Hochamt in Hernals

Das Derby of Love

Zwischen Alszeile und Hernalser Hauptstraße liegt eine Kultstätte aus vergangenen Zeiten. Doch wenn die Vienna beim Sportclub zu Gast ist, wird aus dem bröckelnden Tempel ein Hexenkessel.

 

Thomas Walach

Wien, 15. Oktober 2021 | Die Alszeile: An normalen Tagen ein beschauliches Gässchen am Hernalser Friedhof im 17. Wiener Gemeindebezirk. Aber Derbytag in der Regionalliga Ost ist kein normaler Tag.

Tausende stehen sich in der Gasse die Beine in den Bauch. Es riecht nach Bratwurst, Bier und Gras. Wenige Minuten vor Anpfiff warten immer noch hunderte. Drüben, beim Gästesektor an der Hernalser Hauptstraße ist es genauso.

Döbling gegen Hernals, Hohe Warte gegen Alszeile, Blau-Gelb gegen Schwarz-Weiß: Für viele Fans ist das einzig wahre Wiener Fußballderby, wenn die Traditionsvereine First Vienna FC und Wiener Sport-Club aufeinandertreffen.

Zwei Kinder, Bub und Mädchen – sind sie zehn oder jünger? Die Pudelhauben und Schals lassen nur Nasenspitzen erkennen – gehen herum. „Brauchen sie eine Karte?“ Ihre Eltern halten derweil die Stellung in der Schlange, aber es ist klar: Das wird heute nichts mehr.

„Siamo tutti antifascisti!“

„Derby of Love“ nennt es die Presse, weil die Begegnung ohne Gewalt auskommt und die Fans einander mit Respekt begegnen – keine Selbstverständlichkeit im Fußball. Aber geschenkt wird dem Gegner nichts, weder auf dem Rasen noch abseits. Den Sieg ihrer Mannschaft wünschen sich die Fans beiden Klubs noch mehr, als sie den Rücktritt von Kanzler Kurz herbeigesehnt hatten. Beide Vereine sind politisch traditionell links. „Siamo tutti antifascisti!“ Der Antifa-Schlachtruf schallt von den Rängen der Gäste. Die Gastgeber fordern per Transparent die Zerschlagung des Patriarchats.

Das Dornbacher Stadion ist der älteste, nämlich seit 1904 durchgehend noch bespielte Fußballplatz Österreichs. Wie das nahegelegene Vienna-Stadion auf der Hohen Warte – einst größtes Fußballstadion des Kontinents – ist es ein Schatten seines früheren Selbst, aber ein mythischer Ort.

Der WSC mag auf dem ältesten Platz spielen, aber die Vienna ist der älteste Fußballverein Österreichs. 1894 gegründet, trägt er immer noch das alte Logo in den Wappenfarben der Rothschilds. Ein Gärtner der Bankiersfamilie hatte das neue Fußballspiel aus England nach Döbling gebracht. Die Großtaten der beiden Vereine kennt jeder Fan: 1931 gewann die Vienna den Europapokal, der damals noch anders hieß, 1958 schoss der Sport-Club Juventus Turin 7:0 aus dem Wiener Praterstadion. Die großen Tage der beiden Klubs, die internationalen Erfolge, der Jubel von mehr als 80.000 Fans, liegen weit zurück. Doch wenn Derby ist, atmet der alte Spotclub-Platz etwas vom verblichenen Ruhm.

„Es ist wegen dem Corona“

Ausgerechnet im Derby geht es um die Tabellenführung in der Ostliga. Nur zwei Punkte trennen Tabellenführer Vienna vom drittplatzierten Sport-Club. Alles ist heute für ein Spiel angerichtet, von dem die Fans noch ihren Enkeln erzählen werden. Kein Wunder, dass der Sportclub-Platz ausverkauft ist. (Selbst eine Presseakkreditierung war am Freitag wohl nur noch für langjährige WSC-Mitglieder zu bekommen.) 7.000 Menschen können sich hineinquetschen, großteils auf Stehplätzen. Wer‘s nicht mehr geschafft hat, kann das Spiel im Fernsehen verfolgen. Der ORF überträgt das Regionalligaspiel live.

„Ein Wahnsinn heute, oder?“ „Ein Wahnsinn!“ bestätigt einer der Ordner am Eingang zur Tribüne. „Es ist wegen dem Corona,“ erklärt der andere. Ins Stadion dürfen nur Geimpfte und Genesene. Ticket, Ausweis, Impfnachweis – die Weihegaben, die den Eingang zum Allerheiligsten öffnen.

Ein Dach gibt es für die Heimfans nicht. Sie stehen bei Sonne und Regen auf der altersschwachen Friedhofstribüne – der nördlichen, zum Hernalser Friedhof hin gelegenen. Drüben, auf der Blauen Tribüne haben die Vienna-Fans ein Dach über dem Kopf. Nicht, dass sie es gebraucht hätten. Es war ein goldener Herbsttag, der sich in Erwartung des Spiels unnatürlich lange hingezogen hatte und der Abendhimmel über der Stadt ist klar.

