»Instagram fördert Selbstmordgedanken und Depression«

Facebook-Whistleblowerin gibt sich zu erkennen

Frances Haugen – ein Name, den der Riesen-Konzern Facebook seit einiger Zeit fürchtet. Jetzt hat die Whistleblowerin ihre Identität preisgegeben. Die Insiderin sagt: Junge Mädchen sind von der Foto-App Instagram besonders stark gefährdet.

Menlo Park, 05. Oktober 2021 | Sie konnte belegen, dass Facebook intern viel über seinen negativen Einfluss auf unsere Gesellschaft weiß – und das der Öffentlichkeit verschweigt. Die Ex-Facebook Mitarbeiterin hat den Riesen-Konzern in die schwerste Krise seit dem Skandal um Cambridge Analytica gestürzt. Frances Haugen lieferte Schlüsselinformationen für eine Artikel-Serie im “Wall Street Journal”, nach der Facebook unter erheblichen politischen Druck in den USA geriet. Darin ging es unter anderem um die Auswirkungen der Foto-App Instagram auf junge Nutzer. Haugen gab sich in am Sonntag veröffentlichten Interviews erstmals als Whistleblowerin zu erkennen.

Kampf gegen Manipulationsversuche und Desinformation

Haugen sagte dem “Wall Street Journal”, sie sei frustriert gewesen, weil Facebook nicht ausreichend offen damit umgehe, dass das Online-Netzwerk Schaden anrichten könne. Zu ihrem Job bei Facebook, den sie im Mai nach rund zwei Jahren aufgab, habe der Kampf gegen Manipulationsversuche und Desinformation bei Wahlen gehört. Sie habe jedoch schnell das Gefühl gehabt, dass ihr Team zu wenig Ressourcen habe, um etwas zu bewirken.

Auch sei ihr Eindruck gewesen, dass Facebook weiter auf Wachstum gesetzt habe, obwohl dem Unternehmen negative Auswirkungen der Plattform auf die Nutzer bekannt gewesen seien. “Es gab Interessenskonflikte zwischen dem, was für die Öffentlichkeit gut war und was für Facebook gut war”, sagte Haugen bei “60 Minutes”. Und Facebook habe sich immer und immer wieder dafür entschieden, das Geschäft für eigene Interessen zu optimieren.

Junge Mädchen besonders gefährdet

Aus der Serie von Berichten im “Wall Street Journal” in den vergangenen Wochen schlug besonders schwer der Artikel ein, in dem es um interne Untersuchungen zum Einfluss von Instagram auf junge Nutzer ging. Unter anderem hieß es in einem Bericht von Facebook-Forschern, bei zahlreichen Teenagern – vor allem Mädchen – verstärke Instagram die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. Das würde vor allem zu Essstörungen, Selbstmordgedanken und Depressionen führen, wie Haugen gegenüber „60 Minuten“ warnt:

„Viele jungen Frauen und Mädchen, die Instagram konsumieren, werden depressiv. Deshalb wollen sie die App noch mehr nutzen, um positives Feedback zu erhalten. Aus diesem ‘Feedback-Teufelskreis’ kommen sie dann nicht mehr raus – was gut für das Konzern ist.“

Instagram-Version für Kinder?

Aktuell dürfen Kinder im Alter ab 13 Jahren Instagram nutzen. Viele geben jedoch bei der Registrierung ein falsches Geburtsdatum an. Mit “Instagram Kids” wollte Facebook nach eigenen Angaben auch dieses Problem angehen. Doch nach einer Anhörung im US-Senat wurde klar, dass dies politisch nur noch schwer durchzusetzen sein wäre. Instagram betonte in einer Stellungnahme für “60 Minutes”, dass man weiterhin eine Version für Jüngere für sinnvoll halte: “Die Realität ist, die Kinder sind bereits online.”

Facebook verwies darauf, dass Teenager andere Themen als hilfreich bezeichnet hätten. Dennoch legte das Online-Netzwerk vergangene Woche Pläne für eine Instagram-Version für Zehn- bis Zwölfjährige auf Eis.

“Facebook ist wie Tabakkonzern”

Die für Nutzer-Sicherheit zuständige Managerin Antigone Davis drang bei den Senatoren mit ihren relativierenden Erklärungen nicht durch. So verglich der Demokrat Ed Markey die Vorgehensweise des Online-Netzwerks vor allem bei Instagram mit verantwortungslosem Handeln der Tabakindustrie. “Instagram ist diese erste Zigarette der Kindheit”, die Teenager früh abhängig machen solle und am Ende ihre Gesundheit gefährde, sagte Markey unter anderem. “Facebook agiert wie die großen Tabakkonzerne: Sie verbreiten ein Produkt, von dem sie wissen, dass es der Gesundheit junger Menschen schadet.”

Facebook-Gründer und -Chef Mark Zuckerberg und auch die fürs operative Geschäft zuständige Top-Managerin Sheryl Sandberg äußerten sich bisher nicht zu der Kontroverse.

Algorithmus zielt auf Wut ab

Wie am Sonntag bekannt wurde, kontaktierte Haugen das “Wall Street Journal” bereits im Dezember vergangenen Jahres, nachdem ihre Abteilung aufgelöst worden war. Sie fand bei Facebook nach eigenen Angaben zu ihrer Überraschung diverse Studien zum Einfluss auf Nutzer, die praktisch für alle Mitarbeiter zugänglich gewesen seien. Dieses Material habe sie gesammelt, bis sie Facebook im Frühjahr verlassen habe.

Nach Haugens Angaben fährt der Facebook-Algorithmus besonders auf Wut und andere negative Emotionen der Nutzer ab: “Denn Desinformation und Inhalte, die Wut auslösen, hält die Menschen auf der Plattform fest. Wenn Facebook seinen Algorithmus sicherer machen würde, würden die Menschen viel weniger Zeit auf der Plattform verbringen. Das Ergebnis: es wird weniger Werbung gesehen, sprich: die Konzerne machen weniger Geld.”

Die heute existierende Version von Facebook reiße unsere Gesellschaften auseinander und löse ethnische Gewalt rund um die Welt aus. Beweise würden zeigen, dass Facebook der Gesellschaft vorgaukelt, gegen Hass, Gewalt und Desinformation vorzugehen, so auch bei der US-Wahl. Jedoch hang das Konzern dieses Versprechen kurz nach der Wahl wieder an den Nagel, wodurch zum Beispiel auch der Anschlag auf das Weiße Haus organisiert werden konnte, wie Haugen weiter erklärt.

Am Dienstag soll die 37-jährige Whistleblowerin im US-Senat aussagen.

(jz/apa)

Titelbild: APA Picturedesk

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