Vom Disco-Gutschein bis zur Bratwurst:

So locken Länder ihre Bürger zur Impfung

Die WKO fordert einen “Disco-Gutschein” als Impf-Anreiz für junge Österreicher. In anderen Ländern locken Regierungen bereits mit diversen “Impf-Zuckerln”. Von Geld über Gratis-Donuts bis hin zu Bratwürsten ist alles dabei.

Wien, 02. August 2021 | Impf-Box, Impf-Boot, ja sogar im Stephansdom kann man sich bereits ohne Voranmeldung gegen das Virus impfen lassen. Vor allem in Wien scheint es mittlerweile kaum noch Plätze zu geben, wo einem kein Stich angeboten wird. Doch bei der Impfbereitschaft ist nach wie vor Luft nach oben. Vor allem von den unter 25-Jährigen ist bis jetzt nur ein Viertel geimpft.

Mahrer fordert Nacht-Gastro-Gutschein

Am Samstag ließ Wirtschaftskammer-Präsident Harald Mahrer (ÖVP) auf “oe24.TV” mit einem Vorstoß zur Steigerung der Impfbereitschaft aufhorchen. Junge sollten für eine Corona-Immunisierung einen Nacht-Gastro-Gutschein von 100 Euro bekommen, einlösbar in Discos oder Klubs, in Kinos oder bei Großveranstaltungen.

„Jungs, Mädels, jeder, der sich impfen lässt, bekommt einen 100-Euro-Gutschein, einlösbar im Kino oder in der Nacht-Gastro oder bei einer Veranstaltung. Ich glaube, das würden viele in Anspruch nehmen“, so Mahrer gegenüber “oe24”.

Vorbild soll der Wiener Gastro-Gutschein von 2020 sein: „Wien hat das gut vorgezeigt für die Gastronomie, einen Gutschein für Nachtgastro, Kino oder Veranstaltungen. Das, was die jungen Leute gerne haben. Damit würde ich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Ich hätte einen Anreiz für Junge – und ich würde die Betriebe unterstützen, die besonders gelitten haben und die ersten wären, die wieder zumachen müssen, wenn was passieren würde. Es wäre also eine Win-Win-Situation.“

In anderen Ländern gibt es bereits die verschiedensten Anreize, sich gegen SARS-CoV-2 impfen zu lassen. Für das British Medical Journal (BMJ) haben die Journalistinnen Serena Tinari und Catherine Riva eine buchstäblich kunterbunte Zusammenstellung recherchiert.

Ohio lockt mit Studienplätzen

Am finanziell einträglichsten könnte die Impfung im US-Bundesstaat Ohio sein. Dort finanziert der Bundesstaat die “Vax a Million”-Kampagne, bei der über fünf Wochen hinweg jeweils eine Million US-Dollar (844.309,36 Euro) winken. Jugendliche können hingegen einen von fünf Universitätsplätzen für ein vierjähriges Studium gewinnen. In den USA sind Studienplätze zum Teil extrem teuer. Viele Studenten oder ihre Familien verschulden sich dafür mit Krediten. Auch der Bundesstaat New York verloste unter registrierten Kindern und Jugendlichen 50 Studienplätze.

Auch Geld, Gratis-Donuts, Fischerei- oder Jagdkarten, freier Eintritt in Museen, Tiergärten, Konzerttickets oder Plätze bei beliebten Sportveranstaltungen werden US-Bürgern für den “Shot” angeboten, der vor Covid-19 schützen soll.

Joints, Gratis-Eis, Kühe

“Lasst Euch impfen und geht auf ein Bier”, hatte US-Präsident Joe Biden die Amerikaner zur Impfung aufgerufen. Der US-Bundesstaat New Jersey startete darauf die Kampagne “Impfung und ein Bier”. Der US-Bundesstaat Washington bietet “Joints für Impfungen” an. Michigan hat “Pot for Shots” – also auch Hanf als Belohnung. In West Virginia gibt es bei “Call to Arms” Geldgeschenke, LKWs und sogar Gewehre zu gewinnen.

In Kanada wiederum bekommen zwölfjährige Impflinge ein Gratis-Eis als Belohnung. Eine Impfstraße in den Niederlanden gibt eingelegte Heringe aus. “In Chiang Mai in Thailand kann man hingegen eine Kuh gewinnen”, heißt es in der medizinischen Fachzeitschrift BMJ. Hongkong wiederum bietet die Chance auf Goldbarren oder auf einen Tesla-E-Auto-Renner. In Rumänien sei gar das Schloss von Graf Dracula in eine Geisterbahn-Impfstraße umgewandelt worden.

Zuerst Impfung, dann Bratwurst

Im deutschen Sonneberg geht man einen eigenen Weg. Mit einer gratis Bratwurst vor der Impfstation sorgte man bereits in der Früh für eine lange Warteschlange. Aus ganz Thüringen reisten Menschen an, die sich die Wurst als Impf-Belohnung nicht entgehen lassen wollten. Die Covid-19-Impfstelle wurde seit dem neuen Angebot regelrecht gestürmt.

SPD-Kanzlerkandidat Scholz mit einer Bratwurst.

Expertin warnt vor “gegenteiligem Effekt”

Nicht alle Experten sind von solchen Aktionen begeistert. Für Ana Santos Rutschman, Professorin an der Saint Louis University School of Law in den USA, sind besonders finanzielle Zuwendungen für Covid-19-Impfungen ein Problem: “Sowas ist nicht wünschenswert bei einer Pandemie, welche von Fake News und Misstrauen gegenüber den Gesundheitsbehörden begleitet wird.” Das könne auch einen gegenteiligen Effekt haben und die Stimmung zum Kippen bringen.

Aber kleine Anreize sollten eben gerade bei denjenigen einen zusätzlichen Stimulus für die Impfung geben, die in bloßer Warteposition sind. Echte Impfgegner werde man damit nicht erreichen, meinte die Medizin-Philosophin Maya Goldenberg (University of Guelph/Ontario). In den USA sind es immerhin 40 Prozent der Erwachsenen, die bezüglich der Covid-19-Impfung auf “Abwarten und Tee trinken” setzen.

Ross Silverman von der Indiana University jedenfalls hat einen Wunsch: “Ich hätte es lieber, wenn die offiziellen Stellen Waffen, Alkohol oder Cannabis nicht als Anreiz einsetzen würden.” Völlig dagegen ist Allyson Pollock, Leiterin des Exzellenzzentrums zur Erforschung von Regelsystemen der Universität von Newcastle (Großbritannien): “Solche Programme sind die Antithese zu guten Systemen für öffentliche Gesundheit. Sie sind von kommerziellen Interessen getrieben. Impfstrategien sollten auf Information, Vertrauen und Zustimmung basieren, nicht auf Zwang oder Bestechung.”

(mst)

Titelbild: APA Picturedesk

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