Inmitten der Pandemie:

Aus für Salzburger Frauenhäuser

Der Kampf um Salzburgs Frauenhäuser ist entschieden: Das Frauenhaus Hallein muss ganz schließen, das in Salzburg wird unter neuen Betreibern und Mitarbeitern geführt. ZackZack hat sich bei den Expertinnen umgehört.

Salzburg, 15. Juni 2021 | Nach über einem Jahr Kampf gegen die EU-weite Ausschreibung der Frauenhäuser in Salzburg und Hallein durch die zuständige NEOS-Landesrätin Klambauer erfolgen nun dramatische Änderungen: Inmitten der Pandemie muss das Frauenhaus Hallein für immer seine Türen schließen, das Frauenhaus in Salzburg wird unter einem neuen Betreiber geführt. Dabei werden keine der ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Jahrzehnte lange Erfahrung mitbringen, übernommen. Sie verlieren ihre Jobs.

Frauensprecherinnen, Expertinnen und Betreiberinnen der Frauenhäuser zeigen sich fassungslos. Im ZackZack-Gespräch wird die Einzigartigkeit der Schließung deutlich: so eine Schließung habe es in Österreich noch nie gegeben.

Salzburgs Frauenlandesrätin Andrea Klambauer sieht hingegen einen Fortschritt: Sie spricht gegenüber ZackZack von einer “verbesserten, flächendeckenden Neuaufstellung des Gewaltschutzes in Salzburg.”

Ein kleiner Exkurs: Salzburgs Frauenhäuser wurden im vergangenen Jahr duch die NEOS neu ausgeschrieben. ZackZack berichtete ausführlich. Mit Anfang Juli soll jetzt ein neuer Träger die Plätze der derzeitigen Frauenhäuser Hallein und Salzburg zur Verfügung stellen, das Frauenhaus Hallein muss zum 30. Juni schließen.

SPÖ-Frauensprecherin kritisiert Schließung mitten in Pandemie

Konkret sieht das neue Konzept vor, dass das Frauenhaus in der Stadt Salzburg mit 19 Plätzen weiterbetrieben wird. Das Frauenhaus in Hallein wird geschlossen, dafür sollen insgesamt 13 Plätze in sogenannten “Schutzwohnungen” in allen Salzburger Bezirken entstehen. Bisher standen im Frauenhaus Salzburg und Hallein insgesamt 27 Plätze zur Verfügung.

SPÖ-Frauensprecherin Karin Dollinger ist empört: Sie kritisiert, dass an der Ausschreibung der Frauenhäuser nicht nur trotz Kritik, sondern selbst trotz Pandemie und in Folge sehr erschwerten Bedingungen festgehalten wurde. Außerdem, so die Frauensprecherin, würden weitere Versorgungslücken gar nicht angesprochen werden: „Frauen, die einmal im Frauenhaus waren, nehmen auch danach noch die Beratungsleistung der Einrichtung in Anspruch.”

Im Gespräch mit ZackZack kritisiert Dollinger Landesrätin scharf: Sie habe sich nicht um einen rechtzeitigen und sorgenbefreiten Übergang gekümmert, wie Dollinger fortfährt, sondern nur geschaut, dass sie möglichst viele Frauen aus den Frauenhäusern rechtzeitig herausbringe:

“Über 1.000 Frauen mit rund 900 Kindern haben in den letzten Jahrzehnten in den Frauenhäusern Schutz gesucht und wieder in ein Leben in Sicherheit und ohne Gewalt zurückgefunden. Zahlreiche Frauenhausplätze und eine Beratungsstelle für gewaltbetroffene Frauen und Kinder gehen verloren”

Landesrätin Andrea Klambauer verweist auf ein Urteil des Landesverwaltungsgerichts, das dem Vergabeverfahren bescheinigt, korrekt abgelaufen zu sein. Auch aus Perspektive des Gewaltschutzes sei die neuaufstellung ein Fortschritt. Man habe sich “nie gefragt, ob die Förderung wirklich bestmöglich den Gewaltopfern zu Gute kommt, oder überwiegend dem Systemerhalt dient. Seit Jahren wird vorrangig über den Erhalt einzelner Standorte diskutiert, während hingenommen wurde, dass weite Teile des Bundeslandes völlig unterversorgt waren. Jetzt wird ein flächendeckendes und flexibles Angebot für ganz Salzburg geschaffen.”

