Not a Bot – Fake-Literatur als Industrienorm

Jeden Samstag kommentiert Schriftsteller Daniel Wisser an dieser Stelle das politische Geschehen. Dabei kann es durchaus menscheln – it’s a feature, not a bug!

von Daniel Wisser

Wien, 18. September 2021 | In diesen trüben Zeiten, in denen wahrhaftige Kolportage ein Minderheitenprogramm geworden ist, frage ich mich, wo die progressive Literatur geblieben ist. Oder Literatur, die sich der Darstellung gegenwärtiger Lebenswelten widmet, ohne dabei Opfer immer stärker werdender Zensur und als Marktlogik gehandelter Zwänge zu werden. Wären es nur die bekannten kapitalistischen Zwänge der 80er- und 90er-Jahre, so hätte man es mit alten Bekannten zu tun. Nun aber scheinen wir in die Zange genommen zu werden. Denn aus einer politischen Ecke, aus der man solche Pressionen nicht erwartet hätte, kommt seit einigen Jahren ein starker Druck, der auf Zensur hinausläuft. Er beginnt mit dem Legitimierungszwang.

Der Legitimierungszwang besagt, dass nur ein homosexueller achtunddreißigjähriger Kellner, der in Wien im achten Bezirk wohnt und den Mount Everest besteigen möchte, über homosexuelle achtunddreißigjährige Kellner, die in Wien im achten Bezirk wohnen und den Mount Everest besteigen möchten, schreiben darf. Die Ironie dieser Formulierung wird leider von der Realität in den Schatten gestellt. Ein großer Streamingkanal hat bereits angekündigt, dass in den Filmen, die er produziert, Menschen bestimmter Herkunft und bestimmter sexueller Orientierung nur von Schauspielern derselben Herkunft und sexuellen Orientierung dargestellt werden. Womit das Ende der Schauspielerei erreicht wäre. Womit der jahrtausendealte Vertrag zwischen Konsument und Produzent, der Konsens, sich während des Lesens oder Sehens wissentlich einer Fiktion hinzugeben, tot ist. Womit die Literatur tot ist.

Monopolisierung der Wirklichkeit

Die Anzeichen dafür, auch Literatur nach diesen Maßstäben zu bewerten, mehren sich. Die Unterscheidung zwischen Autor, Erzähler und literarischer Figur wird vielerorts nicht mehr getroffen. In manchen Bereichen der Literatur hat das bereits zur Monopolisierung geführt. Da ist etwa das Beispiel einer Frau aus Afrika mit einer grauenhaften Kindheit, die Opfer von Genitalverstümmelung wurde. Diese Frau hat ein Buch geschrieben. Wie sieht das nun aus? In Wahrheit hat diese Frau einen gutbezahlten Vertrag mit einer Agentur abgeschlossen. Sie spricht ihre Erinnerungen in ein Aufnahmegerät. Diese Aufnahmen gehen zu einer Ghostwriterin, die weder das Land, aus dem diese Frau stammt, je besucht hat, noch etwas über die Gesellschaft dort weiß. Sie zimmert aber nun für einen Hungerlohn aus den Aufnahmen einen spannenden Text mit lebendigen Szenen. Das so entstandene Buch wird uns – ohne dass es die auf dem Buch als Autorin angeführte Person jemals gelesen hat – als der authentische Bericht einer Betroffenen verkauft. Wodurch mit einem Schlag alle Nicht-Betroffenen delegitimiert werden, über dieses Thema zu schreiben. Hier wird nicht nur die Produktion monopolisiert, hier wird die Wirklichkeit monopolisiert. Und hier wird natürlich auch zensiert. Der Konsument solcher Bücher ist Opfer einer vorsätzlichen Täuschung, wenn nicht des Betrugs.

Ich kann mich noch gut erinnern, mit welcher Aufregung mein Großvater Filme angeschaut hat, die schon im Vorspann anpriesen, Nach einer wahren Begebenheit gemacht worden zu sein. Das ist wirklich passiert, ist dann der nächste Schritt zu einer Rezeptionshaltung, in der das Erzählte sekundär ist, das Unverständnis für das Medium Film jedoch primär. Der Anspruch auf Wirklichkeit oder Reality ist in Literatur, Film und Theater nicht notwendig. Fake-Literatur ist leider zu einer Art Industrienorm geworden, die ernsthafte Literatur mit Kapitalmacht zur Seite drängt.

„Schutz“ als Verbot

Fehlt also nur noch der Schritt zur Zensur jener, die sich nicht an die Industrienorm halten wollen. Das ist die Welt der Triggerwarnungen und der nachträglichen Änderung historischer Literatur. Sie ist letztendlich eine Welt der Verbote. Es sind Zensurunterfangen, die sich in das Kleidchen des Beschützers gehüllt haben. Nur zu unserem Besten wollen sie eine Zensur errichten, deren politische Legitimation höchst fragwürdig ist – von wissenschaftlicher oder ästhetischer Legitimierung spricht ohnehin kein Mensch.

Und so kommt es, dass die Äußerungen von Staatschefs, die Lügen, Verhetzung, Verunglimpfung und Beleidigung anderer Menschen enthalten, zum Schutz der Leserinnen und Leser in den „Nachrichten“ und in Büchern nicht mehr vorkommen sollen und von der Wissenschaft nicht mehr analysiert werden sollen, um die Wissenschaftler davor zu schützen. Ein System, dessen höchste Macht sich also moralisch disqualifiziert, hält sich moralisch für qualifiziert, die Analyse ihrer eigenen Worte und Taten zu verbieten. Hier sind wir bei totalitärer Politik angekommen.

Entliterarisierung der Literatur

Es tut mir weh zu sehen, wie Autorinnen und Autoren bewusst oder unbewusst der Entliterarisierung der Literatur das Wort reden. Andere schweigen überhaupt, teils aus vermeintlicher Taktik, teils aus Angst. Den Gegenwind bekommen jene zu spüren, die ihre Meinung öffentlich ausdrücken. Alarmismus, Übertreibung und Kulturpessimismus wird ihnen vorgeworfen. Natürlich, das ist ja auch eine geschichtlich bekannte Taktik der Entdemokratisierung, dass sie die Warnenden lächerlich macht und schon die Tatsache, dass sie ihre Warnung aussprechen dürfen, als Beweis dafür angeben, dass sie übertrieben ist.

Ich freue mich dennoch auf die Literatur der kommenden Jahrzehnte, weil ihr eine Aufgabe zukommt, die niemand anderer in unserer Gesellschaft mehr erfüllt. Sie wird überleben, durch alle, die genug Mut haben, sich ihrer Aufgabe zu stellen, und genug Widerstandsgeist, um die Schmähungen zu ertragen, die ihr die zur Mehrheit gewordenen Vertreter der Entdemokratisierung nicht ersparen. Lassen wir uns die Literatur nicht nehmen!

Titelbild: APA Picturedesk

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