344.000 ohne Job:

»Krise am Arbeitsmarkt geht weiter«

Die Arbeitslosenzahlen nähern sich nach und nach dem Niveau vor der Corona-Krise an. Arbeitnehmervertreter und Ökonomen bremsen jedoch die Erwartungen, der Effekt der Öffnungen sei vorbei.

Wien, 02. August 2021 | Die Arbeitslosenzahlen sinken weiter. Ende Juli waren in Österreich rund 344.000 Menschen ohne Job. Das sind um rund 16.000 weniger als vor einem Monat. 282.685 Personen waren beim AMS arbeitslos gemeldet, um 6.177 weniger als im Vormonat. Auch die Zahl der Schulungsteilnehmer ging um rund 10.000 auf 61.254 zurück.

Aussicht auf Zahlen wie vor der Krise

Damit gebe es jetzt nur noch um 10.900 Arbeitslose mehr als vor der Krise, teilte das Arbeitsministerium am Montag mit. Nicht mit eingerechnet ist hierbei aber die Anzahl der Menschen, die sich derzeit in Schulungen befinden. Rechnet man diese dazu, kommt man auf 18.733.

Im Vorjahresvergleich sei die Arbeitslosigkeit um 101.266 zurückgegangen, heißt es in der Mitteilung, sie liege jetzt auf dem Niveau von 2018. Die Arbeitslosenquote beträgt 6,7 Prozent und ist damit nur noch knapp über der Marke von Juli 2019 mit 6,5 Prozent.

Auch beim AMS ist man optimistisch, bei diesen Zahlen schon in einigen Monaten das Niveau von den Vergleichstagen im Jahr 2019 zu erreichen. Das würde jedoch vorraussetzen, dass man die Pandemie auch im Herbst weiter unter Kontrolle behält, wie AMS-Chef Johannes Kopf am Montag auf Twitter anmerkte.

Keine Erholung bei Langzeitarbeitslosigkeit

Gleichzeitig liege die Anzahl der offenen Stellen mit rund 113.000 auf Rekordniveau, heißt es aus dem Ministerium. Inklusive Lehrstellen seien es sogar 120.000. Die Langzeitarbeitslosigkeit ist aber noch deutlich höher als vor der Coronakrise. Seit dem Höhepunkt Ende April ist sie um nur rund 18.000 auf 130.000 zurückgegangen.

Für die Arbeiterkammer sind die aktuellen Zahlen in Hinsicht auf Langzeitarbeitslose aber kein Grund zum Jubeln. So stecke fast jeder zweite arbeitslos gemeldete Mensch inzwischen in der Langzeitarbeitslosigkeit fest. Schlechte Chancen auf einen Job hätten vor allem Menschen im höheren Alter. Auch Personen mit Betreuungspflichten oder gesundheitlichen Herausforderungen würden es schwer haben. Alleine die Tatsache, dass die Arbeitslosigkeit schon länger dauert, sei für Unternehmen immer häufiger ein Grund, diesen Menschen keine Chance auf einen Arbeitsplatz zu geben.

„Es kann nicht sein, dass Unternehmen auf der einen Seite ständig klagen, sie würden keine ArbeitnehmerInnen finden, auf der anderen Seite aber jenen die länger arbeitslos sind keine Chance auf Arbeit zu geben“,

zeigt sich AK-Präsidentin Renate Anderl empört über den Umgang mit langzeitarbeitslosen Menschen.

Auch der ÖGB machte am Montag in einer Aussendung darauf aufmerksam, dass der Rückgang zwar positiv zu sehen sei, man sich bei 344.000 Arbeitslosen jedoch nicht darauf ausruhen könne:

„Hier braucht es konsequente und mutige Schritte, um mit speziellen Beschäftigungsprogrammen zur Senkung der Arbeitslosigkeit beizutragen“,

so Ingrid Reischl, Leitende ÖGB-Sekretärin.

Von der Regierung fordert man daher, Geld in die Hand zu nehmen und wirksame beschäftigungspolitische Maßnahmen auf den Weg zu bringen.

Der ÖGB verweist auf sein 5-Punkte-Programm, das etwa Forderungen nach besserer Verteilung der Arbeitszeit und einer Offensive in der Ausbildung von Facharbeitern vorsieht.

“Krise am Arbeitsmarkt geht weiter”

Auch das Momentum Institut verweist in seiner Analyse der aktuellen AMS-Zahlen auf die hohe Langzeitarbeitslosigkeit. Diese sei nach wie vor viel höher als vor der Corona-Krise.

Ökonom Oliver Picek von Momentum bremst die Erwartungen. Die Öffnungen seien großteils vorbei, dier Erholung am Arbeitsmarkt würde also bald nicht mehr in diesem rasanten Tempo weitergehen können. Aber ganz generell sei die “immer noch sehr hohe” Zahl an Arbeitslosen zu beachten, meint Picek im Gespräch mit ZackZack:

“Das Erreichen des Vorkrisenniveaus wäre ein Signal, dass die Corona-Krise vorbei ist. Aber auch nicht viel mehr, denn die Krise am Arbeitsmarkt geht dann noch weiter. Denn das Vorkrisenniveau ist ja an sich katastrophal. 2019 – im Jahr vor der Krise, hatten wir 400.000 Arbeitslose im Jahresschnitt. Das sind mindestens 300.000 Arbeitslose mehr als eine Gesellschaft verträgt.”

Vergessen dürfe man auch nicht, so Picek, dass man durch Corona zwei Jahre verloren habe, in der die Arbeitslosigkeit eigentlich sinken hätte sollen. Es brauche in den nächsten Jahren daher ein großes Beschäftigungsprogramm im öffentlichen Sektor, um den Personalmangel in Bereichen wie Pflege, Bildung oder Justiz zu beseitigen. So könne man die Arbeitslosigkeit dauerhaft senken und den Wirtschaftsaufschwung absichern.

Arbeitslosenquote seit 1980 im Steigen

Besorgniserregend sei außerdem, dass die Arbeitslosenquote seit 1980 mit jedem einzelnen Wirtschaftszyklus – zuerst Einbruch der Wirtschaft, dann Erholung – gestiegen ist. Gab es 1980 noch so gut wie keine Arbeitslosen, sind es im Jahresschnitt heute mehr als 400.000.

“Nie war die Erholung stark genug, um die Einbrüche wieder wettzumachen. Wenn jetzt ein recht guter Wirtschaftsaufschwung nach Corona da ist, müssen wir den endlich einmal ausreiten und staatlich unterstützen”,

so Picek.

Das Momentum Institut hat die Arbeitslosenquote im Zeitverlauf seit 1960 grafisch dargestellt. (Quelle: AMS)

(mst)

Titelbild: APA Picturedesk

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