass Kellermayr die volle Verantwortung dafür trage. Da es noch keine offizielle Zulassung und weder Studien noch Empfehlungen für Budesonid als Medikament gab, war man seitens des Pharma-Konzerns skeptisch.

Jetzt hat das Unternehmen anhand der Beobachtungen von Kellermayr die groß gefeierte Studie in Auftrag gegeben. Die Tatsache, dass in der Studie nur 73 Patienten mit dem Asthma-Medikament behandelt wurden, sie aber bereits gemeinsam mit ihren Kollegen seit einem Jahr damit arbeite und so mit Sicherheit mehrere Menschenleben gerettet habe, ärgert die junge Ärztin. Sie fordert das Gesundheitsministerium und die Krankenkassen dazu auf, weitere Nachforschungen bezüglich Budesonid zu starten. Die Daten wären vorhanden, man müsse sie nur noch zusammenfügen.

Studie bestätigt Kellermayrs Erfahrungen

Die Oxford-Studie startete im Dezember 2020 mit insgesamt 146 Teilnehmern. 73 von ihnen erhielten die übliche Behandlung, 73 das Asthmaspray Budesonid. Die Budesonid-Gruppe nahm das Medikament über sieben Tage hinweg zweimal täglich.

Aus der Gruppe, die nicht mit dem Asthmaspray behandelt wurde, mussten elf Teilnehmer wegen der Schwere des Verlaufs ihrer Covid-19-Erkrankung im Krankenhaus behandelt werden (15 Prozent), aus der Budesonid-Gruppe wurden nur zwei Teilnehmer klinisch behandelt (3 Prozent). Außerdem war in der Budesonid-Gruppe der Anteil der Patienten mit Fieber und derer, die mit fiebersenkenden Mitteln behandelt werden mussten, niedriger. Das Arzneimittel reduzierte das relative Risiko für einen schweren Verlauf demnach um 90 Prozent. Die mit dem Asthma-Medikament behandelten Patienten haben sich auch deutlich schneller wieder erholt.

“Inhalatives Budesonid ist eine einfache, sichere, gut untersuchte, kostengünstige und weithin verfügbare Behandlung”, schreiben die Autoren um Sanjay Ramakrishnan von der britischen Universitätsklinik Oxford. “Die frühzeitige Verabreichung von inhalativem Budesonid reduzierte die Wahrscheinlichkeit, dass dringende medizinische Hilfe benötigt wurde und verkürzte die Zeit bis zur Genesung nach einer Covid-19-Erkrankung.”

Auch der deutsche Gesundheitsexperte Karl Lauterbach zeigte sich begeistert von den Ergebnissen: “Meines Erachtens ein ‘Game Changer’, weil die Studie gut gemacht wurde”, schrieb er. Er kenne “einige Ärzte, die bereits diese Strategie verfolgen. Ich würde dies als Hausarzt auf Grundlage der vorliegenden Daten, ohne Kontraindikation, auch tun.”

Kellermayr: “Schauen wir in die Daten rein”

Kellermayr hat diese Strategie wohl als eine der ersten verfolgt und fordert Österreich nun zum Handeln auf. Denn in Österreich wären wertvolle Daten dazu vorhanden. Man müsse nur die Daten aus ELGA und den Verordnungen zusammenfügen:

„Wir haben den Schlüssel in der Hand, wir müssen ihn nur ins Schloss stecken und schauen, ob er sperrt. Wir können innerhalb kürzester Zeit diese Studie mit einer viel höheren Fallzahl untermauern oder auch widerlegen“,

so Kellermayr gegenüber ZackZack.

Dadurch das in Österreich zig Patienten mit Budesonid behandelt wurden, müsste man sich nun ganz genau die Details anschauen und untersuchen, wer Budesonid verschrieben bekommen hat und gleichzeitig die Diagnose Covid-19 in den Daten hat und was mit diesen Menschen in Folge passiert ist:

“Schauen wir in die Daten rein. Ist es wieder eines von vielen Medikamenten, wo der Schein trügt, oder haben wir hier wirklich diesen Game-Changer in der Hand? Wir müssen nur die Augen aufmachen.”

 (mst)

Titelbild: APA Picturedesk

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