Seil durchtrennt

Not a Bot

Jeden Samstag kommentiert Schriftsteller Daniel Wisser an dieser Stelle das politische Geschehen. Dabei kann es durchaus menscheln – it’s a feature, not a bug!

 

Daniel Wisser

Wien, 29. Mai 2021 | Gerade sitze ich im Zug nach Leipzig und fahre durch Niederösterreich. Das ist nicht gut. Auf meiner Christentum-Landkarte ist dieser Landstrich tief rot: Gewalt, Kindesmissbrauch, Kollaboration mit zwei menschenverachtenden Regimen stehen auf der Verbrechensliste des politischen Christentums in diesem Land. Das ist die Vergangenheit, werden manche sagen. Und heute? Die katholisch-fundamentalistische Unterwanderung der niederösterreichischen ÖVP, jener extremen rechten Zelle, die mit Kurz, Bonelli, Steiner u.a. das Sagen in der Volkspartei und der Regierung hat, ist unbestritten. Kardinäle besuchen ihre Betkreise im Parlament. Kein Wunder, dass man sich im islamistischen Fundamentalismus gut auskennt, wurde man doch selbst fundamentalistisch gedrillt.

Zum Glück hat der Katholizismus für alle Untaten eine Lösung: die Beichte. Als ich sieben Jahre alt war, hielt in dem kleinen burgenländischen Dorf, in dem ich aufwuchs, der Priester des Ortes auch den Religionsunterricht in der Volksschule ab. Eines Tages erklärte er die Beichte: Der Mensch sei mit Gott verbunden, wie mit einem unsichtbaren Seil. Durch die Sünde würde dieses Seil abgeschnitten und die Verbindung mit Gott getrennt. Bei der Beichte würden die zwei durchtrennten Enden wieder verknotet. Was geschähe aber dabei? Das Seil würde durch das Verknoten kürzer. Kurz: Der Mensch sei nach der Beichte Gott näher als zuvor. Ich überlegte und meldete mich zu Wort. Ich fragte den Pfarrer, ob also häufiges Sündigen und darauffolgendes Beichten der beste Weg sei, um Gott näher zu kommen. Für diese Frage erhielt ich eine Ohrfeige.

Eine Ohrfeige

Das war in den Siebzigerjahren, die Ohrfeige war damals nichts Außergewöhnliches. Ich habe sie auch gar nicht negativ in Erinnerung, sondern im Gegenteil als eine Auszeichnung für einen frühen Versuch, aufklärerisch in religiöse Debatten einzugreifen. Ich habe diese Debatten auch als Erwachsener immer wieder geführt und wage, ohne überheblich sein zu wollen, zu behaupten, dass ich die Evangelien besser kenne, als der durchschnittliche österreichische Katholik.

Irgendwann hört sich das Debattieren aber auch wieder auf. Denn wer den Katholizismus kennt, der weiß, dass seine Geschichte eine Geschichte der Missachtung der christlichen Botschaft ist. Für mich ist es die bedeutsamste Szene in Nikos Kazantakis 1951 erschienenen Roman Die letzte Versuchung, in der Jesus dem Apostel Paulus begegnet, der gerade die Lehre Jesu Christi verbreitet. Jesus stellt ihn zur Rede und sagt ihm, wer er sei. Doch Paulus, der Jesus ja nicht kannte, sagt rundheraus, dass es ihm völlig gleichgültig sei, dass er jenen Jesus Christus, dessen Lehre er verbreite, gerade vor sich habe. Kazantakis Darstellung ist so brillant, dass Papst Pius XII. seinen Roman auf die Liste der verbotenen Bücher setzte.

Islamfeindlichkeit und Fremdenfeindlichkeit

Das politische Christentum oder besser gesagt der politische Katholizismus, wie er von der Liste Kurz betrieben wird, bedient sich des Christentums ebenfalls nur als Mittel zum Zweck. Der Zweck ist Macht. Und da der Populismus ein weiteres Mittel zur Macht ist, soll das ostentative Christentum dem Wahlvolk nur eines signalisieren: Islamfeindlichkeit und Fremdenfeindlichkeit.

Kurz‘ Innenminister Nehammer hätte die Möglichkeit, ja sogar die Pflicht gehabt, einen gesuchten Terroristen zu inhaftieren, bevor er Menschen tötete. Er hat es nicht getan und die Toten in Kauf genommen. Danach sinnlose Anti-Terror-Pakete zu verabschieden, war nur lächerliche Symbolpolitik, die zwar millionenfach vom staatssubventionierten Boulevard verbreitet wurde, aber Tote nicht wieder lebendig macht und vor allem, die Bevölkerung nicht vor Terrorismus schützt.

Doppelt Profit schlagen

Die Anzahl gewaltbereiter islamischer Fundamentalisten macht nur einen Promilleanteil der islamischen Bevölkerung der Welt aus. Und ein Großteil dieser verschwindend kleinen Menschenanzahl wird radikalisiert und ausgebildet, weil kapitalistische Interessen an Diktaturen, Unrechtsregimes und Bürgerkriegen in vielen Ländern den Zulauf zu terroristischen Vereinigungen nicht nur dulden, sogar am Anfang sogar (wie in Afghanistan) unterstützt haben. Diese einfache Wahrheit bedingt eine langwierige Politik des Gegensteuerns, die Jahrzehnte lang vorherrschen muss, um das Problem strukturell zu lösen. Die ÖVP aber gehört zu den Parteien, die aus dem bereits verübten Unrecht ein zweites Mal Profit schlagen will, indem Menschen islamischen Glaubens nun als Sündenböcke für die durch kapitalistische Politik erzeugte Missstände herhalten sollen.

Ich hoffe sehr, dass SPÖ und Neos gegen die Benachteiligung einer bestimmten Gruppe durch diese Landkarte vorgehen werden. Und ich appelliere auch an die Grünen Abgeordneten, doch einmal statt der Bibel jenes Buch zur Hand zu nehmen, auf das sie ihren Amtseid geschworen haben: die Österreichische Bundesverfassung.

Kategorischer Imperativ

Wenn es je ein Seil gegeben hat, das mich mit Gott verband, so habe ich es längst durchtrennt, egal ob es zum katholischen Gott, zum evangelischen Gott, zum sunnitischen oder schiitischen Gott geführt hätte. Es steckt aber ein wenig vom kategorischen Imperativ in den Sätzen des Lukas-Evangeliums (6,36-37):

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.

Ich glaube, dass alle Menschen, die glauben, ihren Glauben eines Tages überwinden und zur Gewissheit finden müssen; zur Gewissheit, dass Toleranz und säkulare Politik die Schlüssel zur effektiven Bekämpfung menschlichen Probleme und zur Gleichheit aller Menschen sind. Die institutionalisierten Glaubenseinrichtungen, ob christlich oder islamisch werden die Gleichheit von Mann und Frau niemals akzeptieren. Sie werden gleichgeschlechtliche Liebe der gegengeschlechtlichen Liebe niemals gleichsetzen. Verfassungen und Gesetze aber können es.

Titelbild: APA Picturedesk

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