Lebenslang für Sarah Everards Mörder

Londoner Polizei kämpft um Vertrauen

Ein 48-jähriger Polizist ist zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Er hatte gestanden, Sarah Everard in Südlondon verschleppt, vergewaltigt und getötet zu haben.

London, 01. Oktober 2021 | Das Londoner Strafgericht Old Bailey schickte am Donnerstag den Mörder von Sarah Everard lebenslänglich ins Gefängnis. Der Richter nannte den Fall, der die Nation seit einem halben Jahr erschüttert „verheerend, tragisch und hochgradig brutal“. Der Verurteilte 48 Jahre alte Polizist Wayne Couzens habe mit der Entführung, Vergewaltigung und Ermordung Everards „die Autorität seines Amtes missbraucht“.

Verrat der Polizei

Nach der Verurteilung kämpft die Behörde um das Vertrauen der Bevölkerung. Der Londoner Vize-Polizeichef Stephen House sagte einem Ausschuss des Stadtrats, das Verbrechen bedeute einen groben Verrat an den Werten der Polizei.

“Er war einer von uns, und wir müssen uns sehr, sehr genau hinterfragen, um zu verstehen, wie er einer von uns sein konnte und was das über uns als Organisation aussagt”, sagte House. Der 48 Jahre alte Verurteilte war zuletzt zum Schutz diplomatischer Vertretungen in London eingeteilt. Der Mann hatte die 33-jährige Everard am 3. März auf dem Heimweg von einer Freundin gestoppt, indem er sich als Zivilpolizist zu erkennen gab und sie wegen Verstoßes gegen die Corona-Regeln festnahm.

Polizei-Vize House betonte: “Wir wissen, dass wir daran arbeiten müssen, wieder Vertrauen und Zuversicht herzustellen, und wir werden alles dafür tun, dies zu erreichen.” Als ersten Schritt kündigte er an, dass Zivilbeamte nur noch in Paaren unterwegs sein dürften. Er räumte aber ein, dass es zu Situationen kommen werde, in denen dies nicht möglich sei. So könne es passieren, dass Polizisten, die nicht im Dienst sind, eingreifen, wenn sie zufällig ein Verbrechen beobachten. Zudem sollten Kontrollanrufe in der Polizeizentrale möglich sein, um die Identität von Beamten zu überprüfen.

“Sehr wenig geändert”

Die Parlamentsabgeordnete Harriet Harman von der oppositionellen Labour-Partei forderte von Patel Schritte, um das zerstörte Vertrauen von Frauen in die Polizei zu erneuern. Dazu gehöre, Beamte nach Gewaltvorwürfen schneller zu suspendieren. Nötig seien zudem härtere Disziplinarmaßnahmen für diejenigen, die Kollegen nicht melden, und strengere Überprüfungen für neue Rekruten und Versetzungen.

Foto vom 17. März 2021: Hunderte versammelten sich am Clapham Common in London, wo die 33-Jährige zuletzt gesehen wurde, um zu trauern, Blumen niederzulegen und Kerzen anzuzünden. / Foto: APA

Der Mordfall Sarah Everard hatte einen Aufschrei über Gewalt gegen Frauen ausgelöst. Die Mitgründerin der Organisation “Reclaim These Streets”, Anna Birley, zog eine traurige Bilanz. Seit Everards Tod habe sich “sehr wenig” geändert, sagte die Labour-Gemeinderätin der Nachrichtenagentur PA. “Die Regierung muss aufhören, herumzutrödeln und endlich konkrete Maßnahmen ergreifen, um zu verhindern, dass Frauen getötet werden.” Erst vor kurzem hatte erneut eine Bluttat an einer jungen Frau in London Wut und Entsetzen ausgelöst.

Demonstranten vor dem Gericht Old Bailey in London. Foto: APA

“Würden Sie mich bitte angucken”

Wie die “FAZ” berichtet, habe Jeremy Everard, der Vater des Mordopfers, im Gerichtssaal zum verurteilten Polizisten Wayne Couzens gesagt: „Keine Strafe, die Sie erhalten, wird sich jemals vergleichen lassen mit den Schmerzen und der Qual, die sie uns angetan haben.“ Der Verurteilte habe, wie die meiste Zeit während der Verhandlung, zu Boden geblickt, worauf ihn Everard aufgefordert haben soll: „Würden Sie mich bitte angucken und hören, was ich zu sagen habe.“ Auch Sarah Everards Mutter habe sich im Saal mit berührenden Worten über ihr „heißgeliebtes kleines Mädchen“ geäußert. Sarahs Schwester Katie habe während der Verhandlung gesagt: „Ich hasse es, sie so voller Angst und alleine vor mir zu sehen. Ich hasse es, dass ich nicht da sein konnte und sie stoppen konnte. Ich möchte mit ihr sprechen, sie umarmen und ihr Lachen hören.“

Tat war lange geplant

Wie die “FAZ” weiter schildert, hatte die Staatsanwaltschaft den Tathergang ausgeleuchtet und dabei schockierende Details ans Tageslicht gebracht: Den Ermittlungen zufolge hatte der Mörder sein Verbrechen lange vorbereitet. Schon vier Tage bevor er am 3. März „nach einer jungen einsamen Frau Ausschau hielt, um sie zu entführen und zu vergewaltigen“, habe er einen Mietwagen reserviert und Schutzfolie für den Kofferraum bestellt.
Als Everards Freund die junge Frau am nächsten Morgen als vermisst meldete, “verhielt sich Wayne Couzens, als sei nichts geschehen. Er trank eine heiße Schokolade in einem Café und rief einen Tierarzt an, um einen Termin für seinen Hund auszumachen”, schrieb die “FAZ”. In den darauffolgenden Tagen soll Couzens mehrmals mit seinen beiden Kindern auf sein Grundstück in Kent gefahren sein und ließ sie, nur wenige Meter neben dem späteren Fundort der Leiche, spielen.

(jz/apa)

Titelbild: APA Picturedesk

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3 Kommentare
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Rasputin Rasputin
2. 10. 2021 9:43

Das war nicht der erste Fall, der der Londoner Polizei Kritik einbrachte. Allein der Auftritt der Pressesprecherin flößt nicht unbedingt Vertrauen ein.

Anonymous
1. 10. 2021 16:17

Und der sitzt noch in Polizeiunform auf der Anklagebank?

amour
1. 10. 2021 16:12

Einfach nur tragisch😢