Krisenmodus: Recherchen und ihre Nebenprodukte

In der Redaktion von ZackZack ist immer etwas los. Den wöchentlichen Einblick gibt diesmal Benjamin Weiser.

 

Wien, 24. April 2021 | Leserinnen und Leser bekommen ja meist nur das veröffentlichte Resultat einer Recherche mit. Hintergründiges bleibt in der Regel verborgen. Sie lesen einen Artikel und denken sich im besten Fall: So ist das! Hab’s immer gewusst! Solche Hund‘! Oder auch: Ich liebe meinen Kanzler (drei Kusssmileys).

Was im Zuge heikler Recherchen abläuft, ist aber so faszinierend, dass ich Ihnen das nicht vorenthalten möchte. Ich halte das im Sinne demokratischer Hygiene nur für angebracht. Treue ZackZackler kennen ja bereits das Beispiel des Sprechers einer Ministerin. Dieser versuchte mich, während einer mehrteiligen Recherche eines misslungenen Großprojekts in Verantwortung seiner Chefin, auf Twitter zu diskreditieren. Eine Anfrage zu möglichen Verwandtschaftsverhältnissen von Auftraggebern und –Nehmern erboste ihn. Daher kam er auf die Idee, die Anfrage mit samt meiner Handynummer auf Twitter zu posten. „Eure Unterstellungen werden immer absurder“, hieß es da im Begleittext. Bis auf wenige Ausnahmen kassierte er einen Shitstorm, löschte das Posting aber erst einen halben Tag später. Die Beantwortung meiner Frage per Mail kam ebenfalls reichlich spät – ohne Entschuldigung, dafür mit einer neuerlichen Anschuldigung. In der Zwischenzeit klingelte mein Handy, es war ein anonymer Drohanruf.

Mittlerweile werden die Drohungen kreativer. Mal kommen sie als Lob getarnt daher, mal ungetarnt als paternalistische Belehrungen oder in Form skizzenhaften Aufzeigens möglicher Folgen. Jüngstes Beispiel: „Wenn Sie das bringen, Herr Weiser, dann muss ich leider andere Saiten aufziehen“. „Leider“ ist in diesem Zusammenhang natürlich ein wunderbarer Begriff. Naja, und manchmal wäre es im Sinne der Steuerzahlerinnen gar nicht schlecht, andere Seiten aufzuziehen! Ich vermute aber, dass der Drohende da andere Vorstellungen als ich hat. Besonders interessant ist die Bezeichnung von Presseanfragen als „Unterstellungen“, was immer wieder vorkommt. „Sie arbeiten untergriffig! Ich lasse mir das nicht gefallen.“ Das ist gewissermaßen eine Serviceleistung für Journalisten, denn dann können sie sich auf erwartbare PR-Kampagnen gegen den Artikel vorbereiten. Tenor: das ist nicht sauber recherchiert, enthält ausschließlich Anschuldigungen, ist Politpropaganda gegen absolut integre Persönlichkeiten!

Jetzt könnte man sich denken, dass in funktionierenden Demokratien zumindest bei Amtsträgern ein gewisses Maß an Professionalität vorhanden ist, welches auch die saubere Beantwortung einer Presseanfrage beinhaltet. Für Behörden besteht gesetzliche Auskunftspflicht. Ja richtig, selbst in einem Land mit Amtsgeheimnis („Bin per SMS erreichbar! Venceremos!“) und falscher Hörigkeit, haben Behörden Journalisten zu antworten. Außer, die Frage ist: „Ist es richtig, dass Sie gerade mit der CIA einen Putsch in Takatukaland vorbereiten?“ Lustig wäre natürlich eine Antwort wie: „Ja, das ist richtig. Bitte beachten Sie für diese Meldung eine Sperrfrist bis morgen, 16 Uhr! (Da ist der Putsch dann hoffentlich erfolgreich durchgeführt, Zwinkersmiley)“. Was hingegen tatsächlich immer wieder vorkommt, sind Antworten, die keine sind. Sogenannte Antworten „off record“. Da bekommt man dann alles brühwarm erzählt („Die haben sich das ausgemacht, das ist ja klar, wir wissen das beide – c’mon.“), darf aber selbstverständlich nichts davon der Öffentlichkeit sagen. „Off record“-Gespräche können durchaus Sinn machen, etwa um Hintergründiges zu erfahren und die Sachlage damit besser einschätzen zu können. Vorsicht vor falschen Fährten ist im Journalismus natürlich ohnehin immer geboten. Meistens haben solche Gespräche allerdings den Sinn, den „off record“-Schutz zu nutzen, um Dinge hinter vorgehaltener Hand zuzugeben und dem Journalisten damit die Geschichte gleichsam abzuschießen. Man weiß dann, was wirklich geschah, darf es aber nicht schreiben.

Unsere Leserinnen und Leser wissen jedoch bereits, dass wir auch ohne derart verlockende Gesprächsangebote einen großen Schatz an Informationen und ein immer größeres Netzwerk haben. Wir haben uns daran gewöhnt, dass das Kanzleramt Antworten pauschal verweigert. Manchmal kann ich das verstehen. Ich meine, was hätte der Kanzler denn antworten sollen? Dass er nicht per Du war mit Markus Braun? Das wäre ja eine falsche Aussage gewesen, wie unsere Belege zeigen. Und das, liebe Leserinnen und Leser, wäre wirklich ein Skandal!

Titelbild: APA Picturedesk

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