Hilferuf “Dr. Viola”:

Klinik Innsbruck reagiert auf Anstieg schwerer häuslicher Gewalt

Fälle von schwerer Gewalt haben seit den Corona-Maßnahmen zugenommen. Die Opferschutzgruppe der Innsbrucker Klinik reagiert auf diese Entwicklung mit einem Codewort: Patientinnen und Patienten können künftig mit der Frage nach “Dr. Viola” unentdeckt einen Hilferuf wegen Gewalt absetzen, ein interner Notfallplan wird daraufhin aktiviert.

Wien, 29. Juli 2021 | Wer an der Innsbrucker Klinik nach Schutz und Hilfe vor Gewalt sucht, kann dies künftig mit nur einem Satz tun: “Ich muss zu Dr. Viola!”. Betroffene jeden Alters und Geschlechts, die sich bedroht fühlen, können den Notruf am Klinikareal etwa gegenüber dem Portier oder Sicherheitspersonal in Anspruch nehmen. Anschließend werde ein interner Notfallplan aktiviert und die Person an einen sicheren Ort gebracht, teilten die tirol kliniken am Dienstag mit.

Dadurch soll Menschen, die in der Situation nicht frei sprechen können, geholfen werden, erklärte Alexandra Kofler, Ärztliche Direktorin der Klinik Innsbruck. Es werde bereits seit längerem in den größten Ambulanzen gefragt, ob jemand weiß, dass die betroffene Person hier ist, ob es jemand nicht wissen soll und ob die Person sich bedroht fühlt. Der anschließende Ablauf sei schon seit Jahren gut trainiert.

Seit Corona “deutlich schwerere Verletzungsmuster” bei häuslicher Gewalt

Die tirol kliniken sind bundesweit federführend, was Opferschutz im Krankenhaus betrifft. Sie entwickelten eine Toolbox für den gesetzlich verpflichtenden Opferschutz in Krankenhäusern und implementierten ein System aus Skandinavien, mit dem sie Fälle häuslicher Gewalt identifizieren können. Dabei werden jedem Patienten und jeder Patientin standardmäßig drei Fragen gestellt:

  1. Weiß jemand dass Sie hier sind?
  2. Soll jemand nicht wissen dass Sie hier sind?
  3. Bereitet Ihnen jemand Unbehagen?

Dieses Frage-System war seit seiner Einführung sehr erfolgreich:

“Diese Fragen haben die Zahlen massiv nach oben schnalzen lassen. Gerade auf die dritte Frage öffnen sich schon viele und sagen zumindest – ja, es ist schwierig.”,

erzählt der Pressesprecher der tirol kliniken, Johannes Schwamberger, im ZackZack-Interview. Dann kam Corona: Deutlich weniger Patienten kamen noch ins Spital. Doch die Zahl von Gewaltbetroffenen blieb gleich. Nur die Verletzungsmuster wurden deutlich schwerer, so Schwamberger:

“Was uns erschrocken hat war, dass die Zahl der sehr schweren Fälle stark zugenommen hat. Die Leute sind nicht mehr wegen einem Blauen Auge gekommen, sondern nur dann, wenn es wirklich nicht mehr ging. Und das ist relativ häufig: In Innsbruck reden wir da von mindestens einem Fall wöchentlich, aber die Dunkelziffer ist weitaus höher. Jene, wo wir die Verletzungen nicht auf häusliche Gewalt zurückführen oder jene, die sich trotz schwerer Verletzungen nicht in die Klinik trauen.”

Also überlegten sich die verantwortlichen der Opferschutzgruppe der Innsbrucker Klinik, allen voran Thomas Beck und seine Stellvertreterin Andrea Hohenegger, was sie tun könnten, um Frauen, die in die Klinik kommen, unentdeckt einen Hilferuf zu ermöglichen. Dabei nahmen sie sich ein bereits in zahlreichen Gastronomie- und Nachtclub-Betrieben etabliertes System zum Vorbild: Fragt man dort den Barkeeper nach Luisa, weiß er, dass die fragende Person gerade Hilfe sucht.

“Viola”: Möglichst geringe Hemmschwelle, um Hilfe zu bitten

Der Name “Viola” wurde indes gewählt, weil er möglichst für alle Menschen – unabhängig von ihrer Sprache – auszusprechen sein soll. Außerdem lehne er sich an “Violence” – also Gewalt – an. Violett sei zudem als Verbindung von Rot (als weibliche Farbe) und Blau (männlich) zu sehen. Für Diplompflegerin Andrea Hohenegger, stellvertretende Leiterin der Opferschutzgruppe, ist der niederschwellige Zugang “entscheidend”. Man wisse aus Erfahrung, dass die Angst vor Vorurteilen, davor nicht ernst genommen zu werden und selbst als Schuldige oder Schuldiger verurteilt zu werden, die größten Hemmschwellen seien, um Hilfe zu bitten.

(lb/apa)

Titelbild: APA Picturedesk

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