Kommentar

Apportieren mit Kurz

„Bring‘s Stöckchen!“ Fleischman ruft, Österreichs Medien folgen. Selten wurde das so deutlich wie bei der Farce um das ORF-Sommergespräch von Sebastian Kurz.

 

Thomas Walach

Wien, 07. September 2021 | Besonders freche Politiker wollen bei Interviews die Fragen im Vorhinein wissen. Sebastian Kurz geht selbst das nicht weit genug. Sein Pressesprecher schickt die Antworten auf Fragen, die noch gar nicht gestellt wurden, an treue Redaktionen. Lou Lorenz-Dittlbacher wird als Interviewerin im ORF-Sommergespräch dadurch zur Staffage degradiert, das Interview zur Kanzler-Verkündigungsshow.

Das Erstaunliche: Vom „Standard“ über die üblichen Verdächtigen wie „Krone“, „Heute“, „Kurier“ bis hin zum ORF selbst apportieren alle das geworfene Stöckchen. Die Ankündigungen des Kanzlers in einem Interview, das noch gar nicht geführt worden war, sind überall Headline-News. Es sei wichtig, was der Kanzler zum Umgang mit der Coronapandemie zu sagen habe, werden sich die Apporteure rechtfertigen.

Warme Lüfterl sind keine Nachrichten

Das darf bezweifelt werden. Wenn Kurz große Ankündigungen zu Corona macht, kann man sich erfahrungsgemäß darauf verlassen, dass nicht viel dahinter ist: 100.000 Tote, eigene Impfstoffproduktion, Sputnik, in 100 Tagen sind wir alle geimpft, Licht am Ende des Tunnels, die Pandemie ist vorbei, nein, doch nicht vorbei, doch wieder vorbei etc. etc.

Der Vertrauensvorschuss, dass Kurz zum Thema mehr als heiße Luft produziert, ist nicht gerechtfertigt. Und tatsächlich blieb es auch diesmal bei Überschriften. Konkrete Pläne? Fehlanzeige. Die Landeshauptleute werden ein gewichtiges Wort mitzureden haben. Mit ihnen trifft sich Kurz aber erst am Mittwoch. Gesundheitsminister Mückstein wurde offenbar völlig überrascht. Auch er wird das Eine oder Andere dazu sagen wollen.

Vorgekautes

Eigentlicher Zweck des Manövers war nicht Information für die Bevölkerung, sondern Message Control. Es hätte ja sein können, dass Lorenz-Dittlbacher auch unangenehme Fragen gestellt hätte. Dank der Willfährigkeit der österreichischen Presse ist das egal. Die Artikel zum Sommergespräch waren veröffentlicht, bevor das Interview überhaupt begonnen hatte.

Hat irgendjemand daran gedacht, das Zustandekommen dieser „Nachrichten“ zu thematisieren? Die Landeshauptleute oder den Gesundheitsminister anzurufen, um zu erfahren, was sie eigentlich dazu sagen? Nein. Stattdessen wurde brav abgeschrieben, was Fleischmann vorgekaut hatte.

Mit Journalismus hat das nichts zu tun. Das ist bestenfalls Hofberichterstattung. „Journalismus ist nicht Stenografie“, sagte die Chefredakteurin des australischen „Guardian“, Lenore Taylor. Wer sich als Journalist darauf beschränkt, Stöckchen zu apportieren, hat sich und den eigenen Beruf aufgegeben. Das Schlimmste daran: Viele Apporteure erkennen nicht einmal, was das Problem ist. Vielleicht werden sie sich später einmal wundern, wie es soweit kommen konnte, dass Österreich Ungarn wurde. Aber wahrscheinlich wird es ihnen nicht einmal dann auffallen.

Titelbild: APA Picturedesk

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