Not a Bot

Jo eh!

Alles ist ganz normal. Auch die Grünen, eine ganz normale Partei. Und Corona ist – geht es nach dem Kanzler – auch vorbei. Da muss man doch zum Kulturoptimisten werden!

Mittwoch, 19. Mai. Mit dem Zug fahre ich nach Innsbruck, wo im Tiroler Landestheater die Bühnenfassung meines Romans Königin der Berge in der Regie von Felix Haffner Premiere hat. Doppelte und dreifache Aufregung an diesem Tag. In der Innsbrucker Innenstadt ist schon am Nachmittag einiges los. Um 20:00h ist es so weit: Schauspieler, die seit Monaten kein Publikum gesehen haben, treten vor ein Publikum, das seit Monaten keine Schauspieler gesehen hat. Der Saal ist voll, genauer gesagt (um ein Unwort unserer Zeit zu bemühen): corona-voll.

Die Stimmung hat auch (noch) etwas Verhaltenes. Ein corona-voller Saal ist kein voller Saal, ein Publikum mit FFP2-Masken ist nicht das gewohnte Publikum. Dann, in einem Monolog, der nach Bob Dylan Death Is Not the End heißt, und die Inaugurations-Rede eines amerikanischen Präsidenten insinuiert, tritt der Darsteller des Katers Dukakis an die Rampe und liefert ein stimmiges Impromptu: In Anspielung auf Donald Trump sagt er, er habe noch nie zuvor so viele Menschen an diesem Ort gesehen. Zwischenapplaus. Dieser Zwischenapplaus ist wichtig, weil er spontan kommt und Schauspieler und Publikum wie selbstverständlich in ihre Rolle finden.

Die ruinierte Identität

Um 22:00h ist dann Schluss. Auch in der Gastronomie. Das Lockdown-Feeling kehrt zurück. Leere Straßen. Im Hotel sehe ich das Foto der vier Regierungsmitglieder im Schweizerhaus. Was für ein gestelztes Foto. Auf einem Tisch wurden Rohscheiben, Kartoffelpuffer, eine Stelze, unangetastete Teller und Besteck drapiert. Kurz und Köstinger, die nichts anderes kennen als Parteikader, Bierzeltblödheit und Mediengrinsen, grinsen. Jo eh! Da sitzen aber noch zwei andere Menschen. Zwei Menschen, die mir leidtun: Andrea Mayer und Werner Kogler.

Andrea Mayer ist eine intelligente, erfolgreiche Frau, eine Politikerin, die im Gegensatz zu den drei Ks am Tisch Sachpolitik aus jahrzehntelanger Erfahrung in Ministerien und im Kabinett des Bundespräsidenten kennt. Warum ausgerechnet die für Kunst und Kultur zuständige Staatssekretärin sich an diesem Tag nicht beim Besuch einer Kultureinrichtung von der Presse begleiten lässt, sondern im Schweizerhaus über den Rand ihres leeren Tellers blickt, ist für mich nicht begreiflich.

Mayer gehen

Die österreichischen Bühnenverlage und die österreichischen Musikverlage führen aufgrund der Pandemie im Moment einen Überlebenskampf. Viele von ihnen werden mayer gehen, wenn sie keine Überbrückungsfinanzierungen für neun bis zwölf Monate bekommen. In ihrem Bereich gibt es lange Vorlaufzeiten. Vom Ministerium ist hier bisher leider nichts zu hören gewesen. Die dramatische Lage machen weder Presse noch Politik der Bevölkerung entsprechend bewusst.

Noch viel leider (Kann man das so sagen? Wahrscheinlich nicht!), noch viel leider tut mir Werner Kogler. Er ist schon völlig mayer gegangen. Unauslöschlich ist mir leider sein Auftritt mit Kurz und dem grantigen Babyelefanten in Erinnerung. Das Video hat Koglers Deplatziertheit gezeigt. Auf dem Schweizerhausfoto ist es nicht anders. Kogler ist neben sich. Vielleicht betrachtet er sich manchmal selbst und sagt sich: Ich kannte dich schon, als du noch ein Grüner warst.

