Anarchie? Mañana.

Wir Österreicher hätten ein Talent für Anarchismus. Gleichzeitig haben wir aber wohl eine geheime Sehnsucht, von Trotteln beherrscht zu werden. Vielleicht nur, damit wir uns nachher über sie mokieren können.

 

Thomas Walach

Wien, 25. Mai 2021 | Kurz vor Weihnachten 1936 kam George Orwell in Barcelona an. Er wollte als Journalist aus dem Spanischen Bürgerkrieg berichten, doch was er vorfand, ließ ihn augenblicklich die Schreibmaschine gegen ein altes Gewehr tauschen. Orwell trat in die Miliz ein, es war in der damaligen Lage, so schrieb er, das einzig Denkbare, das man tun konnte.

„Die damalige Lage“ waren die Nachwehen dessen, was man den „kurzen Sommer der Anarchie“ nennt. Als das Militär im Juli gegen die junge Republik geputscht hatte, war es nicht der Staat, sondern selbstorganisierte Arbeitermilizen gewesen, die Widerstand geleistet hatten. Dort, wo die Arbeiter sich bewaffneten, also vor allem in Katalonien und Andalusien, errichteten sie für kurze Zeit eine neue, klassenlose Gesellschaftsordnung. Orwell fand das romantisch. Wenn man gerade aus England kam, hatte der Anblick von Barcelona etwas Überraschendes und Überwältigendes. Zum ersten Mal war ich in einer Stadt, in der die arbeitende Klasse im Sattel saß. Kellner und Ladenaufseher schauten jedem aufrecht ins Gesicht.

Ordnung ohne Herrschaft

Organisiert wurde das Ganze von anarchistischen Gewerkschaften und Parteien. „Organisiert“ und „anarchistisch“ erscheint heute als Widerspruch, weil wir Anarchie mit brennenden Autos und Tränengas verbinden. Vom 19. Jahrhundert bis zur Hälfte des 20. war Anarchismus eine Strömung der Arbeiterbewegung, die mit dem Marxismus um die Vorherrschaft kämpfte (und schließlich verlor).

An-archia bedeutet, wie Marx‘ anarchistischer Zeitgenosse Pierre-Joseph Proudhon sagte, „Ordnung ohne Herrschaft“. Das war gerade, was Marx und seine Anhänger nicht wollten. Sie glaubten, dass die Partei die Arbeiterschaft anführen und die Macht im Staat übernehme müsse, um eine bessere Welt zu errichten. Die Anarchisten lehnten das ab. Die Arbeiter müssten sich selbst befreien, sonst würde bloß eine Unterdrückung durch die andere ersetzt.

Das Zion der Anarchisten war die Pariser Kommune. Nach Frankreichs Niederlage im Krieg gegen Preußen hatte im März 1871 das Volk in der Hauptstadt die Macht übernommen. Die Soldaten, die geschickt wurden, um den Aufstand niederzuschlagen, schlossen sich den Kommunarden an. Die hielten sofort Wahlen ab und führten Rechte ein, die uns heute noch nicht selbstverständlich erscheinen: Gleicher Lohn für Männer und Frauen, das Recht auf Arbeit, gratis Schulbildung und Gesundheitseinrichtungen für alle. Nach 72 Tagen endete der Traum, von der französischen Regierung im Blut der Kommunarden ersäuft. 30.000 Menschen starben.

Anarchisten wie Michail Bakunin erkannten Autorität nur an, wenn sie durch ein Mehr an Wissen oder Kompetenz in einer Sache gerechtfertigt war. So ist ein Schuster eine Autorität in Sachen Schuhen, eine Ärztin in Gesundheitsfragen usw. Marktwirtschaft und Geld wollten viele Anarchisten beibehalten, aber die Fabriken sollten den Arbeitern gehören, nicht den Sigi Wolfs ihrer Zeit. Wer in ein politisches Amt gewählt würde, wäre seinen Wählern verpflichtet, nicht umgekehrt. Immer wieder verwiesen Anarchisten auf die Schweiz, ein wohlgeordnetes Land, das sich aber stärker als andere als Zusammenschluss von Bürgern verstand.

Das Selbstbewusstsein katalanischer Friseure

Wo die Anarchie herrschte, fühlten die Menschen ihren Wert. Das beeindruckte Orwell in Barcelona nachhaltig. Menschliche Wesen versuchten sich wie menschliche Wesen zu benehmen und nicht wie ein Rädchen in der kapitalistischen Maschine. In den Friseurläden hingen die Anschläge der Anarchisten (die Friseure waren meistens Anarchisten), in denen ernsthaft erklärt wurde, die Friseure seien nun keine Sklaven mehr.

