Es ist nichts mehr da! Nervös ist das neue Türkis

Erst die Peinlich-Pressekonferenz, dann die Buch-Beschlagnahmung: Der ÖVP und ihren Freunden passieren ungewohnte Fehler. Alles okay zwischen Lichtenfelsgasse und Ballhausplatz?

 

Thomas Walach

Wien, 29. September 2021 | Man hätte es kaum für möglich gehalten, aber auf den letzten Metern wurde Andreas Hanger im Rennen um die skurrilste Pressekonferenz des Jahres noch überraschend geschlagen. Auftritt: Gaby Schwarz, stellvertretende ÖVP-Generalsekretärin. Danach kann nichts mehr kommen.

„Was ist der Zweck dieser Pressekonferenz?“

Schwarz trommelte am Dienstag die Medien des Landes zusammen. Sie fragte die erstaunten Journalisten, wie es sein könne, dass alle Journalisten von einer bevorstehenden Hausdurchsuchung bei der ÖVP wüssten. Das Erstaunliche: Keiner der anwesenden Journalisten wusste von so etwas. Alles verstanden? Nein? Sonst hat es auch niemand verstanden. „Was ist der Zweck dieser Pressekonferenz?“, fragt ein Journalist.

Die Sache lief offenbar so: Anwälte von Beschuldigten im Casinos-Verfahren – darunter ÖVP-Politiker – erzählten in Wien herum, dass eine Hausdurchsuchung bei der ÖVP geplant sei. Beweise hatten sie nicht. Der „Kurier“ sprang auf und berichtete.

Daraufhin behauptete Gaby Schwarz, sie bekäme Anrufe von Journalisten, die sie fragten, ob sie ihr Handy noch habe. „Sie wurden am Handy angerufen und dann gefragt, ob Sie ihr Handy noch haben?“, will ein entgeisterter Journalist wissen.

„Sie verraten jedem kleinen Würschtl eine Hausdurchsuchung?“

Aber Gaby Schwarz lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie richtet „den zuständigen Stellen“ – wer das sein könnte, weiß sie nicht – aus, dass in der ÖVP-Zentrale ohnehin alles gelöscht werde. „Es ist nichts mehr da!“ Erneute Rückfrage eines Journalisten: „Wenn ich versuche, Ihren Ausführungen eine Logik abzuringen: Sie geben eine Pressekonferenz, in der Sie jedes kleine Würschtl in der ÖVP warnen, dass eine Hausdurchsuchung droht. Und gleichzeitig warnen Sie die WKStA, dass die hier ohnehin nichts finden würde?“

„Glauben Sie an dunkle Mächte?“

Nicht nur Gaby Schwarz findet das „skurril“. Besonders der Kollege vom deutschen „Spiegel“ fühlt sich wie im falschen Film. Die Journalisten versuchen, des Wahnwitzes Herr zu werden und eine ernsthafte Veranstaltung aus Schwarz‘ Performance zu machen: „Um welche Causa geht es? Was ist der Hintergrund?“ Schwarz ist verzweifelt: „Wir wissen es nicht!“

Die Journalisten beginnen, an Schwarz‘ Verstand zu zweifeln: „Glauben Sie an dunkle Mächte?“, will einer wissen. Ein anderer mutmaßt, dass man sich vielleicht einen Scherz mit Schwarz erlaubt habe. Die lächelt jeden Versuch der Sinnstiftung wacker weg. Irgendwann geht sie einfach wieder.

Der umtriebige Novomatic-Anwalt

Soweit der unfreiwillig komische Teil der Panik, die Türkis dieser Tage fest im Griff hat. An einer anderen Front geht ein Anwalt in den Frontalangriff: Nachdem Peter Pilz‘ Buch über das Regime Kurz monatelang die Bestsellerlisten anführte, prasseln auf einmal Klagen auf den Verlag und ZackZack ein. Sie kommen samt und sonders von Anwalt Peter Zöchbauer, dem Mann, dem auch die Novomatic und das Fellner-Medienimperium vertrauen.

Er hat es offenbar übernommen, eine ganze Salve an Klagen auf einmal abzufeuern. Bis dato sind es: Einmal ZackZack, zweimal ich selbst (jeweils wegen Berichterstattung über das Pilz-Buch) und einmal der Verlag. Alles innerhalb weniger Tage, die Klagen sind teilweise fast wortgleich. Immer geht es um den (gut belegten) Vorwurf, Holzer habe dem Ex-Kabinettschef im Innenministerium, Michael Kloibmüller (ÖVP), eine Telefonüberwachung verraten. Da geht den Beteiligten offenbar der Reis. Im Fall des Verlags wird es besonders wild: Im Namen von Kripo-Chef Andreas Holzer verlangt Zöchbauer die Beschlagnahmung des Buches.

Barbara Streisand

Laut Kurier teilten die Kläger mit, dass sie den Verlag und nicht Peter Pilz klagten, damit dieser keine PR-Kampagne aus der Klage machen könne. Sofort schnellen die ohnehin schon überhitzten Verkäufe auf ein Rekordniveau, das dem Verlag Sorgen bereiten muss: Wie soll man so vieler Bestellungen Herr werden?

Sind die türkisen Message-Kontrolleure denn verrückt geworden? Nervös ist offenbar das neue Türkis.

Titelbild: APA Picturedesk

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