Königin Sebastian und der böse Geist

Machen wir es wie die Bienen! Es braucht nur eine einzige Arbeiterin, um etwas ganz Neues zu beginnen. Die muss aber ein echter Quälgeist sein.

Thomas Walach

1. Mai 2021 | Der heimliche Star in Goethes Faust ist der Mephisto. “Ich bin der Geist, der stets verneint.” So stellt Mephisto sich vor. Mit dem christlichen Teufel hat das wenig zu tun. Man ahnt, das ist ein Teil von Faust, der sich da meldet und dessen Vorstellungen radikal in Frage stellt.

Um zu wissen, wer wir sein wollen, müssen wir erst einmal wissen, wer wir nicht sein wollen. In hegelianischen Begriffen: Wir brauchen die verneinte Negation, um zu uns zu finden. Mephistos Aufgabe ist, “Nein” zu sagen. Das versteht er als konstruktive Tätigkeit.

Der politmediale Komplex hat sich zu bequem eingelebt. Niemand sagt ihm “Nein”, weil schließlich eine Krähe der anderen kein Auge aushackt. Für’s Geschäft gibt’s ein Gegengeschäft. Fellner weiß das, Sobotka weiß das – jeder weiß das. Und fast alle sind damit zufrieden. In unserer kleinen, verstaubten Republik fehlt es an bösen Geistern, die unsere Gewohnheiten irritieren.

Am 1. Mai des letzten Jahres schrieb ich einen Leitartikel, in dem ich voraussagte, dass sich die türkise Partei mit ungeahnter Geschwindigkeit an allen wichtigen Positionen der Republik festsetzen würde, weil im politisch-medialen Komplex niemand ernsthaft Widerstand leistet. Das war leicht vorherzusehen. Zackzack ist seitdem in einer Art und Weise gewachsen, die allerdings niemand vorhergesehen hat. Eine halbe Million Menschen liest uns mittlerweile Monat für Monat. Das ist vielleicht endlich der böse Geist, der gebraucht wird.

Die alte Bienenkönigin

Aber was können wir gemeinsam – die Redaktion, die Leserinnen und Leser, die Clubmitglieder und Unterstützer – wirklich tun? Die Stoiker rieten, Staatskunst von den Bienen zu lernen. Wenn ein Bienenvolk beschließt, dass es einen Neuanfang braucht, sind es die Arbeiterinnen, die diese Entscheidung treffen. Die alte Königin wird mit ihrem Hofstaat fortfliegen, damit die im Stock verbliebenen Bienen ganz neu beginnen können. Bloß: Die Königin will das gar nicht. Warum auch? Sie sitzt im gemachten Nest, umsorgt und gehegt von ihren Höflingen, inmitten von Honigvorräten.

Die Arbeiterinnen machen es deshalb der Königin auf vielerlei Art so unbequem wie möglich. Alle paar Schritte wird die Monarchin von einer Arbeiterin gepackt und heftig gerüttelt. Eine Biene fängt irgendwann damit an. Und wenn die Zeit reif ist, machen erst einige und dann immer mehr mit. Die Königin nervt das tierisch. Irgendwann räumt sie das Feld. Die erste Biene, das ist der Mephisto des Bienenvolks.

Wenn, wie vor einiger Zeit gehört, ein ÖVPler im Ibiza U-Ausschuss zum andern sagt: “Dieses Scheiß ZackZack – können die nicht einmal die Pappn halten?”; wenn der Kanzler ein Hintergrundgespräch veranstaltet, um sich über uns zu beschweren; wenn regierungsnahe Medien und Oligarchen mit Klagsdrohungen verhindern wollen, dass wir über sie berichten, dann merkt man: das ständige Rütteln wirkt. Die Königin ist tierisch genervt.

Es müssten nun genug andere mitmachen, sodass die Bienenkönigin Sebastian mit ihrem Hofstaat vom politisch-medialen Komplex zur Raiffeisen fliegt. Danach können wir uns überlegen, ob und wie wir gemeinsam den Stock umbauen wollen. Denn die nächste Königin kommt bestimmt.

Titelbild: APA Picturedesk

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