»Moralische Bedenken«: Polnische Bischöfe gegen zwei Corona-Impfstoffe

Weil bei ihrer Entwicklung aus Abtreibungen gewonnene Zellen zum Einsatz kommen, sprach sich die polnische Kirche gegen die Impfstoffe von AstraZeneca und Johnson&Johnson aus. Damit stellt man sich gegen den Vatikan.

 

Florian Bayer

Warschau, 19. April 2021 | Die katholische Kirche in Polen hat „schwere moralische Einwände“ gegen die Impfstoffe von AstraZeneca und Johnson&Johnson. Bei der Produktion würde „biologisches Material“ von abgetriebenen Föten verwendet, so die polnische Bischofskonferenz. Dies berichtet die Nachrichtenseite „Notes from Poland“ mit Sitz in Krakau.

Gläubige Katholiken sollen „nach Möglichkeit“ andere Impfstoffe verwenden – jene von Biontech-Pfizer und Moderna seien problemlos verwendbar, da „keine solchen Zelllinien“ verwendet würden, sagt Józef Wróbel, Weihbischof im südpolnischen Lublin.

„Ablehnung artikulieren“

„Die Gläubigen, die keine andere Wahl haben und aus beruflichen oder existenzielle Gründen darauf angewiesen sind, können das ohne moralische Schuld tun. Sie haben die Pflicht, das Leben und die Gesundheit von anderen zu schützen“, so der Weihbischof. Sie müssten aber „ihre entschlossene Ablehnung der Verwendung biologischen Materials aus unmoralischem Ursprung artikulieren“.

Der Hintergrund: Fötale Zelllinien werden tatsächlich für die Impfstoff-Entwicklung herangezogen. Sie stammen aus Zellen, die vor Jahrzehnten bei Routine-Abtreibungen in den Niederlanden entnommen und seitdem in der Forschung verwendet wurden. Die Zellen haben sich seit ihrer Gewinnung in den 1970er und 1980er Jahren aber vielfach vermehrt und „tausende Generationen“ vom Ausgangsmaterial entfernt, heißt es etwa vom Gesundheits-Dienstleister Nebraska Medicine.

Vatikan gab grünes Licht

Im Dezember hatte sich der Vatikan trotz seiner Ablehnung von Schwangerschaftsabbrüchen für die Verwendung aller Corona-Impfstoffe ausgesprochen. „Alle sicheren und wirksamen Impfungen können mit gutem Wissen verwendet werden, da es keinen formalen Zusammenhang mit den Abtreibungen gibt, aus denen die Zellen gewonnen wurden“, heißt es vom Heiligen Stuhl.

Die aktuellen Äußerungen in Polen geschehen vor dem Hintergrund einer heftigen gesellschaftspolitischen Debatte. Die rechtskonservative Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) wollte seit ihrer Machtübernahme 2015 die ohnehin äußerst strengen Abtreibungsgesetze weiter verschärfen. Große Proteste, etwa der „Czarny Protest“ (schwarzer Protest), konnten dieses Vorhaben zumindest lange verzögern.

Verschärfte Gesetze

Im Oktober 2020 entschied das polnische Verfassungsgericht schließlich, dass Abtreibungen von Föten mit schweren Missbildungen verfassungswidrig seien. Der „Schutz des ungeborenen Lebens“ überwiege. Es folgten die größten Proteste seit der Solidarność in den 1980ern, doch die Gesetzesänderung trat Ende Jänner 2021 in Kraft. Damit sind Abtreibungen nur noch bei Vergewaltigungen und bei schwerer Gesundheitsgefahr der Schwangeren erlaubt.

Der polnische Verfassungsgerichtshof wurde im Zuge einer umstrittenen Justizreform mit regierungstreuen Richtern besetzt. Laut dem Gros der Experten ist die verschärfte Abtreibungsgesetzgebung ein Geschenk der Regierung an die mächtige katholische Kirche, die in mehreren Wahlen für die PiS gelaufen ist.

Die Abtreibungsdebatte reiht sich in eine Reihe weiterer harter Entscheidungen ein, etwa die Schaffung von „LGBTQ-freien Zonen“ in vielen Teilen des Landes und strafrechtliches Vorgehen gehen Frauenrechts- und LGBTQ-Aktivisten. Und erst letzte Woche gab der Verfassungsgerichtshof bekannt, dass der Beauftragte für Bürgerrechte, der für die Regierung unbequeme Adam Bodnar, zurücktreten muss.

Titelbild: APA Picturedesk

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