Wie Umfragen entstehen

Im Zuge der ÖVP-Korruptionsaffäre gerät die Meinungsforschung ins Scheinwerferlicht. Wie seriös ist die Branche? Verbandschefin Jaksch erklärt, was saubere Umfragen ausmacht – und was nicht.

Wien, 14. Oktober 2021 | Zum ersten Mal seit der Politbombe um mutmaßlich gekaufte Umfragen und Berichterstattung meldet sich der Markt- und Meinungsforschungsverband VdMI zu Wort. Vorsitzende Edith Jaksch tritt für die strengen Kriterien des Verbandes ein, der die Branche seriös halten will. ZackZack wollte wissen, wie das mit den Umfragen abläuft: Was ist seriös, was nicht?

Bewerbung von Beinschab abgelehnt

Ein allgemeines Qualitätsproblem in der Branche gebe es nicht, sagt Jaksch. Man könne darauf vertrauen, dass bei den Mitgliedern des Verbandes sauber gearbeitet wird. In der jüngsten Stellungnahme distanziert man sich auch von den beiden Beschuldigten Sophie Karmasin und Sabine Beinschab. Sie sollen im Zentrum frisierter Umfragen und damit zusammenhängender Deals mit der ÖVP und den Fellner-Medien stehen. Für beide gilt die Unschuldsvermutung.

„Die jetzt vorliegende Causa ist schockierend und erfordert eine Klarstellung unserer Branche. Weder die festgenommene Sabine Beinschab noch die als Beschuldigte geführte Sophie Karmasin waren je Mitglied beim VdMI“, heißt es vonseiten des Verbandes. Beinschab sei nach ihrer Bewerbung nicht aufgenommen worden, „weil sie die Qualitätskriterien nicht erfüllt“, so Verbandschefin Jaksch gegenüber ZackZack. Die Notwendigkeit für gesetzliche Nachschärfungen oder generelle Veränderungen in der Branche sehe sie nicht. Man könne die „kriminelle Energie“ Einzelner nicht verhindern.

Probleme mit reinen Online-Umfragen

Probleme in der Branche gebe es durchaus. Eines der größten Probleme seien Online-Umfragen: Ältere Menschen seien schlechter erreichbar, es könne eine Verzerrung eintreten, so Jaksch. Research Affairs hat immer wieder Umfragen mit einer Stichprobe von nur 500 bis 600 Menschen durchgeführt.

Nur 500 Befragte, ausschließlich online durchgeführt: So arbeitete das Beinschab-Unternehmen. Screenshot Research Affairs (14.10.).

Wie überprüft der VdMI die Integrität der eigenen Mitgliederunternehmen? „Wir sind kein FBI, können nichts durchwühlen. Wesentlich sind die veröffentlichten Umfragen“, so Jaksch. Bei Bewerbern lasse man sich die Daten genau geben. Wie eben bei Beinschab, die es nicht in den Verband schaffte. Mindestanforderung des VdMI seien 800 Befragte, und zwar „im Rahmen eines Methoden-Mix“, wie Jaksch erklärt. Das heißt eine Mischung aus Face-to-Face-Interviews, Online-Befragungen und/oder computergestützte telefonische Interviews. Zudem müsse man die Schwankungsbreite möglichst genau angeben oder die Fallzahlen der veröffentlichten Subgruppen angeben. Neben weiteren technischen Kriterien gibt der Verband seinen Mitgliedern auch Ethikstandards der Europäischen Gesellschaft für Meinungs- und Marktforschung vor.

Jaksch sieht trotz des aktuellen Desasters einen Qualitätsschub in der Branche. Wie sieht der aus? Umfrageergebnisse in Österreich hätten zuletzt mit geringerer Abweichung zu eigentlichen Wahlergebnissen aufhorchen lassen als die Resultate von Instituten in Deutschland. Und da sei bei der letzten Bundestagswahl immerhin „ein Sieg der Demoskopie“ ausgerufen worden. In Österreich habe sich also viel getan in den letzten Jahren, sagt Jaksch.

Wirbel um Vorauswahl

Wie wird das Sample ausgewählt? Jenseits demografischer Angaben wie Alter, Geschlecht, Wohnort gibt es immer wieder Wirbel rund um Angaben zu Parteipräferenzen der Befragten. Ein Twitter-User beschreibt, wie sich seine Angaben ausgewirkt haben sollen:

Im Zuge des Wahlkampfes 2019 ließ ein bekannter Meinungsforscher aufhorchen, als er live auf „Puls24“ von „politischen Präferenzen“ der Befragten sprach. Was jemand wählt, will die Meinungsforschung aber erst durch die Umfrage ermitteln. Das sieht auch Jaksch so und erteilt solchen Methoden eine Absage: „Es gibt keine Vorauswahl. Parteipräferenzen der Personen kennen wir nicht. Wir arbeiten mit generierten Nummern. Das heißt, man nimmt vorhandene Telefonnummern, wobei die letzten zwei Stellen durch Zufallsziffern verändert werden.“ So würden dann auch manche wieder rausfallen, aber „man hat Personen drin, die nicht im Telefonbuch stehen oder solche, die nirgends registriert sind.“ Das erhöhe die Repräsentativität.

Live-Umfragen

Ein anderes Thema sind Live-Umfragen, etwa in Nachanalysen zu Wahlkonfrontationen. Dort ordnen Experten, oft mit Parteinähe, die Performance der Kandidaten ein. Es werden Umfragen eingeblendet. Insider wissen: die Zahlen sind teils schon vorher fertig und kursieren noch während des Schlagabtauschs zwischen den Experten in den Hinterzimmern der Sender.

Die Seriösität von Zahlen, die Diskutanten früher als das Publikum kennen, ist fraglich. Immerhin meint „live“ Direktübertragung, ohne Veränderung und Verzögerung. Jaksch zufolge laufe es eigentlich so: „Die Personen werden am Tag vorher rekrutiert. Ein Termin wird ausgemacht, dann wird angerufen. Die Leute geben eine Bewertung ab – tatsächlich nach der Sendung.“ Das gehe alles sehr schnell, sagt sie.

(wb)

Titelbild: APA Picturedesk

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