Gemischte Gefühle vor Schulöffnung am Montag

Wie denken Schüler, Lehrer und Eltern über den bevorstehenden Vollbetrieb in allen Schulen? Wir haben uns umgehört: Manchen geht die Öffnung zu schnell, anderen macht der Leistungsdruck zu schaffen.

Wien, 15. Mai 2021 | Am Montag öffnen die Schulen wieder im Vollbetrieb. Nicht wenige Experten sehen das kritisch, auch haben mittlerweile mehr als 6.500 Menschen einen offenen Brief für sichere Schulen unterschrieben. Dennoch überwiegen im politischen und medialen Diskurs die positiven Reaktionen auf die Öffnung. Wir haben Stimmen von Schülern, Lehrern und Eltern eingefangen – diese sind nicht zwangsläufig repräsentativ, jedenfalls aber aufschlussreich.

Schülerinnen und Schüler

„Wir begrüßen die Öffnung, die Schüler brauchen das“, sagt Jeremie Dikebo, OÖ-Landesschulsprecher der Berufsschulen. Er verstehe zwar die Angst, dass die Öffnung vielleicht zu früh sein könnte, doch „die Zahlen gehen derzeit kontinuierlich nach unten und wir hoffen, dass das so bleibt.“

Seine Mitschüler von der Berufsschule Vöcklabruck freuen sich, wieder arbeiten zu können. Gerade Lehrlinge seien ja doppelt belastet, da sie doppelten Leistungsdruck von Arbeitgeber und Berufsschule verspüren. Auch die Unterbringung in Internaten sei in den letzten Monaten stark erschwert gewesen.

Ähnlich sieht das auch Lina Feurstein, Schulsprecherin am BG Gallus in Bregenz: „Die meisten Mitschülerinnen und Mitschüler sind froh, wieder regelmäßig in der Schule sein zu dürfen. Sie freuen sich, ihre Freunde wiederzusehen und ihre gewohnte Struktur zu haben.“ Die Unsicherheit, wie es weitergeht, sei aber auch belastend – ob etwa Schularbeiten wie in einem regulären Schuljahr stattfinden, oder ob es Erleichterungen beim Stoff gibt. „Die Lehrer sitzen da im selben Boot wie wir. Diese Anweisungen müssten eigentlich aus dem Ministerium kommen“, sagt Feurstein.

Dass sich die Schüler bei Vollbetrieb an die Abstandregeln halten (können), glaubt sie nicht. Ihr zufolge können auch viele nicht nachvollziehen, warum es sowohl drei wöchentliche Antigen-Schnelltests als auch die FFP2-Maske braucht. Sie findet, dass jedenfalls auch weiterhin Fernunterricht angeboten werden sollte: Für Schüler, die Risikogruppen angehören, sowie für jene, die früher oder später in Quarantäne sein werden.“

Die Schulsprecherin kritisiert auch fehlendes Betreuungspersonal. Zwar soll es im kommenden Jahr 20 Prozent mehr geben, was sich erstmal gut anhöre. „Tatsächlich ist das aber viel zu wenig. In Vorarlberg gibt es dann 13 statt derzeit 11 Schulpsychologen, die sich um 60.000 Schüler kümmern. Und das wird als Erfolg verkauft“, sagt Feurstein.

Auch Jennifer Berger, Schulsprecherin am International Business College Hetzendorf, begrüßt grundsätzlich die Öffnungen:  „Viele sind online nur schwer mitgekommen, hatten vielleicht nicht die technischen Ressourcen oder keine stabile Internetverbindung. Und auch die sozialen Kontakte sind extrem wichtig.“

Weil ihrer Meinung nach die Coronazahlen immer noch „extrem hoch“ seien, wäre es aber durchaus vernünftig gewesen, noch zwei, drei Wochen abzuwarten. Auch sie wünscht sich, dass die Lehrer Druck rausnehmen. Vereinzelt sei zwar der Stoff reduziert worden, viele Lehrer verlangen aber so viel wie in einem normalen Schuljahr, trotz der aufgestauten Rückstände. „Viele schauen nur auf ihr eigenes Fach und sehen nicht, unter wie viel Druck wir insgesamt stehen“, sagt sie.

Lehrerinnen und Lehrer

„Ich fühle mich weder persönlich ausreichend geschützt, noch die Kinder und die Eltern“, sagt eine Innsbrucker AHS-Lehrerin, die anonym bleiben möchte. Die Maßnahmen würden von vielen ihrer Kollegen nur lasch umgesetzt. „Es ist mühsam, beim Kommen in eine Klasse die Schüler ermahnen zu müssen, weil bei den meisten Kollegen Masken runternehmen erlaubt ist, ist das mühsam“, sagt sie.

An ihrer Schule gebe es jede Woche „einen oder mehrere Coronafälle“. Besser als Öffnungen der Schulen wäre ein fortgeführter Schichtbetrieb mit PCR-Gurgeltests sowie Vorbereitungen auf Kinderimpfungen und den Schulstart im Herbst. „Aber laut Bildungsdirektion Tirol und Ministerium ist eh alles voll super. Leider tut auch die ÖVP-lastige Gewerkschaft quasi nichts“, sagt sie. Nur die Gewerkschaft ÖLI-UG (Österreichische Lehrer/innen Initiative – Unabhängige Gewerkschafter/innen) setze sich für sichere Schulen ein, sagt die Lehrerin.

