Wochenstart mit

Verena Altenberger

Frau Altenberger, in Ihrem aktuellen Film “ME WE” spielen Sie eine freiwillige Seenotretterin. Lockt Seenotrettung Flüchtlinge nach Europa?

Wien, 26. Juli 2021 | Als ich für die Dreharbeiten zu „ME WE“ auf Lesbos ankam – ich war natürlich gut vorbereitet, gut eingelesen in die Themen Flucht, Migration, Asyl – habe ich eines sofort verstanden: Dass ich keine Ahnung habe. Dass ich keinen Funken Ahnung habe von Angst und Hoffnungslosigkeit wie sie Menschen auf der Flucht empfinden. Wie sie in Lagern wie Moria geradezu gezüchtet werden.

An einem der ersten Drehtage haben wir eine Szene gedreht, in der wir (wir sind in dem Fall ich – die Schauspielerin – und Laien, also Geflüchtete vor Ort, echte Volunteers und Einheimische) ein Gummiboot im Zuge einer Übung an den Strand holen. Eine der Volunteers, die ihren Sommer auf Lesbos verbringen, um Menschen zu helfen, sagte immer: „Don’t forget: They panic when they arrive.“

Ich habe daraufhin die naive Frage gestellt, warum die Geflüchteten denn Panik haben, wenn sie ankommen, jetzt hätten sie doch das rettende Ufer erreicht…? Sie meinte daraufhin, ich solle einfach mal zwei Minuten in dem Übungsboot sitzen, dann würde ich besser verstehen. Gesagt getan. Diese Gummiboote, Dingis genannt, sind wenige Quadratmeter groß, Gummiboote eben, am Boden verlaufen quer Holzbalken. Auf diesen Balken knien die Menschen – sie müssen knien, so passen am meisten Leute in das Boot – und schon nach wenigen Momenten habe ich verstanden: Das ist Folter. Mit den Schienbeinen auf den Holzbalken, jede noch so kleine, unmerkliche Welle verursacht Schmerzen, niemand darf das Gewicht verlagern, das könnte einen Menschen am Rand des Bootes über Bord werfen, ins tiefschwarze Meer. So kommen nun 50 bis 150 Menschen auf der Flucht nachts über das Meer, sie treiben in diesen Booten, stundenlang, manchmal tagelang. In diesen Booten sitzen Menschen, die nicht schwimmen können, Babys, Schwangere. Wenn das Trinkwasser nicht mehr ausreicht oder ein medizinischer Notfall eintritt, kann es sein, dass irgendwo zwischen den Menschen ein Toter eingeklemmt ist.

Wenn diese Menschen am Strand ankommen, spüren sie ihre Beine nicht mehr, können nicht mehr gehen, könnten auch in ein Meter tiefem Wasser noch ertrinken. Und sie haben keine Ahnung, was nun auf sie wartet. Natürlich haben sie Panik, wenn sie ankommen.

Ich war empfundener Todesangst noch nie näher in meinem Leben, als in der Szene in ME WE, in der ich nachts, weit draußen im offenen Meer schwimmen sollte. Und gleichzeitig wusste ich die ganze Zeit, meine Crew, meine Helferin mit warmem Tee und einer Decke (die Schauspielerin darf sich auf keinen Fall erkälten) ist keine 30 Meter entfernt, für den Notfall ist ein Rettungstaucher irgendwo unter mir und bezahlt werde ich auch noch für diese Arbeit. In der Nacht, in der wir diese Szene gedreht haben, ist niemand im Mittelmeer zwischen der Türkei und Griechenland ertrunken. In der folgenden Nacht waren es angeblich 40 Menschen.

„Pull-Faktoren“ – also 300 Euro irgendwo, in einem Land, dass die Menschen vielleicht nach ein, zwei Jahren „Moria-Haft“ anpeilen; Seenotrettung, die dazu führt, nach Todesangst auf dem Meer zumindest einen Strand zu erreichen. Es folgt ein Lager, wie es nirgends auf der Welt existieren sollte, aber schon gar nicht innerhalb der reichen, bewussten und eigentlich doch humanen und der Rechtsstaatlichkeit verpflichteten EU…

Ich habe verstanden, dass das Leid im Herkunftsland unendlich groß sein muss, wenn man sich auf diese Reise begibt, wenn man flüchtet. Wenn man sich der Angst vor dem Tod und dem Tod selbst aussetzt. „Pull-Faktoren“… Ganz ehrlich – jeder, der die als Argument anführt, soll scheißen gehen.

Verena Altenberger ist Schauspielerin. Ihren Durchbruch im Fernsehen hatte sie mit der Hauptrolle in “Magda macht das schon”. Für “Die beste aller Welten” erhielt sie den Schaupielpreis der Diagonale. Seit heuer steht Altenberger als neue Buhlschaft im “Jedermann” bei den Salzburger Festspielen auf der Bühne und seit Donnerstag ist ihr neuer Film “ME WE” im Kino.

Titelbild: ZackZack

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