Not a Bot

NEU NEU NEU!!!

Jeden Samstag kommentiert Schriftsteller Daniel Wisser an dieser Stelle das politische Geschehen. Dabei kann es durchaus menscheln – it’s a feature, not a bug!

Daniel Wisser

Wien, 26. Juni 2021 | Es war vor zehn Jahren, als eine britische Bekannte mit Entsetzen feststellte, dass ich als Österreicher den Film Sound of Music nie gesehen hatte. Diese Tatsache schien ihr vollkommen unmöglich. Das Versäumte musste nachgeholt werden. Im Alter von neununddreißig Jahren sah ich also zum ersten Mal Sound of Music und der Film löste bei mir Entsetzen aus. Entsetzen über die Verherrlichung der austrofaschistischen Diktatur von 1934 bis 1938, deren Symbol — das sogenannte Krukenkreuz — Familienvater Georg Ludwig Trapp an seiner Brust trägt. Die Austrofaschisten sind in diesem Film die Guten, ihre totalitäre Herrschaft wird totgeschwiegen.

In den folgenden Monaten beschäftigte mich die Angelegenheit und ich musste feststellen, dass den meisten Nicht-Österreichern (auch vielen Deutschen) eine wichtige Tatsache der österreichischen Geschichte unbekannt war: Anders als in Deutschland wurde die Demokratie in Österreich nicht durch Hitlers Machtergreifung, sondern schon davor durch die Ausschaltung des Parlaments und das Verbot der Sozialdemokratischen Partei, die damals mit 41 Prozent die stärkste parlamentarische Kraft war, beendet. Wer als Sozialdemokrat weiter politisch aktiv war oder verdächtigt war, wurde verhaftet (wie z.B. der spätere Kanzler Bruno Kreisky).

Alarmismus? Überreaktion?

Die Christlich-Soziale Partei, die die Vorgängerpartei der heutigen ÖVP von Kanzler Kurz ist und bei der letzten demokratischen Wahl vor 1945 im Jahr 1930 auf 35 Prozent der Stimmen gekommen war, hatte bereits 1930 für ihre paramilitärischen Einheiten eine Erklärung verfasst, die Korneuburger Eid genannt wurde und deren Punkte keine Zweifel ihrer totalitären Gesinnung ließ: Wir verwerfen den westlichen demokratischen Parlamentarismus und den Parteienstaat, heißt es dort. Viele spätere ÖVP-Politiker, darunter Julius Raab, der in der Zweiten Republik von 1953 bis 1961 Bundeskanzler war, hatten diesen Eid geschworen.

Es ist wichtig, Details und Chronologie dieser Ereignisse nachzulesen, weil damals wie heute all jenen, die vor der Zerschlagung der Demokratie und beginnendem Totalitarismus warnen, Überreaktion und Alarmismus vorgeworfen werden. Es gab zum Beispiel Kabarettisten, die sich über die vermeintliche Überschätzung der Austrofaschisten und der Nationalsozialisten lustig machten. Nachdem sie von Ersteren inhaftiert und von Zweiteren in Konzentrationslager deportiert worden waren, lachten sie nicht mehr.

Aufhaltsam

Der Grund, warum man sich diese Tatsachen immer wieder vor Augen führen sollte, ist die Aufhaltsamkeit der Zerschlagung der Demokratie. Schon Brecht hat für seine verfremdete Version des Aufstiegs Hitlers dieses Wort im Titel verwendet: Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui. Es will nicht nur sagen, dass die Demokratie die Oberhand behalten hätte können, sondern dass sie sogar stark genug gewesen wäre, um das auch tatsächlich zu tun. Und heute stehen wir täglich vor der Entscheidung, uns zu Wort zu melden.

Und heute müssen wir uns zu Wort melden, wenn wir uns nicht selbst verraten wollen. Wir haben einen Finanzminister, der sich der österreichischen Verfassung widersetzt und der die unabhängige Justiz absichtlich mit der parlamentarischen Opposition verwechselt. Somit steht er, um das Wort eines seiner Parteifreunde zu verwenden, außerhalb des Verfassungsbogens. Wir haben einen Parlamentspräsidenten, der in einem Ausschuss gegen sich selbst ermittelt, wie der Dorfrichter Adam in Kleists Der zerbrochne Krug. Und wir haben einen Kanzler, der das geschehen lässt, und nicht jene Moral hat, die jeder Staatsbürger haben sollte, jeder Politiker aber haben muss: Österreich vor seinen Zerstörern zu beschützen. Sebastian Kurz ist ein Verräter. Ein Verräter Österreichs.

Das Rad des Karma

Leider sind wir Österreicher in der großen Masse zu passiv oder faul oder gleichgültig, um dem Betrug an uns selbst entgegenzutreten. Das österreichische Prinzip der Passivität und Selbstverteidigung verläuft in vier Phasen. Es ist, wenn man so will, das Rad des österreichischen Karma:

1) Zuerst wird uns etwas als NEU angepriesen. Und wir müssen es unbedingt haben. Wir kennen den neuen Stil und die Veränderung und alle diese Phrasen von Politikern, die davor schon jahrelang in Regierungen saßen.

2) Stellt sich das NEUE dann als korrupter und menschenfeindlicher als zuvor heraus, geben die NEUEN selbst die Parole aus: Es ist alles immer schon so gewesen. Damit übertünchen sie natürlich ihre Wahlplakate, in denen sie die Erneuerung eben noch angepriesen haben.

3) Stellen sich die NEUEN schließlich als Verbrecher heraus, so ist es dem Volk selbst peinlich, ihnen auf den Leim gegangen zu sein. Nun wird alles versucht, der Wahrheit nicht ins Auge sehen zu müssen. Es folgt das berühmte Jetzt erst recht!

4) Verschwinden die NEUEN dann von der politischen Landkarte, will es plötzlich niemand mehr gewesen sein, der ihnen zum Aufstieg verholfen hat. Nun folgen die Mantras von allem nichts gewusst, nur meine Pflicht getan, wer konnte denn ahnen …?

Bis hierher und nicht weiter

Man kann Determinist werden und sagen, man habe sich seinem Schicksal zu fügen. Man kann das Rad des Karma aber auch stoppen und sagen: Bis hierher und nicht weiter!

The Sound of Music ist ein Kitschfilm. Ein Kitschfilm mit außerordentlicher Reichweite. Er sagt nichts anderes als: Das Leben in Österreich war schön und unbeschwert bis zu dem Tag, als Hitler in dieses Land einmarschierte. Diese Darstellung ist eine Lüge. Es ist eine Geschichtslüge, die deshalb so schlimm ist, weil sie die Verantwortung des Einzelnen negiert, weil sie die Aufarbeitung komplexer historischer Entwicklungen verwirft, weil sie den Faschismus als Übel zeigt, das von außen kommt.

Der Faschismus kommt aber von innen. In Erscheinungen wie Blümel, Sobotka, Kurz und vielen anderen zersetzt er unsere Demokratie. Und unter der Duldung von Millionen sie gewähren lassenden Biedermännern wird er unser Haus in Brand stecken. Wenn wir uns nicht wehren.

Titelbild: APA Picturedesk

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