»Bei mir haben alle einen Platz«

Interview mit Queer-Fitnesscoach Florentina Kubizek

Fitnesscoach Florentina Kubizek kämpft gegen Geschlechternormen und Schönheitsideale. Im Interview mit ZackZack erzählt Florentina von Hürden und Chancen als queere Fitnesstrainerin.

Wien, 23. September 2021 | Sie ist unter „Queer Muscle“ bekannt und hat es sich zur Aufgabe gemacht, das typische Schönheitsideal der Gesellschaft zu sprengen. Sie hilft Menschen dabei sich in ihren Körper wohlzufühlen und diesen lieben zu lernen – egal welches Alter oder Geschlecht, ob Profi oder Anfänger. Florentina Kubizek ist Personal Fitness Coach und ordnet sich selbst keinem Geschlecht zu. Sie bietet Trainings für Menschen auf ihrer Dachterrasse in Wien an, die sich in den Standard Fitness Studios unwohl fühlen, als auch über Online Videos.

Aktuell arbeitet sie an einer Plattform für Training-Videos, die von und für Menschen gemacht werden, die alle Arten von Körper haben – abseits der Norm. “Dabei geht es mir besonders um Sichtbarkeit. Ich möchte dicke und dünne Menschen zeigen, Menschen mit Behinderungen, ich möchte diverse Gender-Identitäten zeigen und lade wirklich alle ein mitzumachen!”  Im ZackZack-Interview spricht Florentina über ihre persönlichen als auch beruflichen Hürden auf dem Weg zu einem breiteren Schönheitsbild und wie sie Menschen zu ihrem Ziel bringt.

ZackZack: Was hat dich motiviert, den Standard Fitness Studios und typischen Schönheitsidealen entgegenzusteuern?

Florentina: Mir hat der Kraftsport unglaublich gutgetan, als ich in einer Zeit war, wo es mir nicht so gut ging. Doch hat sich mein Körper dadurch auch etwas verändert. Es folgten ausschließlich negative Kommentare. Verwandte sagten “Na, jetzt hörst du aber auf mit dem Trainieren, das ist ja nicht mehr schön.” Die einzigen Personen, die mir positives Feedback gegeben haben, waren Menschen aus der Queer-Community.

Aus einer anfangs nicht so ernsten Idee bekam ich dann eine Förderung für einen offenen Sportkurs auf der Uni. Nach drei Stunden war der Kurs für das Semester komplett ausgebucht. Es folgte eine Ausbildung als Personal Coach und durch Corona habe ich mich selbstständig gemacht.

Fitness-Coach Florentina Kubizek / Foto: Renate Schwarzmüller

ZackZack: Was kritisierst du an den Standard Fitness-Studios?

Florentina: Alle propagieren ein Körperideal – besonders durch die Werbung. Fitness-Studios verkaufen einen Wunsch, der durch die Fitness-Industrie kreiert wurde.

ZackZack: Hast du dort auch oft trainiert?

Florentina: Ich selbst habe bei „FitInn“ angefangen zu trainieren. Ich fand es aber allein durch die Werbung, die sie machen, fast schon peinlich dort zu trainieren. Aber es war das günstigste Studio – was anderes konnte ich mir nicht leisten.

ZackZack: Wo kommen diese Ideale her?

Florentina: Das ist ein Produkt der letzten Jahrzehnte, welches sehr tief in unserer Gesellschaft verankert ist. Mit diesen Idealen gehen Wertungen immer mit einher, sprich: ein Körper, der dem Ideal nicht entspricht, ist weniger Wert. Also wollen viele Personen diesen Werten immer mehr entsprechen. Das macht ganz viel mit dem Selbstwertgefühl und dass man nie genug ist. Diese Vorurteile sind ganz schrecklich, werden aber fleißig geschürt.

ZackZack: Wie versuchst du diese Ideale zu sprengen?

