»Gaffen tötet«

Rettungssanitäter wollen Schaulustige abschrecken

Immer wieder behindern Schaulustige die Arbeit von Rettungskräften. Die Johanniter wollen Aufnahmen von Unfällen künftig verhindern – mit einem speziellen QR-Code auf ihren Fahrzeugen. In Berlin soll das Projekt getestet werden. ZackZack hat mit dem Landesvorstand gesprochen.

 

Berlin, 07. Mai 2021 | “Gaffen tötet” – diese Botschaft soll künftig auf den Smartphones von Schaulustigen erscheinen, wenn sie Unfalleinsätze der Johanniter-Unfall-Hilfe fotografieren wollen. Möglich soll das durch einen technischen Trick gemacht werden: QR-Codes an den Rettungsfahrzeugen oder an der Ausrüstung der Retterinnen lösen auf den Smartphones von fotografierenden “Gaffern” einen Warnhinweis aus.

Foto: Screenshot Video Johanniter-Unfall-Hilfe e.V.

Die Johanniter haben die Idee einer Werbeagentur aufgegriffen und setzen diese derzeit in einem Pilot-Projekt um. Ziel sei es, Aufmerksamkeit für das Thema “Gaffen am Unfallort” zu schaffen. Die Aktion soll von den Johannitern erstmals im Projektraum Berlin in den nächsten Monaten ausgetestet werden. ZackZack hat mit dem Rettungsassistenten und Landesvorstand der Johanniter-Unfall-Hilfe im Landesverband Berlin/Brandenburg, David Kreuziger, über die Aktion gesprochen.

“Es entscheiden wenige Minuten über Leben und Tot”

ZackZack: Wie kam es zu der Idee, QR-Codes auf Rettungswägen zu kleben?

David Kreuziger: Immer wieder kommt es vor, dass die Arbeit unserer Rettungskräfte durch Schaulustige behindert wird. Das muss sich ändern, denn oft entscheiden schon wenige Minuten über Leben oder Tod. Wenn Menschen meinen, Sie müssen am Einsatzort aufnehmen oder Fotos machen, können wir Sie durch den QR-Code darauf hinweisen, dass das eigentlich verboten ist.

ZackZack: Können die Seitenaufrufe der QR-Codes ausgewertet und nachverfolgt werden?

David Kreuziger: Die Seitenaufrufe können, wie bei jeder Internetseite, sicher mitgezählt werden – wir wollen hiermit jedoch nicht die Aufgabe der Polizei oder der Staatsanwaltschaft übernehmen. Das ist auch eine Sorge und Kritik, die schon da war. Aber wir haben einfach das Problem, dass uns Menschen bei unserer Arbeit hindern. Momentan müssen wir sie auch konkret ansprechen. Das hält uns von unserer eigentlichen Arbeit ab. Das wollen wir durch den QR-Code einigermaßen automatisieren, sodass der die Menschen für uns darauf hinweist. Wir hoffen, dass der Apell auch ankommt und verstanden wird.

ZackZack: Glauben Sie, die Arbeit der Rettungskräfte wird durch die Gaffer von außen bewertet und erschwert?

David Kreuziger: Ja, das ist ein riesen Problem. Auch wenn die Rettungskräfte Profis sind, arbeiten sie oftmals in Ausnahmesituationen, gerade bei schweren Ereignissen mit schwerstverletzen oder teilweise auch toten Menschen. Da können sie es nicht gebrauchen, dass irgendjemand mit einer Kamera daneben steht und hinterher noch sagt ‘Das und das hättest du aber noch besser machen können’. Die machen alle einen unglaublich guten Job, haben dann aber währenddessen noch im Hinterkopf, dabei bewertet zu werden. Selbst der abgehärtetste Rettungssanitäter ist am Ende nur ein Mensch.

ZackZack: Es gibt ja auch Situationen, wo es teilweise hilfreich sein kann, wenn Menschen mit ihrem Handy aufnehmen – Stichwort Polizweigewalt. Wie stehen Sie dazu?

David Kreuziger: Da bin ich auch völlig bei Ihnen. Das Projekt soll auf gar keinen Fall ein Instrument sein, um einen blinden Fleck zu schaffen. Dennoch gibt es einfach, auch auf Seiten der Polizei, keine Ressourcen, sich vor allem bei Unfällen um Gaffer zu kümmern.

Letztendlich ist uns aber am wichtigsten, dass die Privatsphäre des Betroffenen nicht gestört wird. Da muss man sich auch mal überlegen: Was wäre, wenn ich da liegen würde und gefilmt werden würde? Ich glaube, das finden die wenigsten Leute lustig und gut.

ZackZack: Glauben Sie auch Menschen bei größeren Unfällen, wie zum Beispiel auf der Autobahn, mit dem QR-Code sensibiliseren zu können?

David Kreuziger: Wie oft passieren auf der Autobahn Folgeunfälle, weil die Leute bei Unfällen auf der Autobahn aus ihrem Auto steigen, um zu schauen, was weiter vorne passiert ist? Sie versperren damit den Rettungskräften den Rettungsweg, was einige Leben kosten kann. Auch da wollen wir natürlich eine Wirkung erzielen.

Wenn wir an vielen Stellen einen kleinen Effekt erreichen, dann ist es in Summe ein großer Erfolg.

ZackZack: Danke für das Gespräch!

Titelbild: APA Picturedesk

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