“Die Säulen des Gewaltschutzes werden ausradiert”

Zum aktuellen Stand: In Kooperation mit den lokalen Ämtern und der Gemeinde übersiedeln gerade die letzten Frauen in die eigenen Wohnungen, wie die Leiterin des Frauenhauses in Hallein, Doris Weissenberger, im ZackZack-Gespräch berichtet. Doch für viele Frauen sei der Auszug viel zu früh. “Frauen aus Gewaltbeziehungen brauchen ihre individuelle Zeit, sich zu restabilisieren. Die Betreuungsbeziehung wird viel zu früh abgebrochen, das ist extrem schwierig”.

Viele Menschen hätten laut Weissenberger nie geglaubt, dass das Frauenhaus mal zusperren müsse. “Für mich ist es ein Hammer, was da für politische Einflussnahmen mitgespielt haben. Und Fachmeinungen wurden erst gar nicht gehört.”

Für die zahlreichen Frauen würde jetzt der ganze Rückhalt wegbrechen, da die Frauenhäuser auch als Beratungsstelle gelten: “Das ist ein riesen Teil des sozialen Lebens, das bricht alles weg”, so Weissenberger deutlich empört.

“Was ich heftig finde, ist die Tatsache: Wir haben eine weltweite Pandemie und wir sind uns alle einig, dass die Gewalt dadurch steigt. In dieser Situation werden die Säulen des Gewaltschutzes einfach ausradiert, frei nach dem Motto ‘Wir sperren zu, und alles wird rausgeworfen'”,

betont Weissenberger.

Die Mogelpackungen “Schutzeinrichtungen”, “Autonomie” und “Selbstermächtigung”

Laut der Halleiner Frauenhaus-Leiterin Weissenberger reiche es nicht aus, sogenannte “Schutzeinrichtungen” aufzubauen. “Das sind katastrophale Verhältnisse.” Die in den Wohnungen untergebrachten, von Gewalt betroffenen Frauen sollen sich demnach an eine 24-Stunden-Sicherheitshotline wenden können. “Die Selbstermächtigung und Autonomie der Frau ist uns ein wichtiges Anliegen”, betonte die neue Leiterin und Geschäftsführerin Gabriele Rechberger gegenüber dem “Standard” im vergangenen Jahr.

Bei Weissenberger klingeln bei diesen Worten die Alarmglocken:

“Das mit der Selbstermächtigung und Autonomie ist ein Schlag ins Gesicht der Frauen, die aus gewaltsamen Beziehungen kommen. Selbstverständlich haben diese kein Selbstbewusstsein mehr, sie dürfen ja keine eignen Entscheidungen treffen. Dieses „Selbstempowerment“ und “Autonomie” ist so weit hergeholt.” Hier brauche es ihrer Ansicht nach eher ein Vertrauens- und Beziehungsaufbau. Der werde ihnen jetzt weggenommen.

“Und jetzt kommen da neue Betreiber her, die alle keine Erfahrung haben und dürfen mit irgendwelchen Experimenten das ganze neu übernehemn und das nennen sie dann ‘modern’ und ‘zeitgememäß’. Das ist einfach unlogisch – das kann ich auch nicht schönreden. Österreichweit ist das noch nie passiert.”

NEOS-Landesrätin sieht mehr Flexibilität

Andrea Klambauer lobt die Flexibilität des neuen Systems: “Das Angebot für Gewaltopfer wird in Salzburg künftig an deutlich mehr Standorten als bisher im ganzen Bundesland angeboten.”

In der Stadt Salzburg seien “kostenintesive Dauerplätze” leer gestanden. Es habe jedoch an flächendeckenden Betreuungs- und Beratungsangeboten gefehlt. Das neue Angebot entspräche “den Bedürfnissen der Frauen”, sagt Klambauer.

(jz)

Update: Die Stellungnahme von Landesrätin Andrea Klambauer wurde am 16.06. um 11:10 ergänzt.

Titelbild: APA Picturedesk

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