Unwetter in Deutschland:

Behörden wussten von der Flut

Neun Tage vor der Flut hätten die deutschen Behörden von dem Unwetter Bescheid gewusst. Unternommen wurde nichts, kritisieren Experten.

Wien, 19. Juli 2021 | Eigentlich hätte Deutschland mehr als eine Woche Zeit gehabt, entsprechende Maßnahmen zu treffen, um die Menschen aus den Katastrophen-Gebieten zu evakuieren. Das europäische Hochwasser-Frühwarnsystem „Efas“ habe einem Bericht der britischen „Sunday Times“ zufolge bereits am 10. Juli Alarm geschlagen und die Behörden in Belgien und Deutschland detailliert vorgewarnt. Während die Aufräumarbeiten voranschreiten und die Zahl der Toten weiter steigt, wird sich die Frage gestellt: Warum wurden die Bewohner nicht rechtzeitig gerettet?

Erste Zeichen neun Tage zuvor

Wie die „Sunday Times“ weiter berichtet, wurden die ersten Zeichen der Katastrophe neun Tage vor Beginn der Katastrophe von Satelliten, die über 800 Kilometer über dem Rhein kreisten, entdeckt. In den Tagen darauf schickte ein Team aus Wissenschaftlern und Meteorologen den deutschen Behörden eine Reihe von Vorhersagen, die jetzt wie eine „makabre Prophezeiung“ klingen würden: Dem Rheinland drohten „extreme“ Überschwemmungen, insbesondere entlang der Flüsse Erft und Ahr, und in Städten Hagen und Altena.

Trotz langer Warnzeit: Unwetter traf Bevölkerung völlig unvorbereitet

Zwischen dem Beginn der massiven Flutwellen und den ersten erst zunehmenden Vorwarnungen lagen mehr als 24 Stunden – genug Zeit, sich auf den Ernst der Lage vorzubereiten. Doch trotz dieser Warnung, die angeblich fast genau vorhersagen konnte, welche Bezirke von den Regenfällen am stärksten betroffen sein werden, traf die Flut viele ihrer Opfer weitgehend überraschend. Deutschland habe seine Maßnahmen „extrem falsch“ getroffen, sagte einer der Experten, der Europas Hochwasservorhersagemodell „Efas“ mit entwickelt hat, gegenüber der „Sunday Times“.

Hannah Cloke, Professorin für Hydrologie an der Universität Reading, sagte gegenüber der “Sunday Times”, dass ein „erhebliches Versagen des Systems“ zu einer der tödlichsten Naturkatastrophen Deutschlands der Nachkriegszeit geführt habe. In Deutschland und Belgien sind mindestens 160 Menschen gestorben, hunderte werden noch vermisst und ganze Dörfer sind von der Außenwelt abgeschnitten.

“Warninfrastruktur nicht das Problem”

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) sieht nach der Hochwasserkatastrophe das Problem weniger in Schwächen des staatlichen Warnsystems als im Umgang mit den Warnungen durch örtliche Behörden und Bevölkerung.

„Die Warninfrastruktur ist nicht unser Problem gewesen, sondern die Frage, wie sensibel reagieren Behörden, aber auch die Bevölkerung“,

sagte BBK-Präsident Armin Schuster am Montag im Deutschlandfunk.

Dies hänge seiner Aussage nach auch damit zusammen, dass es Katastrophenlagen dieses Ausmaßes bislang nicht gegeben habe. Die gesamte Warninfrastruktur selbst dagegen habe „vollständig funktioniert“, wie er hervorhob.

In Teilen des Rheinlandes haben die Überschwemmungen zwar etwas nachgelassen, die Sonne ist auch gestern wieder durch die Wolkendecke über der Region durchbrochen. In Erfstadt, 16 km südwestlich von Köln, bleibt die Lage jedoch kritisch. Häuser wurden dem Erdboden gleichgemacht, nachdem Fundamente von den Fluten weggefegt wurden.

Dramatische Szenen und Kampf ums eigene Überleben in den Fluten

Tausende Polizisten, Feuerwehrleute, Freiwillige aus dem ganzen Bundesgebiet, Katastrophenhelfer und Soldaten durchkämmten die Region nach Leichen und eingeschlossenen Überlebenden, während die Zahl der Opfer stetig anstieg. In Sinzig bei Koblenz starben 12 Bewohner eines Heims für Menschen mit Lernbehinderungen. Dort rettete sich ein Mann aus dem Gebäude und klammerte sich mehr als vier Stunden lang an ein Fenster, während um ihn herum 3 Meter hohe Fluten tobten. „Nur sein Kopf war über dem Wasser“, sagte ein Zeuge, der auf der anderen Straßenseite wohnt. „Ich habe ihn gesehen und konnte ihm nicht helfen. Er schrie um sein Leben. Es war unglaublich schlimm, weil ich nicht helfen konnte.”

Niemand weiß so genau, wo die Warn-Sirenen stehen

Gegenüber T-Online räumte Innenminister Horst Seehofer (CSU) ein, ein Großteil der Bevölkerung sei nicht mittels Sirene gewarnt worden. In vielen Orten gäbe es kaum oder gar keine funktionstüchtigen Sirenen mehr, auch gibt es aktuell keine Übersicht über vorhandene Sirene, wo sie stehen und ob sie noch funktionstüchtig seien. Für München beispielsweise erklärte ein Feuerwehrsprecher, es gebe in der bayerischen Landeshauptstadt seit vielen Jahren gar keine Sirenen mehr. Sie seien nach dem Ende des Kalten Kriegs nach und nach abgebaut worden.

Ein Sprecher des Innenministeriums äußerte sich aber gegenüber T-Online, man sei seit dem Frühjahr in Abstimmung mit den Ländern, eine Sireneninfrastruktur aufzubauen und vorhandene Technologie zu reaktivieren. Hierfür sollen 88 Millionen Euro vom Bund bereitgestellt werden, die zukünftigen Wartungskosten müssten die Länder jedoch selber tragen.

Nationaler Warntag war totaler Reinfall

Im vergangenen September veranstaltete der deutsche Katastrophenschutz den nationalen „Warntag“, an dem wegen einer fiktiven Naturkatastrophe Menschen im ganzen Land gleichzeitig gewarnt werden sollten. Vorhandene Infrastruktur sollte getestet, die Bevölkerung sensibilisiert werden. Es war ein absolutes Desaster: Das Innenministerium bezeichnete die Aktion als „fehlgeschlagen“, es kam zu diversen technischen Herausforderungen. Als Reaktion darauf kündigte man umfassende Aufarbeitung an – am Beispiel der Flutkatastrophe im Westen Deutschlands wurde jedoch deutlich: Hohe Priorität habe die Entwicklung eines Bevölkerungswarnsystems bisher offenbar nicht gehabt.

(jz)

Titelbild: APA Picturedesk

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