Globaler Abhörskandal aufgeflogen

Snowden: »Story des Jahres«

Mit einer israelischen Cyberwaffe wurden Journalisten, Menschenrechtler und Oppositionelle weltweit ausspioniert. Auch französische und ungarische Journalisten sind darunter.

Wien, 19. Juli 2021 | Für Edward Snowden ist die Enthüllung „die größte Story des Jahres“. Tausende Journalisten, Menschenrechtsaktivisten und Oppositionelle weltweit sollen Opfer illegaler staatlicher Abhöraktionen geworden sein. Demnach hätten Polizei und Geheimdienste mehrerer Länder die Cyberwaffe des israelischen Unternehmens NSO Group genützt, um Smartphones zu infiltrieren. Das zeigen Recherchen von “Zeit”, “Süddeutscher Zeitung” sowie 17 weiteren Redaktionen aus zehn Ländern.

Datenleak führte zur Enthüllung

Der Rechercheverbund konnte demnach ein Datenleak mit mehr als 50.000 Telefonnummern auswerten, die mutmaßlich von NSO-Kunden als Ziele möglicher Überwachung ausgewählt wurden. Das Programm „Pegasus“ gilt unter Fachleuten als das derzeit leistungsfähigste Spähprogramm für Handys und ist als Cyberwaffe eingestuft. Es kann infiltrierte Smartphones in Echtzeit ausspähen und die Verschlüsselung von Chatprogrammen wie WhatsApp oder Signal umgehen, ebenso Kamera und Mikrofon unbemerkt aktivieren.

Das Programm wird nur an staatliche Behörden zum Zweck der Bekämpfung von Terrorismus und schwerer Kriminalität weitergegeben. Auf der geleakten Liste finden sich den Recherchen zufolge jedoch unter anderem auch die Handynummern von mehr als 180 Journalisten, darunter Reporterinnen von Le Monde, Mediapart und Le Canard Enchainé in Frankreich, eine Reporterin des US-Fernsehsenders CNN, ungarische Investigativreporter sowie bekannte Journalistinnen aus Aserbaidschan.

Die geleakten Daten geben keine zweifelsfreie Auskunft darüber, wer sie zu welchem konkreten Zweck erfasst hat. Sie waren zunächst der französischen Rechercheorganisation Forbidden Stories und der Menschenrechtsorganisation Amnesty International zugespielt worden. Die am Journalistenkonsortium beteiligten Redaktionen konnten sie einsehen. Die Handyforensik wurde im Security Lab von Amnesty International vorgenommen. Das auf die Analyse von Cyberangriffen spezialisierte Citizen Lab der kanadischen Universtität Toronto verifizierte die Methode, die in der Lage ist, digitale Spuren auf den Geräten mit größtmöglicher Gewissheit Pegasus zuzuordnen.

Französische und ungarische Journalisten im Visier

Die NSO Group teilte auf Anfrage mit, sie habe “keinen Zugang zu den Daten der Zielpersonen” ihrer Kunden. Die Erfassung der Nummern könne “viele legitime und vollständig saubere Anwendungsmöglichkeiten haben, die nichts mit Überwachung oder NSO” zu tun hätten.

Zu den Journalisten, auf deren Smartphones Spuren erfolgreicher Pegasus-Angriffe nachgewiesen wurden, zählen zwei Reporter des ungarischen Investigativmediums Direkt36. Die Recherche legt den Verdacht nahe, dass diese Angriffe von staatlichen Stellen in Ungarn ausgeführt wurden. Die ungarische Regierung widersprach dem auf Nachfrage nicht. Ein Sprecher des Büros von Ministerpräsident Viktor Orbán teilte mit, dass staatliche Stellen in Ungarn “verdeckte Methoden” stets nur im gesetzlichen Rahmen einsetzen würden.

In Frankreich wurde laut forensischer Untersuchung das Handy des Gründers der Rechercheplattform Mediapart, Edwy Plenel, infiziert. Ausgespäht wurde offenbar auch eine bekannte Reporterin von Le Monde. In beiden Fällen sprechen eine Analyse der Daten und weitere Recherchen dafür, dass diese Angriffe von Marokko ausgingen. Die marokkanische Regierung teilte mit, es sei nicht erwiesen, dass es eine Geschäftsbeziehung zwischen Marokko und “dem genannten israelischen Unternehmen” gebe.

Zu den Betroffenen der Handyüberwachung zählt laut den Recherchen des Journalistenkonsortiums auch Hatice Cengiz, die Verlobte des 2018 ermordeten saudischen Dissidenten Jamal Khashoggi. Ihr Handy wurde nur vier Tage nach dem Mord laut dem Cyberexperten von Amnesty International mit der Schadsoftware Pegasus infiziert. NSO teilte dazu mit, die Technologie seines Unternehmens habe “in keiner Weise” mit dem Mord an Khashoggi in Verbindung gestanden.

Journalisten fordern Aufklärung

Der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes, Frank Überall, sprach am Montag von einem “nie da gewesenen Überwachungsskandal”. Von dem weltweiten Skandal sind auch ungarische Journalisten, Juristen, Oppositionelle und Geschäftsleute betroffen, berichtet das Onlineportal “Telex.hu” am Montag.

Die ungarische Opposition forderte Aufklärung und die Einberufung des Parlamentsausschusses für Nationale Sicherheit. Der Vorstand des Ungarischen Journalistenverbandes (MUOSZ) forderte die ungarischen Behörden in einer Aussendung vom Montag auf, ihre Rolle bei der Nutzung der Spähsoftware zu klären. Dabei solle offengelegt werden, in welchem Auftrag, mit wessen Genehmigung und mit welchem Ziel die Abhöraktionen erfolgten.

Google und Apple, in deren Betriebssystem die Spyware installiert werden kann, haben sich bisher nicht zum Skandal geäußert. Microsoft gab schon im Jahr 2020 bekannt, dass man an der Sicherheit „arbeiten“ werde.

(ot/apa)

Titelbild: APA Picturedesk

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