Die Buhlschaft auf Lesbos

»ME WE« im Kino

Petra, Gerald, Marie und Marcel wollen helfen. Nur wem, das ist nicht so klar. Denn Mohammed, Aba, die Flüchtlinge auf der Mittelmeerroute und die Mädels im Marchfeld wollen keine Helfer, sondern Ergebnisse.

 

Wien, 26. Juli 2021 | Es menschelt in David Clay Diaz‘ neuem Film über das, was die Politik „Flüchtlingskrise“ nennt, auf der Leinwand aber zu einer Reihe persönlicher Krisen wird. Petra will, dass Mohammed gut durch sein Asylverfahren kommt. Außerdem will sie vielleicht auch einen Ziehsohn oder einen Liebhaber oder beides. Gerald, der ein Flüchtlingsheim führt, ist lieb zu seinem Schützling Aba – bis er es dann nicht mehr ist. Marie will Bootsflüchtlingen helfen. Es sind aber keine zur Hand und das ist vielleicht das Schlimmste daran. Marcel und seine Freunde haben noch nicht endgültig entschieden, ob sie eine ausländerfeindliche Nachbarschaftswache gründen oder doch nur Mädels abschleppen wollen.

Das kürzeste Gedicht der Welt

Die Schauspieler arbeiten intensiv, aber in sich gekehrt. Diaz‘ sorgt für Distanz, das hält den Kitsch fern. Die Fußballeuropameisterschaft als Alltagstapete im Hintergrund reicht nicht immer zur Erdung der Plottwists, die von dummen bis verbrecherischen Fehlern der vier Traumtänzer ausgelöst werden. Die Erzählstränge hätten an sich nicht ganz so viel Zeit gebraucht, wie Diaz ihnen gibt; das ungemein konzentrierte Spiel des bis in die Nebenrollen mindestens souveränen Casts trüge auch mehr Verdichtung. Aber der Raum hilft, die Figuren zu isolieren. Obwohl alle ständig mit anderen in Kontakt sind, bleiben sie alleine. Petra würde dem wohl widersprechen, mit dem „kürzesten Gedicht der Welt:“ Me? We!

Wer keine Lust oder Möglichkeit hat, Verena Altenberger als Buhlschaft in Salzburg zu sehen, kann sie sich auf Lesbos anschauen. Die Moral des Jedermann mag zeitlos sein. Die von “Me, We” ist zwei Jahre nach Drehbeginn noch brandaktuell und wird es bleiben. Denn die Flüchtlingskrise wird, um es mit Maries Vater zu sagen, „noch länger dauern.“

„ME WE“ ist seit Donnerstag im Kino.

(tw)

Titelbild: APA Picturedesk

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