»Es ist nicht mehr kontrollierbar«

Indien schnappt nach Luft

Indien hatte seine erste Corona-Welle glimpflich überstanden. Doch die zweite nimmt dem Land buchstäblich den Atem. Jeden Tag sterben tausende Menschen am Virus.

Neu-Delhi, 03, Mai 2021 | Jeden Tag versucht Abhishek Sharma eine große Sauerstoffflasche zu füllen. Stundenlang steht er mit unzähligen anderen Schlange, um den Sauerstoff zu ergattern, den sein Vater zum Atmen braucht. Sauerstoff ist die neue harte Währung im Land, berichtet der “Guardian”. Selbst die Elite – Politiker, Anwälte, Journalisten – betteln auf Twitter um Sauerstoff für ihre sterbenden Angehörigen. Der Schwarzmarkt boomt. Es sei eine morbide Form der Demokratisierung, sagt die Schriftstellerin Arundhati Roy. Am 24. April ging dem Jaipur Golden Hospital in Delhi der Sauerstoff aus. 20 Menschen starben deshalb noch am selben Tag in den Krankenhausbetten, wie indischen Medien berichteten.

Das Überleben ist dennoch auch eine Frage des Geldes. Allein für die leere Sauerstoffflasche musste Sharma den Gegenwert von 780 Euro bezahlen, erzählt er der BBC. Das ist das durchschnittliche Einkommen eines halben Jahres. Das Spital hatte längst keinen Sauerstoff mehr, als sich der Zustand von Sharmas Vater am Samstag verschlechterte. Seitdem ist er jeden Tag auf der Suche nach dem Sauerstoff, ohne den sein Vater sterben würde.

Laut offiziellen Zahlen hat Indien pro Kopf weniger Coronatote als Österreich. Knapp 3.700 Menschen starben landesweit am 1. Mai an Corona. Doch die Dunkelziffer ist laut Experten hoch. Wie vielen Menschen wirklich jeden Tag buchstäblich die Luft zum Leben ausgeht, weiß niemand. Die Spitäler werden der Lage schon seit Wochen nicht mehr Herr.

Böses Erwachen

Indien war bis vor Kurzem vergelichweise glimpflich durch die Krise gekommen. Das Land, in dem so viele Medikamente hergestellt werden wie nirgends sonst auf der Welt feierte schon den Sieg über das Virus. Die Zahl der täglichen Neuinfektionen war auf 11.000 zurückgegangen. Masken verschwanden aus dem Straßenbild, Hochzeiten wurden gefeiert, Regionalewahlen abgehalten; das Land, indem über einer Milliarde Menschen teils auf engstem Raum zusammenleben, kehrte zur Normalität zurück.

Premierminister Narendra Modi jubelte: Sein Land – Heimat von fast einem Fünftel der Weltbevölkerung – habe die Welt “vor einer großen Katastrophe gerettet”, indem es das Virus so erfolgreich eingedämmt habe. Doch Mitte März begannen die Fallzahlen rasch zu steigen. 400.000 Neuerkrankungen gibt es laut offiziellen Zahlen am Tag. Ein großer Teil der Menschen auf den Intensivstationen ist unter 40 Jahre alt und hatte keine Vorerkrankungen.

Eine neue Virusmutation geht um. Sie heißt B.1.617. Vieles deutet darauf hin, dass sich Menschen, die bereits einmal an Covid-19 erkrankt waren, mit der neuen Variante wieder anstecken. Die medizinische Infrastruktur im Land sei völlig zusammengebrochen, sagt Indien-Expertin Eva Wallensteiner zur APA. “Ich glaube, es ist nicht mehr kontrollierbar.”

Nichts geht mehr

Auf 1500 Menschen kommt in Indien gerade einmal ein Arzt. In Österreich sind es acht. In ländlichen Gebieten sei die Lage besonders schlimm, sagt BBC-Indienkorrespondent Yogita Limaye. Menschen müssten weit reisen, um überhaupt irgendeine Form medizinischer Versorgung bekommen zu können. Die Regierung hat inzwischen hektische Aktivität entwickelt. Züge würden requiriert, Militärflugzeuge eingesetzt, um den knappen Sauerstoff im Land zu verteilen. Doch der komme bei den Menschen, die ihn brauchen, nicht an, sagt Limaye.

Hotlines wie die heimische 1450 wurden eingerichtet. Dort sollen sich die Angehörigen von Coronapatienten melden, die ein Spitalbett bräuchten. Doch der Anruf sei sinnlos, so Limaye. Es gäbe schlicht keine freie Betten mehr. Om Srivastava, Infektiologe aus Mumbai erklärt, dass Indien auf den plötzlichen Bedarf an Sauerstoff nicht vorbereitet gewesen sei. Nun kann er nicht so schnell produziert werden, wie die Kranken ihn verbrauchen.

Österreich: “Keine Panik”

B.1.617 ist vergangene Woche in Österreich angekommen. Reisende aus Indien konnten ungehindert einreisen, die Infektion einer Frau in Salzburg fiel erst bei einem Routinetest am Arbeitsplatz auf. Mittlerweile gibt es weitere bekannte Fälle in Salzburg und dem Burgenland. Salzburgs Landessanitätsdirektorin sieht “keinen Grund zur Panik”. Es gäbe derzeit keine Hinweise darauf, dass B.1.617 gefährlicher sei als andere Mutationen. Weil sie aber neu sei, müsse man sie “im Auge behalten.”

Die Angehörigen der Verstorbenen in Indien haben derweil ein weiteres Problem: Wohin mit den Körpern der Toten? Das Bestattungswesen ist zusammengebrochen. Die Menschen helfen sich, indem sie lokale Initiativen bilden, um die Toten aus den Häusern zu holen und zu bestatten.

“Irgendwann wird es vorüber gehen,” sagt Arundhati Roy. “Natürlich wird es das. Aber wir wissen nicht, wer von uns diesen Tag erleben wird.”

(tw)

Titelbild: APA Picturedesk

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