Florentina: Ich kann diese Ideale nicht ganz sprengen – aber ich versuche dagegen zu halten: Einerseits mit Aufklärung, dann mit meinem medialen Auftritt, wo ich deutlich zeige, dass ich es nicht richtig finde, ein einziges Körperideal als anstrebenswert zu definieren und ich versuche klarzumachen, dass Abnehmen oder ein Sixpack zu kriegen nicht das einzige Ziel ist.

Fitness-Coach Florentina Kubizek / Foto: Renate Schwarzmüller

ZackZack: Was sind die häufigsten Gründe, weshalb sich die Leute an dich wenden?

Florentina: Identität, Körper und das Wissen, dass ich die Personen nehme, wie sie halt nun mal sind. Ein Satz, den ich oft nach einem Training höre: “Wow, das war das erste positive Sporterlebnis in meinem Leben”. Das freut mich natürlich zu hören, aber die einfache Tatsache, dass die Person erst jetzt mal so genommen wird, wie sie ist, macht mich schon traurig. Menschen kommen unter anderem zu mir, die unter negativen Kommentaren zum eigenen Körper leiden. Viele erzählen von traumatischen Erlebnissen. Eine Person wurde zum Beispiel “heimlich” im Fitness-Studio gefilmt, weil ein Typ es lustig fand, wie sie als mehrgewichtige Frau die Übungen ausführt. Da fühlen sie sich bei mir sicherer.

Darüber hinaus bringt meine eigene Queerness viele Menschen zu mir, die es in anderen Einrichtungen oft nicht gibt. Für viele war es auch der Punkt, dass es bei mir um Sport geht und sich keiner Gedanken zum Beispiel über Outfits und so weiter machen muss.

ZackZack: Ist die Nachfrage hoch? Wie ist das Angebot in Österreich/Wien – gibt es bereits eine queere Fitness-Szene?

Florentina: Die Nachfrage ist sehr hoch. Das Angebot in Österreich ist katastrophal schlecht. Aber langsam formt sich immer mehr. Ich kenne ein paar Leute in der Szene, die dieselbe Idee haben – vielleicht bauen wir sogar gemeinsam etwas auf.

ZackZack: Findest du es gut, dass es in manchen Fitness-Studios reine Frauen-Bereiche gibt?

Florentina: Ja auf jeden Fall – vor allem aus dem Grund, dass Fitness Studios so aufgebaut sind, wie sie eben aufgebaut sind. Ich habe hauptsächlich im Frauenbereich trainiert, weil ich mir keine depperten Kommentare anhören wollte oder keine Lust darauf hatte, dass Männer mir zeigen müssen, wie stark sie sind. Durch abgetrennte Bereiche werden jedoch viele queere Personen nicht gesehen. Es sollte also vielleicht nicht ‘Frauen-Bereich’ heißen. Da gibt es Verbesserungspotential.

ZackZack: Sollte es in Fitness-Studios, gerade für nicht-binäre Personen, Unisex Duschen geben?

Florentina: Es wäre toll, wenn es generell mehr Unisex Klos und Duschen gäbe. Aber Unisex-Duschen in den Fitness-Studios ist ein sehr heikles Thema. Einzelne Duschkabinen wäre da schon entgegenkommender, genauso wie Duschen für queere Menschen.

ZackZack: Wenn du ein Fitness-Studio eröffnen würdest, wie wäre das aufgebaut?

Florentina: Es braucht mehr Cis-männerfreie Sportorte. Das ist zwar immer eine aufkommende Diskussion, wenn ich so etwas sage – und ich will damit niemanden pauschalisieren. Trotz allem sind es nun einmal Cis-Männer, die sich ihren Privilegien oft nicht bewusst sind. Für sie gibt es so viele Räume. Schön wäre es, einen Sportraum für Inter-Personen zu eröffnen. Es sollte auch gezeigt werden, dass alle Personen willkommen sind: ohne Trans- und Homophobie, ohne Rassismus, ohne Sexismus. Damit ein unsicherer Ort zu einem sicheren Ort gemacht wird. Wenn das Leute abschreckt, dann sollen sie sich eben ein anderes Studio suchen.

ZackZack: Vielen Dank für das Interview!

Das Interview führte Julia Zander

Titelbild: Renate Schwarzmüller

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