Kampf gegen Klimawandel »ohne Verzicht«?

Argumente von Kurz »längst überholt«

Durch Technologie und Innovation soll die Klimakrise “ohne Verzicht” zu bewältigen sein, meinte Sebastian Kurz jüngst in einem Interview. Für die Klimawissenschaftlerin Helga Kromp-Kolb setzt der Kanzler damit ein falsches Signal, seine Argumente seien zudem “längst überholt”.

Wien, 22. Juli 2021 | Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) hält die Bekämpfung des Klimawandels ohne Verzicht, etwa auf den Individualverkehr, für möglich. Es sei der falsche Weg zu glauben, dass wir das Klima dadurch retten können, dass wir uns im Verzicht üben. “Der einzig richtige Zugang ist, auf Innovation und Technologie zu setzen”, sagt Kurz in den “Vorarlberger Nachrichten” und stellt sich damit gegen die Meinung von Umweltministerin Leonore Gewessler (Grüne), die den Verkehr als großes Sorgenkind sieht.

Die Frage, ob man als Politiker den Menschen heute guten Gewissens sagen kann, dass es auch ohne Verzicht gehen wird, beantwortet Kurz mit “Ja, das kann man. Ich bin überhaupt nicht der Meinung, dass unser Weg zurück in die Steinzeit sein sollte. Ich halte weder von der ständigen Politik des erhobenen Zeigefingers noch von Fantasien, dass man irgendwie leben könnte wie im vergangenen Jahrhundert.”

Klimaexpertin: “Verzicht ist falscher Zugang”

Sebastian Kurz vergleicht also die Änderung von Lebensgewohnheiten, die positiv zur Bekämpfung des Klimawandels beitragen können, als “Weg zurück in die Steinzeit”. Für Helga Kromp-Kolb von der Universität für Bodenkultur in Wien ein komplett falscher Zugang. ZackZack erreicht die Klimawissenschaftlerin am Donnerstagvormittag.

“Verzicht ist so ein relativer Begriff, ich bin gerade mit dem Rad unterwegs, ist das ein Verzicht aufs Auto? Oder einfach nur eine andere Art, sich fortzubewegen?”

Geht es nach Kromp-Kolb, sollte es in der Debatte nicht um “Verzicht” sondern um “Gewohnheitsänderungen” gehen. Diese seien am Anfang zwar oft unangenehm, nach ein paar Wochen und Monaten würden einem die alten Angewohnheiten aber kaum noch abgehen, so die Expertin. Dass Kurz sich hinstellt und das Signal gibt, dass es die Technologie schon richten werde, sei ein völlig falsches, denn “ohne Gewohnheitsänderung wird es nicht gehen”.

“Aber das ist ja nichts Schlechtes, Klimaschutz in Summe steigert ja unsere Lebensqualität. Wenn man drastische Klimaschutzmaßnahmen trifft, lebt man nicht in der Steinzeit sondern in der Zukunft, in einer erstrebenswerten Zukunft. Wenn der Bundeskanzler das noch nicht verstanden hat, stehen wir gerne zur Verfügung”,

so Kromp-Kolb im Gespräch mit ZackZack.

Technologie und Innovation als “einzig richtiger Zugang”, wie es der Kanzler formuliert hat, seien Argumente, die “in der Klimadebatte längst überholt sind”, so die Klimaexpertin weiter. Sich einzig allein darauf zu verlassen, würde die Menschen nicht näher an die Klimaziele bringen. Der Zugang von Kurz sei jener, der in der Klimadebatte vor einem Jahrzehnt gängig war. Wir seien mittlerweile an einem Punkt, an dem Technologie allein nicht mehr reichen würde.

Helga Kromp-Kolb ist Meteorologin und Klimaforscherin an der Universität für Bodenkultur in Wien und wurde wegen ihrer Forschungstätigkeit und ihres Engagements zum globalen Klimawandel bekannt. Außerdem ist sie Obfrau des Climate Change Centre Austria. (Bild: APA)

“Rahmenbedingungen müssen her”

Und was kann der einzelne Mensch genau tun? Er müsse den Veränderungen “offen gegenüberstehen”, und dies auch von der Politik fordern. Denn ohne ein Umdenken in der Politik und die nötigen politischen Rahmenbedingungen wird es nicht gehen, so Kromp-Kolb. Es sei auch gefährlich, die Krise komplett auf den Einzelnen abzuwälzen.

“Der Einzelne kann nur dann wirksam werden, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Der einzelne wird weiter mit dem Auto fahren, wenn er kein geeignetes Öffi-Netz oder andere Alternativen hat.”

Saisonale und regionale Lebensmittel zu kaufen und ein Bewusstsein für qualitative Produkte schaffen seien weitere Maßnahmen die man als Einzelner setzen könne.

(mst)

Titelbild: APA Picturedesk

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