Große Erwartungen

Künftig soll die alte Westtribüne umgebaut werden. Die Sportclubfans träumen vom Aufstieg in die 2., ja in die 1. Liga. Da müsste das alte Stadion aber erst einmal saniert werden. Auch die Vienna will bald wieder Oberligaluft schnuppern.

Auf der neutralen Westtribüne findet man common ground. Hansi stellt seinen Schwiegervater vor. „Er ist Austrianer“, erklärt Hansi und an der Betonung merkt man: Er selbst ist Rapidler. Hansi deutet aufs Spielfeld und sagt: „Auf das können wir uns einigen.“

Seit Jahren konnten Vienna und Sportclub nur Testspiele gegeneinander bestreiten (die Vienna gewann beide mit jeweils einem Tor Vorsprung). Die Pleite und der folgende Zwangsabstieg der Blau-Gelben hatte der Stadt vier Jahre lang ihr Derby genommen. Die letzte Begegnung in einem Ligaspiel im Herbst 2017 war torlos geblieben. Heute soll alles anders werden.

Das Spiel ist wenige Minuten alt, die Sportclubfans singen sich warm. „Come on, Sportclub!“ „Vienna, Vienna!“ schallt es zurück. Plötzlich wird es für einen angehaltenen Atemzug ganz still. Die Nummer acht der Vienna, Bernhard Luxbacher, steht alleine vor dem Tor der Dornbacher und hat den Ball am Fuß. Dann ist er im Netz.

Hillsbourough-Vibes

Die Gästetribüne ist da noch halb leer. Auf der Hernalser Hauptstraße warten immer noch hunderte Vienna-Fans. Dafür ist die Friedhofstribüne voll. Sehr voll. Zu voll? Die Menschen stehen schon im Stiegenaufgang und immer noch warten weitere draußen. Die Zaungäste in der Kainzgasse, die entweder groß genug sind, oder Getränkekisten zum Draufstehen mitgebracht haben, um durch den Spalt schauen zu können, der sich die Länge des Spielfelds entlang zieht, sehen mehr als die zahlenden Gäste auf der Tribüne. „Siehst du was?“ „Ich seh‘ einen in einem gelben Leiberl und einen in einem weißen.“ Lachen und Seufzen als Antwort. „Na aber eh schön, dass so viele gekommen sind.“

„Was passiert?“, will eine Frau auf der Stiege wissen, als ein tausendfaches Raunen über die Tribüne geht. Einer weiter oben streckt sich, erhascht auf den Zehenspitzen balancierend einen Blick aufs Spielfeld und gibt nach hinten weiter: „Freistoß. 20 Meter.“

Die erste Halbzeit ist fast vorbei. Am Gästeeingang auf der anderen Seite geben die Ordner auf. Die Menschen werden einfach durchgelassen. Die Schlange bewegt sich plötzlich. „He, nicht so schnell!“, fordert jemand zynisch. Auf der blauen Tribüne ist bald kein Platz mehr. Die Menschen stehen dichtgedrängt auf den Stiegen, niemand kann mehr hinauf oder hinunter. Ein halbes Dutzend Polizisten steht dicht an eine Betonmauer gedrückt. Selbst wenn sie wollten, könnten sie nicht eingreifen. Einige Zuseher klettern auf leere Bierfässer und Heurigenbänke beim Buffet. Eine Bank kippt um. Und immer noch kommen Menschen von draußen nach. Hillsbourough-Vibes.

Es geht um etwas

Zwei Vienna-Fans planen inmitten der Menschenmasse den großen Coup. Jene Glücklichen, die in der Kainzgasse wohnen und ein Fenster oder gar einen Balkon mit Blick aufs Spielfeld haben, müssten doch ein Vermögen machen können. Die beiden Entrepreneurs wollen so eine Wohnung mieten. „Dann baust noch einen Zapfhahn ein und gut is!“

Auch die Westtribüne ist jetzt knallvoll. „Es ist immer so beim Derby“ doziert ein Veteran. „Seit Jahrzehnten.“ Der Mann versucht herauszufinden, welcher Teil des Gedränges die „Bierschlange“ ist, um sich anzustellen. Ein anderer versucht, freien Blick aufs Feld zu bekommen. Er befürchtet, etwas zu verpassen: „Da geht’s ja nicht um nichts!“

Auf dem Feld spielt hauptsächlich der Sportclub, aber es netzt nur die Vienna. Genau eine Viertelstunde vor Schluss kontern die Gäste, der eingewechselte Marek Szotkowski schiebt den Ball ins Tor, als würde er das Licht ausknipsen. Das Spiel ist da eigentlich schon vorbei, aber Marcel Toth köpfelt sechs Minuten später trotzdem noch einmal ins Eckige. 3:0. Verteidiger ist schon keiner mehr zu sehen. Dafür saust ein Flitzer übers Feld. Beim Derby of Love wird eben etwas geboten.

Titelbild: APA Picturedesk

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