Wie die Pariser Kommune sollte der spanische Sommer der Anarchie ein furchtbares Ende nehmen. Seine Totengräber waren nicht die Faschisten, sondern die moskautreuen Kommunisten, die an der Seite der anarchistischen Gewerkschaften und Arbeitermilizen kämpften. Im Mai 1937 säuberten die Stalinisten Barcelona nach tagelangen Straßenkämpfen von selbstorganisierten Arbeitern. Todesschwadrone und Verhaftungen erstickten in den „Maitagen“ Orwells Katalonien.  Spanien brachte dem Schriftsteller eine Kugel in den Hals, die er wie durch ein Wunder überlebte, und eine lebenslange Verbitterung gegenüber den Kommunisten ein, die er ebenso wie die Bourgeoisie für Feinde der Arbeiter hielt.

Im obrigkeitshörigen Österreich gab es nie Vergleichbares. Während der „österreichischen Revolution“ (Otto Bauer) 1918-1920 wurden sogar die Arbeiterräte von der sozialistischen Partei bestens verwaltet. Und die Bereitschaft der Österreicher, Führern nachzurennen, deren Autorität ganz sicher nicht auf einem Mehr an Kompetenz beruht, ist notorisch.

Doch in der Pandemie regte sich allenthalben so etwas wie anarchistischer Geist. Vielleicht half der allgemein herrschende Schlendrian – eine Gemeinsamkeit mit Spanien, die Orwell kopfschüttelnd betrachtete. Kein Ausländer wird es vermeiden können, ein spanisches Wort zu lernen, es heißt mañana – „morgen“. Wenn es nur irgendwie möglich ist, wird eine Arbeit von heute auf mañana verschoben. In Spanien ereignet sich nichts zur angesetzten Zeit; sei es eine Mahlzeit oder eine Schlacht. In der Regel geschieht alles zu spät. Nur rein zufällig – damit man sich selbst darauf nicht verlassen kann, dass sich etwas zu spät ereignet – geschieht es manchmal zu früh. Orwells Einheit wurde entsprechend dieser Regel stets mañana  – also nie – am Maschinengewehr ausgebildet. Die Waffen der Milizionäre kamen drei Tage nach den Männern im Schützengraben an. Nur die Tatsache, dass auch auf der anderen Seite Spanier standen, die ihren Angriff mañana machten, rettete sie.

Das klingt sehr österreichisch. Als klar wurde, dass die Regierung nicht wusste, was sie uns mit ihren komplizierten, widersprüchlichen und willkürlichen Lockdownverordnungen eigentlich sagen wollte, traten wir nicht in den Aufstand, sondern nutzten die österreichische Kulturtechnik des Durchwurschtelns. Jeder organisierte sich seine Pandemiebekämpfungsmaßnahmen selbst und fuhr mehr oder weniger gut damit – in Summe funktionierte es irgendwie.

Popcorn-gif.

Wir Österreicher hätten ein Talent für Anarchismus. Gleichzeitig haben wir aber wohl eine geheime Sehnsucht, von Trotteln beherrscht zu werden. Anders ist nicht zu erklären, dass bei uns oft gerade jene Leute gewählt werden, die zuvor ihre Inkompetenz am stolzesten zur Schau stellten. Vielleicht machen wir das nur, damit wir uns nachher über sie mokieren können.

Vielleicht fehlt uns Untertanen aber auch nur das Selbstbewusstsein der katalanischen Friseure. Zur Anarchie gehört nämlich der Wille, für das eigene Tun Verantwortung zu übernehmen. Gerade der ist hierzulande schwach ausgeprägt. Wir Österreicher waren niemals irgendwo dabei und falls doch, dann bloß unabsichtlich. Schon in der österreichischen Unabhängigkeitserklärung heißt es, ein Mann namens Hitler (der mit Österreich nichts zu tun hat), habe das macht- und willenlos gemachte Volk Österreichs in einen sinn- und aussichtslosen Eroberungskrieg geführt (…), den kein Österreicher jemals gewollt hat, jemals vorauszusehen oder gutzuheißen instand gesetzt war. Witz, Witz, komm heraus, du bist umzingelt.

