Skylla und Charybdis

Von Böcken und Sünden

Dass nur nicht jemand glaube, irgendein Prinzip zähle etwas! Außer dem Prinzip, dass die Politik der Umfrage folgt. Da müssen schon einmal Afghaninnen über Klinge springen.

Julya Rabinowich

Wien, 26. August 2021 | Die Frauenrechtlerinnen in Afghanistan sollen selber sehen, wo sie bleiben. Was mussten die sich auch einbilden, sich dem Talibanregime entgegen zu stemmen. Was geht das denn ein Land mit der Tradition Österreichs überhaupt an? Wenn es nach unserer Regierung geht, würde auch Malala nie gerettet werden. Wir sind ja nicht zuständig. Zuständig sind wir für die neuer Zerstückelung Europas. Wo früher der Eiserne Vorhang unter Mitwirkung von österreichischen Politikern niedergerissen wurde, errichtet man nun neue Zäune und der Innenminister wird eine solchen mit ernster Konzentration begutachten.

Jene Konzentration fehlte ihm zwar leider bei der Abwehr des Terroranschlags in Wien, aber man kann eben nicht alles haben. Schöne Fotos vor einer Antonov sind schließlich auch etwas wert! Sehr viel wert sogar. Diese Diskrepanz zwischen dem Ignorieren tatsächlicher und der Erfindung von angeblicher Gefahr zu Ablenkungszwecken, sie wird noch teuer werden. Vielleicht war die abgeschobene Tina ja tatsächlich gefährlicher als der radikalisierte Attentäter. Junge Frauen können schließlich ganz schön ungemütlich werden, siehe Malala, die Österreich nicht retten würde. Dass Menschen aus Afghanistan fliehen, gerade weil sie der steinzeitlichen Auslegung eines Schariastaates entkommen wollen, hindert durchaus nicht, vor radikal angehauchten Islamisten aus Afghanistan zu warnen, die sich angeblich auf den Weg machen (gerade die werden sich vor Ort, wo ja von Österreich angeblich geholfen werden soll, ganz prächtig wohl fühlen).

Die Umfrage über allem

2015 darf sich nicht wiederholen, rattert wider besseres Wissen die Gebetsmühle namens Sebastian Kurz. Was sich nicht wiederhole sollte: Sebastian Kurz. Der Vizekanzler suchte seine Stimme hingegen eine verdammt lange Zeit. Sie war verlegt. Oder verlegt worden. Der Außenminister wiederum stößt sich nicht an der österreichischen Untätigkeit, sondern an der Tonalität der Debatte. Die Töne der bedrohten afghanischen Frauen sind offenbar weit weniger dramatisch, mit ihnen muss er sich schließlich nicht herumschlagen. Die Taliban soll man an ihre Taten messen, meint er, während die Taliban den Frauen raten, zu Hause zu bleiben, um nicht vergewaltigt oder misshandelt zu werden.

Die Umfragen diktieren den weiteren Verlauf. Die Umfrage ist das neue Tiergedärm, der neue Vogelflug. Sie muss aufmerksam gelesen und befolgt werden. Die Umfrage ist gnadenlos, sie ist der Daumen, der über den morituri hinauf oder hinunter gedreht wird. Menschen, die Österreich als Vermittler, als Zufluchtsort, als dem Humanismus verpflichtet kannten, erkennen es kaum wieder. Die Entfremdung ging erstaunlich schnell vonstatten. Die Insel der Seligen leidet unter sozialem Klimawandel. Monat um Monat wurde zugesichert, dass es nur gegen austauschbare Sündenböcke gehen würde, gegen jene, die die rechtmäßige Ordnung stören, gegen jene, die nicht vollwertig in der Leistungsgesellschaft verankert seien, jene die auf fremden Taschen liegen, jene, die die falsche Religion, den falschen Geburtsort, das falsche Elternhaus wählten. Es gab so viele jene. Die kommende Lektion, dass es jeden treffen kann, der nicht Teil der blaustichigen Familie ist, diese Lektion könnte schmerzhaft werden.

Titelbild: APA Picturedesk

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