Ein leerer Teller

Ja, warum denn, warum nur, geht denn der Parteivorsitzende von Die grüne Alternative (Alternative drei Mal unterstrichen!) an diesem Tag nicht in den kleinen Gastgarten eines kleinen Gasthauses und verhilft damit einem kleinen Unternehmen zu einer Medienpräsenz, die es im Moment gut brauchen kann? Das wäre ein schönes Zeichen. Statt alternativer Politik macht Kogler (Leider muss ich sagen: wie immer) ÖVP-Politik. Die Großen werden gefördert, die Kleinen sich selbst überlassen! Wie bei den Medien, so in der Wirtschaft. Jo eh!

Man sieht auf dem Foto auch, dass Kurz den Grünen aus Dank dafür, dass sie mit der ÖVP den Ibiza-Ausschuss im Parlament abgedreht und damit die Aufdeckung der größten Korruptionsskandale einer Regierungspartei in der Geschichte des Landes verhindern wollen, nicht einmal ein Bier bezahlt hat. So billig sind sie zu haben: Ein leerer Teller muss reichen.

Die Macht der Opposition

Wenn der frühere Aubesetzer Kogler heute nicht einmal in der Lage ist, die Kernpunkte des grünen Parteiprogramms aufrechtzuerhalten, dann ist das traurig. Ökologie: Jo eh! Demokratie: Jo eh! Die Aubesetzung stand für die Macht der Opposition, damals sogar einer außerparlamentarischen Opposition, denn die Grünen zogen erst später in den Nationalrat ein. Wenn die Macht der Opposition heute von den Grünen beschnitten wird, dann kann einem dieser Werner Kogler nur leidtun. Achtung und Selbstachtung hat er aufgegeben. Er nimmt alle Nachteile der Regierungsbeteiligung in Kauf und verzichtet auf die Vorteile, die ein kleiner Koalitionspartner hat.

Zum Sieg

Es wird mir immer wieder vorgeworfen, ich sei Kulturpessimist. Ich weiß nicht, was das ist. Ich sehe aber im diesem Vorwurf eine ganz klare Strategie. Jemanden als Kulturpessimisten zu bezeichnen, ist auch einer Art der Diskussionsverweigerung. Man verweigert damit diachrone Betrachtung, also den Vergleich gegenwärtiger Vorgänge mit früheren. Und man zieht sich so auf das Niveau der dumpf dümpelnden Aussagen von ÖVP-Bots zurück: Es ist immer schon so gewesen. Jo eh! Kulturfatalismus statt Kulturpessimismus.

Ich lasse also die Vergangenheit Vergangenheit sein und wende mich ab heute also dem Kulturoptimismus zu: Das Schweizerhaus hat wieder offen. Finanzminister Blümel hat es schon gesagt: Die Wirtschaft ist fast wieder so stark wie vor der Pandemie. Na dann! Sagen wir es rundheraus: Corona ist vorbei. Wir sind am besten durch die Krise gekommen. Alles ist so, wie es schon immer war. Wenn ich Werner Kogler noch einmal treffe (Einmal bin ich ihm schon in Banes Bar in der Köllnerhofgasse begegnet), lade ich ihn ins Gasthaus Zum Sieg in die Haidgasse ein. Wenn es das Gasthaus Zum Sieg dann noch gibt.

Kulturoptimismus

Von den zehn Vorstellungen von Königin der Berge sind schon neun ausverkauft. Das heißt: corona-ausverkauft (= Kulturoptimismus und Werbung in eigener Sache).

Am Innsbrucker Hauptbahnhof habe ich übrigens im Jahr 1991 mit den Tiroler Grünen für die Neutralität und gegen den Transport von NATO-Panzern (für den Einsatz im Irakkrieg) durch Österreich demonstriert. Daran habe ich mit vollem Kulturoptimismus gedacht, als ich am Donnerstag den Zug zurück nach Wien genommen habe. Und ich habe gedacht: Lang, lang, ist’s her. Jo eh!

Titelbild: Wisser

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