Eltern werden aktiv:

Schulabmeldungen wegen Corona steigen stark

Die Zahl von Kindern, die von der Schule ab- und zum “Heimunterricht” angemeldet werden, dürfte im kommenden Schuljahr stark steigen. Immer mehr Eltern vernetzen sich und gründen “Lerngruppen”.

Wien, 05. August 2021 | Es gibt derzeit einen starken Trend hin zu häuslichem Unterricht: Immer mehr Eltern melden ihre Kinder von der Schule ab. Derzeit beläuft sich die Zahl neuer Schulabmeldungen auf 3.600, bis Schulbeginn könnte sie auf 6.000 ansteigen, so der ORF. Genaue Zahlen liegen erst mit Schulbeginn vor. Die Bildungsdirektion Niederösterreichs verzeichnet im Vergleich zum Vorjahr bereits jetzt eine deutliche Steigerung: Damals waren es in Österreichs größtem Bundesland 820 Abmeldungen, heuer sind es schon 1.150. NÖ-Bildungsdirektor Johann Heuras sieht an der Entwicklung auch die Coronavirus-Pandemie mitverantwortlich: Gründe seien die Frage des Testens und Impfens.

Corona-bedingte Schulabmeldungen

Gründe für eine Schulabmeldung werden in der Regel nicht erhoben. Die Ulrike Schiesser von der Bundesstelle für Sektenfragen vermutet im ZiB-Interview, dass ein beträchtlicher Anteil der Eltern sich dem Coronamaßnahmen-kritischen Lager zuordnet, dass aber gleichzeitig auch Eltern ihre Kinder von der Schule abmelden, denen die Faßmann-Maßnahmen nicht „sicher genug“ wären.

Simone Feichtner beispielsweise gründete die #InitiativeSichereBildung – ein Zusammenschluss aus 66 Eltern, Lehrern und Medizinern, die die Regierung in einem offenen Brief dazu aufforderte, das Coronavirus an Schulen nicht „frei laufen zu lassen“.

Auf der anderen Seite jedoch stark vertreten dürften jene Eltern sein, die ihre Kinder zum Heimunterricht anmelden, weil sie die Maßnahmen nicht mehr mittragen: Sie wollen ihre Kinder den wöchentlichen Tests, dem Maskentragen oder den Impfungen und damit einhergehenden Gruppendynamiken an der Schule nicht mehr aussetzen.

Schulabmeldung bedeutet nicht zwangsweise Isolation

NÖ-Bildungsdirektor Heuras ist besorgt: Heimunterricht schränke die Persönlichkeitsentwicklung ein, sagt er gegenüber dem ORF. Genauso meint Bildungspsychologin Christiane Spiel im ORF-Interview, dass das Lernen mit Freunden „und damit auch das Hineinwachsen in eine Gesellschaft, die sehr heterogen ist“ im Unterricht zu Hause nicht geboten werden könne. Doch Heimunterricht bedeutet nicht zwangsweise, dass die Kinder von ihren Eltern alleine unterrichtet werden. Die meisten können sich das allein schon aus Berufsgründen zeitlich gar nicht leisten.

Die Realität sieht anders aus: Eltern organisieren sich selbst und gründen beispielsweise “Lerngruppen”, in denen ihre Kinder mit einigen anderen Kindern gemeinsam lernen. In kleineren und größeren Initiativen werden Eltern und auch Lehrer aktiv: So stellt die Plattform Respekt Plus beispielsweise eine Vernetzungsplattform für Eltern und Lehrer zur Verfügung, die Unterricht außerhalb von Schulen auf die Beine stellen wollen. Plattformen wie die von Ricardo Leppe, der sich bereits vor Corona für selbstbestimmtes Lernen einsetzte und das bestehende Schulsystem stark kritisierte, erfahren starken Zulauf.

Österreich: Abmeldung von Schule möglich

Für alle Kinder, die sich in Österreich aufhalten, besteht zwar eine allgemeine Schulpflicht, allerdings sieht das Schulpflichtgesetz diese auch als erfüllt, wenn die Kinder im Heimunterricht oder in Schulen ohne Öffentlichkeitsrecht unterrichtet werden. In Österreich ist es Eltern also – im Unterschied beispielsweise zu jenen in Deutschland – möglich, ihre Kinder von der Schule abzumelden. Voraussetzung ist die Ablegung einer sogenannten Externistenprüfung an einer öffentlichen Schule am Schuljahresende, dabei wird der gesamte Jahresstoff überprüft. Bezeichnet wurde das bisher als „häuslicher Unterricht“, „Hausunterricht“ oder „Homeschooling“.

Vor Beginn der Corona-Maßnahmen waren gute 2.000 Schüler in Österreich für Heimunterricht angemeldet: Aus einer parlamentarischen Anfragebeantwortung durch Heinz Faßmann geht hervor, dass sich Ende 2018 noch 2.222 Schüler im Heimunterricht befanden.

(lb)

Dieser Artikel wurde am 06. August 2021 um 16:30 Uhr im letzten Absatz aktualisiert bzw. korrigiert: In Österreich gilt die Schulpflicht.

Titelbild: APA Picturedesk

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