Warum so viele Femizide?

Konfliktforscherin Birgitt Haller im Interview

Österreich ist bei Morden an Frauen trauriger Rekordhalter in der europäischen Union. Warum, erklärt Expertin Birgitt Haller im Interview.

Wien, 06. Mai 2021 | Nirgendwo in der Europäischen Union gibt es gemessen an der Bevölkerung so viele Frauenmorde wie in Österreich. Nur hierzulande werden mehr Frauen als Männer ermordet – meist von ihren (Ex-)Partnern. Bisher waren es in Österreich neun Morde allein im Jahr 2021. Gerade in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag erschoss ein Mann seine Ex-Freundin und ihre Mutter. Es waren der zehnte und elfte Femizid in Österreich in diesem Jahr.

Die Konflikt- und Gewaltforscherin Birgitt Haller, die sich unter anderem auch mit dem Thema Gewalt an Frauen auseinandersetzt, erklärt im Interview mit ZackZack, was konkret getan werden muss, um Fälle wie diese in Zukunft zu vermeiden.

ZackZack: Innenminister Karl Nehammer rief beim Sicherheitsgipfel vergangenen Montag Frauen, die von Gewalt betroffen sind, dazu auf, sich an die Polizei zu wenden. Es ist natürlich wichtig, Frauen und Mädchen zu schützen. Aber ist es nicht genauso wichtig, Männer und Jungen entsprechend aufzuklären und zu sensibilisieren?

Birgitt Haller: Ich sehe das genauso, einmal abgesehen davon, dass ich von dem Begriff „Sensibilisierung“ nichts halte, weil der sehr schwammig ist. In erster Linie geht es darum, neue Männerbilder zu verankern – das halte ich für sehr wichtig.

ZZ: Expertinnen gehen davon aus, dass 228 Millionen Euro für wirkungsvolle Gewaltprävention benötigt wird – derzeit stehen nur 14,5 Millionen zur Verfügung. Ist die Forderung nach einer so großen Erhöhung realistisch?

BH: Nein, ich glaube nicht, dass das realistisch ist. Aber ich finde es gut, Maximalforderungen zu stellen. Bekommen tut man eh immer weniger – und was schon völlig klar ist: Die Maßnahmen, die von den Ministerinnen und Ministern präsentiert wurden, sind sehr sinnvoll. Nur: Ohne zusätzliches Budget wird das natürlich nicht möglich sein, auch nicht im Sinne von Umschichtungen. Beratungseinrichtungen und Frauenhäuser brauchen vor allem zusätzliches Personal – das kostet natürlich Geld.

 ZZ: Die Sensibilisierung von Justiz und Polizei steht auch im Programm – was erwarten Sie sich davon?

BH: Es sind wichtige Maßnahmen, es geht nur meines Erachtens weniger um Sensibilisierung, es geht primär darum, Wissen zu vermitteln.

ZZ: Warum ist immer von „Tötungsdelikte an Frauen“ und nicht von „Mord“ die Rede?

BH: Weil es sich auch um Totschlag handeln kann. Wobei sich der Begriff „Femizid“ zu meiner Freude immer stärker weiterverbreitet.

ZZ: Stichwort „Beziehungsdrama“ – Was halten Sie davon, dass Femizide mit solchen Schlagzeilen verharmlost werden?

BH: Das Problem ist das Wording, das die Medien benutzen. Ein Mord ist kein Beziehungsdrama!

ZZ: Was kann die Politik konkret tun?

BH: Eine Verstärkung der Zusammenarbeit der Institutionen, Fallkonferenzen, Verstärkung des Themas in der Richterschaft und Staatsanwaltschaft. Das sind auch alles Forderungen, die von der Frauenseite längst gestellt wurden.

ZZ: Hat das nicht zu lange gedauert?

BH: Auf jeden Fall. Die Ergebnisse meiner Studie zu Mord an Frauen, die ich bereits 2011 abgeschlossen habe, finden sich wieder in einer Studie des Instituts für Strafrecht – die ist inzwischen auch schon ein paar Jahre alt. Seither gab es wieder einige Morde.

EU-Länder, in denen mehr Frauen als Männer ermordet werden. / © Katapult-Magazin

ZZ: Warum sind viele Männer in Beziehungen gewalttätig?

BH: Das hat mit unserer patriarchal geprägten Kultur, mit Sozialisation und Tradition zu tun. Die wichtigen, machtvollen Positionen werden von Männern eingenommen – in der Politik, in der Wirtschaft. Frauen sind weniger „wert“. Es gibt sozusagen ein „starkes Geschlecht“ und ein „schwaches Geschlecht“. Männer lernen immer noch zum größten Teil, dass es darum geht, keine Emotionen zu zeigen, keine Schwächen zu zeigen, Sachen durchzuziehen. Auch das Besitzdenken der Partnerin gegenüber – das hat alles mit der Sozialisation im Patriachat zu tun.

Eine Liste wichtiger Hilfseinrichtungen ist hier zusammengefasst.

Das Interview führte Julia Zander

Titelbild: APA Picturedesk

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