Es ist nur angemessen, dass auch unser Herr Bundespräsident von der österreichischen Krankheit befallen ist. Wenn er auf den Tisch haut, dann leise und auf alle Tische gleichzeitig, man weiß ja nie…

Unsere Regierenden sind uns im Ibiza-Untersuchungsausschuss ein leuchtendes Beispiel österreichischer Tugend. Warum sagt denn der Kanzler nicht einfach, dass er selbstverständlich daran beteiligt war, einen der wichtigsten Posten im Staat – den Thomas Schmids – zu besetzen? Man hätte es ihm schwerlich zum Vorwurf machen können. Nur hätte er dann auch Verantwortung für seine Wahl übernehmen müssen, und Verantwortung scheuen die Regierungsverantwortlichen wie Kärntner Milliardenerbinnen den U-Ausschuss.

Kein Wunder, dass Österreichs Journalisten maulen, wenn eine deutsche Satiresendung keine Investigativrecherche durchführt, um österreichische Regierungskorruption zu enthüllen. Auf den Gedanken, das selbst zu tun, kommen sie mehrheitlich gar nicht. Ein ganzes Land wie Waldorf und Statler aus der Muppet-Show. Hätte der heimische Journalismus ein gif, wäre es das Popcorn-gif.

Verantwortungslosigkeit im Anzug

Die Fähigkeit zur Anarchie – zur Selbstverwaltung – ist eine Frage der politischen Reife. Es kann die Befreiung der Arbeiter nur das Werk der Arbeiter sein, schrieb Bert Brecht. In Österreich war sie stets das Werk der Obrigkeit, mochte sie auch in Person des Parteikassiers vor der Wohnungstür stehen und den Klienten ihre Stimme und ihren Mitgliedsbeitrag für Arbeitsplatz und Gemeindewohnung abkaufen. Seit der Parteikassier nicht mehr kommt, weil er nichts mehr zu verkaufen hat, haben die sogenannten einfachen Leute das Interesse am Sozialismus verloren. Sie schimpfen lieber vom Balkon aus auf die Ausländer; und sogar das delegieren sie noch bevorzugt an Populisten, ob nun im Kärntner- oder im Slim Fit-Anzug.

Vor knapp 12 Jahren hatte Österreich einen anarchistischen Moment. Studenten besetzten den größten Hörsaal des Landes, das Auditorium Maximum der Universität Wien. Sie wollten ihre Bildung selbst in die Hand nehmen, wie das in der Reformunibewegung der 1960er und -70er Jahre geschehen war. Der „Audimaxismus“ schwappte über die Landesgrenzen, die Österreicher ließ er kalt. Dabei hatte er einige Wochen lang funktioniert. Die Studenten kochten füreinander, Medizinstudenten und Sanitäter kümmerten sich um ihre Kommilitonen, Lehrveranstaltungen wurden organisiert, die besetzen Räumlichkeiten gemeinschaftlich gereinigt, eine Zeitung herausgegeben. Es gab keine zentrale Organisation, nur den guten Willen aller. Der ÖH und namentlich ihrer Vorsitzenden Sigi Maurer gaben die Audimaxisten höflich aber deutlich zu verstehen, dass sie als gleichberechtigte Aktivisten willkommen wären, die Bewegung aber nicht vertreten konnten.

Außerhalb des Audimax verstand kaum jemand, was das sollte. Erst recht kam niemand auf den Gedanken, den eigenen Betrieb oder gar die Politik nach dem Vorbild der Audimaxisten zu gestalten.

Neun Millionen Menschen lassen sich nicht organisieren wie ein voller Hörsaal – schon bei den knapp 1000 Audimaxisten stieß das Konzept gemeinsamer Willensbildung aller an seine Grenzen. Anarchisten wie Bakunin waren nicht naiv. Sie glaubten nicht, dass sich eine Gesellschaft ohne politische Institutionen organisieren könne. Sie forderten bloß, dass sich die Befehlsgewalt von unten nach oben richten solle. In so einem System tragen alle die Verantwortung für das eigene Tun wie für das aller. Es rettet uns kein höh’res Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun. Wer wartet, dass die Opposition Österreich von der Dominanz der kleptokratischen Elite im Zeichen des Giebelkreuzes und ihrer politischer Helfer befreit, wird ewig warten. Man kann die Gesellschaft nur ändern, indem man andere Beziehungen eingeht, indem man sich anders zueinander verhält, schrieb der deutsche Anarchist Gustav Landauer, der nach der Niederschlagung der Münchener Räterepublik verhaftet und ermordet wurde. Wer Veränderung will, muss vom Maulen ins Tun kommen. Wann? Nicht mañana, sondern ahora, jetzt gleich.

Titelbild: Gemeinfrei

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