Also haben wir auch dort nachgefragt. Ich freue mich, die Schüler wieder zu sehen, aber mit der Öffnung habe ich schon Bauchweh“, sagt Ursula Göltl, Gewerkschafterin bei der ÖLI-UG und Lehrerin an der BRG Glasergasse in Wien. „Wochenlang hat man den Schülern mitgeteilt, Abstand zu halten, jetzt sitzen sie wieder Schulter an Schulter.“

Die letzten Wochen mit einer Mischung aus Präsenz- und Fernunterricht waren „extrem anstrengend“ für die Lehrer, das werde jetzt wieder besser. Und mittlerweile sei das Lehrpersonal mehrheitlich geimpft. „Nicht aber die Eltern. Viele müssen noch lange auf ihre Impfung warten“, sagt Göltl.

Von den Nasenbohrtests hält sie nicht viel, diese seien eine reine Screeningmaßnahme und viel zu ungenau für verlässliche Einzelergebnisse. Beunruhigend findet Göltl, dass im Zuge der PCR-Gurgelstudie deutlich mehr Infektionen gefunden wurden. Die Dunkelziffer dürfte hoch sein, PCR-Gurgeltests beschränken sich aber nach wie vor auf einige wenige Schulen. Experten wie der Mikrobiologe Michael Wagner fordern sie seit langem in allen Bildungseinrichtungen.

„Die Volksschulen waren zuletzt im Vollbetrieb. Das hätte man wissenschaftlich begleiten und etwa mit den Unterstufen im Schichtbetrieb vergleichen müssen“, sagt Göltl. So hätte man womöglich Lehren für die große Öffnung ziehen können. Problematisch findet sie auch die Kontaktregelungen. Bei bestätigten Erkrankungen müsse die ganze Klasse sofort in Quarantäne geschickt werden. Das ist derzeit nicht immer der Fall und hängt vom Ermessen der Gesundheitsbehörden ab.

„Man wird sich wieder ganz schnell an die Umstellung gewöhnen. Das war letztes Jahr auch nicht anders, als es im September wieder voll los ging“, sagt Göltl. Viele werden sich freuen, dass die Pandemie „vorbei“ ist. Sie selbst wird jedenfalls so viele Unterrichtsstunden wie möglich draußen abhalten und dauerlüften.

Die grundsätzliche Freude über die Öffnung, aber auch die Bedenken teilt auch Hannes Grünbichler, ebenfalls ÖLI-UG-Gewerkschafter und Lehrer an der HTL Weiz in der Steiermark. „Oberstufenschüler sitzen teilweise 11 Stunden am Tag in der Klasse. Wenn es wärmer wird, werden viele die Masken herunternehmen“, fürchtet er.

Warum das Bildungsministerium bis heute keine Luftreinigungsgeräte besorgt hat, versteht er nicht. „Wenigstens ein Appell an die Schulleitungen hätte schon viel gebracht. Dann hätten viele Lehrer solche Geräte eingefordert. Den gab es aber nicht“, sagt Grünbichler. Man habe wohl geglaubt, das brauche es nicht. Auch dass das Ministerium keine Strategie vorgelegt hat, wie man auf steigende Zahlen reagiert, kritisiert er.

Eltern

Und auch die von uns befragten Eltern haben gemischte Gefühle. „Nicht ganz verständlich“ findet es eine Mutter, warum man nicht in den letzten Wochen vor den Ferien noch den Schichtbetrieb beibehalten hat. „Stattdessen wird ein Test nach dem anderen geschrieben und alles reingepackt was noch geht.“

Ihr älterer Sohn ist im Maturajahr, während der jüngere wieder tagtäglich in der Schule sitzt. Die Gefahr einer Ansteckung so kurz vor der Matura ist natürlich gegeben – „nicht so prickelnd“, sieht das die Mutter, die anonym bleiben möchte.

Vor demselben Problem stand auch Monika Paulis, die ihre Tochter vom Präsenzunterricht abgemeldet hat, damit sie den derzeit maturierenden Bruder nicht ansteckt. Nach abgelegter Matura wird die Schülerin wieder in der Klasse sitzen: „Sie sehnt sich schon nach ihren Freundinnen. Ein bisschen Bauchweh hab ich trotzdem, da ich nicht will, dass sie erkrankt.“ Auch Kinder können an LongCovid erkranken, Paulis will Tochter und Sohn daher so bald wie möglich impfen lassen.

„In der Schule dürfte Öffnungs-Hochstimmung herrschen: Ausflüge in den Wurstelprater geplant, Sportunterricht auch indoor. Das alles geht uns etwas zu flott“, sagt Paulis. Sie sei zwar erfreut, dass die Zahlen derzeit sinken, gleichzeitig misstrauisch, dass das auch so bleiben wird. Sie fürchtet vor allem, dass Schulen und Bildungsministerium nicht auf steigende Inzidenzen reagieren werden: „Die werden das sicher einfach bis zu den Sommerferien aussitzen.“

Florian Bayer

Titelbild: APA Picturedesk

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