Wochenstart mit

Judith Kohlenberger

Frau Kohlenberger, über Nacht wurde die afghanische Hauptstadt Kabul erobert. Tausende Menschen sind vor den radikal-islamischen Taliban auf der Flucht. Wie sollte Europa jetzt reagieren?

Wien, 16. August 2021 | Was in der jetzigen Situation ganz wichtig wäre, ist, dass Europa vor allem bei der humanitären Hilfe stark aufrüstet. Viele Menschen vor Ort fühlen sich jetzt im Stich gelassen, das ist ein Nährboden für noch stärkeres anti-westliches Ressentiment. Die Situation, nach so langer Besatzungszeit wieder von den Taliban vereinnahmt worden zu sein, schädigt langfristig das Vertrauen in den Westen. Deshalb wäre es jetzt ganz wichtig, dass der Westen, oder konkret die EU, sehr viel humanitäre Hilfe leistet und auch an Resettlement-Programme denkt.

Wir sehen derzeit noch keine große Fluchtbewegung über weitere Strecken bis nach Europa, was aber dem typischen Ablauf von Flucht entspricht. Es beginnt mit Binnenflucht innerhalb der Grenzen des Landes, dann gibt es etwa drei Millionen Menschen, die bereits in unmittelbare Nachbarländer wie Pakistan, Iran oder Tadschikistan geflüchtet sind. Wobei Pakistan signalisiert, die Grenzen dicht zu machen, da man bereits 1,4 Millionen, vorwiegend aus Afghanistan Geflüchtete, beherbergt, und die Kapazitäten erschöpft seien.

Wichtig wäre jetzt auch, besonders gefährdete Gruppen zu evakuieren. Also nicht nur die eigenen Staatsbürger, die etwa in den Botschaften tätig waren, sondern auch berufstätige Frauen, wo man jetzt schon hört, dass diese ihren Beruf nicht mehr ausführen dürfen. Es sind aber auch die vielen Journalistinnen und Journalisten, Aktivistinnen und Aktivisten oder ehemalige Regierungsmitarbeitende, die jetzt mit Leib und Leben bedroht sind. Diesen Menschen sollte man es nicht zumuten, dass sie mit ihren letzten Kräften und finanziellen Mitteln selber über den Landweg mithilfe von Schleppern in Sicherheit gelangen. Stattdessen sollte man aus Afghanistan eine Evakuierung laufen lassen, manche Länder wie Kanada machen das bereits. Dort hat man ein Kontingent von 20.000 Menschen angekündigt. Dem könnte man sich anschließen.

Es sollte jetzt auf keinen Fall darum gehen, Leute wieder zurückzuschicken. Wohin auch? Mit dem Abschiebeflug, den man aus Österreich angeblich organisieren will, könnte man in der derzeitigen Lage gar nicht am Flughafen landen. Im Gegenteil, jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, die genannten Schutzbedürftigen rauszuholen und eine Lösung beim EU-Migrationspakt zu finden. Seit fast einem Jahr diskutieren wir nun, wie Geflüchtete verteilt werden können. Geschehen ist wenig, weil sich die EU-27 bis jetzt nicht geeinigt haben. Dass dann wieder nur die EU-Länder mit Außengrenzen betroffen sind, kann es auch nicht sein.

Judith Kohlenberger ist Kulturwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Identitäts- und Repräsentationspolitik. Sie forscht zu Fluchtmigration, Integration und gesellschaftlicher Teilhabe. Zwei ihrer Schwerpunkte bilden Integrationswege geflüchteter Frauen und die psychosoziale Gesundheit von syrischen, irakischen und afghanischen Geflüchteten in Österreich. Im Rahmen der Studie Displaced Persons in Austria Survey erfasste sie erstmalig in Europa Kenntnisse, Verhaltensweisen und Wertvorstellungen von Geflüchteten. Kohlenberger lehrt an der Universität Wien, der Wirtschaftsuniversität Wien und der FH Wien.

Titelbild: ZackZack

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