TikTok

Was steckt hinter der China-App?

“Warum fuchtelt der so mit den Händen herum?”, haben sich viele ZIB2-Zuschauer am Montagabend bei Armin Wolf gefragt. Der Moderator beendete die Sendung mit einem Tanz, der durch die Plattform TikTok bekannt wurde. Auch die ZIB ist dort nun aktiv. Was steckt hinter der App, die Kinder und Jugendliche stundenlang an ihr Handy fesselt?

Wien, 19. Oktober 2021 | Eine ZackZack-Straßenumfrage im Frühjahr 2021: Wir wollen von den Menschen vor der Mall in Wien-Landstraße wissen, was sie von der Corona-Impfung halten. Kaum ist ein Interview beendet, zupft jemand von hinten am Jackenärmel unseres Reporters: “Kannst du uns auch interviewen?”, fragte ein etwa 14-jähriger Schüler mit erwartungsvollem Blick. “Corona ist Fake, und impfen lasse ich mich sicher nicht, wegen der vielen Nebenwirkungen”, sagte der eine aus tiefster Überzeugung. Wo er denn genau gelesen oder gehört hat, dass die Impfung schlecht für den Körper ist? Die kurze Antwort: “Instagram, TikTok und so!”

Eine App, die süchtig macht

Die chinesische Video-Plattform TikTok erfreut sich bei jungen Menschen größter Beliebtheit und sie macht laut Experten vor allem eines: süchtig. Das liegt zum Großteil an dem Algorithmus, der die Videos für einen auswählt und einen Clip nach dem nächsten abspielt. Man kommt schwer wieder davon los, weil man die Videos aufgrund von „Autoplay“ bewusst stoppen muss. Kennt die App erstmal deine Vorlieben und Sehgewohnheiten, sei man schnell “in diesem Strudel aus Videos gefangen”, wie es TikTok-Nutzer immer wieder beschreiben.

Schon nach kurzer Zeit ist der Algorithmus in der Lage, den Nutzern perfekt auf ihr Profil zugeschnittene Videos anzuzeigen. Ob einem ein Video gefällt oder ob man es teilt, spiele dabei aber keine große Rolle, wie das “Wall Street Journal” herausgefunden haben will. Viel mehr ist der gesehene Content davon abhängig, wie lang jemand ein Video angeschaut hat, beziehungsweise ob man bis zum Ende drangeblieben ist. Ein wichtiger Faktor ist die Kürze der Videos auf Tiktok. Der Algorithmus kann dadurch viel schneller lernen, was den einzelnen Nutzern gefällt und was nicht.

Foto: AFP

Die Folge sind stundenlange Video-Marathons, die Zeit vergeht dabei wie im Flug. Dabei ist natürlich auch die Pandemie und die Impfung Thema auf TikTok. Durch die enorme Flut an Millionen von Videoclips ist die Plattform auch anfällig für jede Form von Fake News, die oft in Desinformation von Kindern und Jugendlichen mündet. Die Reizüberflutung und die schnelle Aufeinanderreihung der Clips lässt ein Reflektieren und ein richtiges Einordnen des gesehenen Inhalts nur schwer bis gar nicht zu.

“Mal schauen, was auf TikTok so abgeht”

Kaum öffnet man die TikTok-App auf dem Smartphone, geht es los: Eine junge, freizügig gekleidete Frau tanzt zu “Say So” von Sängerin Doja Cat. Das Lied geht durch die Decke, seit es von der TikTok-Community entdeckt wurde.

Einmal hinauf gewischt, startet der nächste Clip: Ein junger Wiener fragt Mädchen mittels Anmachsprüchen auf der Straße nach ihrem “Insta” (Kurzform für: Lass uns auf Instagram befreundet sein, Anm.), gefilmt werden die “Opfer” mittels versteckter Handykamera. Was damals in Form von Sendungen wie “Echt fett” oder “Verstehen Sie Spaß?” ein TV-Hit war, ist heute eines der beliebtesten TikTok-Formate.

Nächstes Video: Ein Mädchen, das offensichtlich am Tourette-Syndrom leidet, liegt schreiend auf dem Boden. Der Clip dauert mehrere Minuten und ist nur sehr schwer mitanzusehen. Im Beitragstext wird auf die Ernsthaftigkeit der Krankheit hingewiesen, die Macher des Videos wollen User anscheinend für das Thema sensibilisieren, auch das ist TikTok.

Die Stimmung ist nach dem verstörenden Video gedrückt, jetzt wieder was zum Lachen: Schnell weitergescrollt, erscheinen als Nächstes zwei Burschen. Sie klopfen ihre Fäuste aneinander, danach werfen sie die Arme hoch, dann wiederholt sich das Ganze mehrmals. Das alles passiert im Rythmus zu dem Beat von “The Magic Bomb”, über den Köpfen der zwei TikToker ist der Schriftzug “Fragen, die uns oft gestellt werden” zu lesen. Es handelt sich um einen weiteren beliebten Trend.

Trend erreicht die ZIB2

In Österreich ist der TikTok-Tanz einer breiteren Masse wohl spätestens seit der Performance von ZIB2-Moderator Armin Wolf am Montagabend bekannt. Auch die ZIB hat jetzt einen eigenen TikTok-Kanal, um die jüngere Zielgruppe mit Nachrichten zu versorgen. Und so kam es, dass beim Hinweis auf das neue Angebot, auch Armin Wolf wild mit den Armen fuchtelnd im Studio gesessen ist.

Dass Österreichs öffentlich-rechtliches Medienhaus eine App aus China, die laut Experten bei zu häufigem Konsum negative Auswirkungen auf ihre Nutzer hat, mit Content versorgt, gefällt nicht allen. Dadurch, dass Kinder und Jugendliche aber so viel Zeit auf TikTok verbringen, sei es wichtig, auch diese Zielgruppe mit seriösen Nachrichten zu erreichen, hält Wolf auf Twitter den Kritikern der ORF-Offensive entgegen.

Die ZIB auf TikTok wird aufgrund des jungen Publikums daher auch nicht “von einem alten weißen Mann”, wie Wolf es in einem ersten Teaser selbst beschrieb, moderiert, sondern von der 25-jährigen Ambra Schuster und dem 19-jährigen Idan Hanin. Die zwei jungen Journalisten sollen die TikToker mit Video-Content künftig versorgen.

@zeitimbild

Hallo TikTok! #zeitimbild #zib #nachrichten #arminwolf #foryou

♬ Originalton – Zeit im Bild – ZIB

Trump wollte TikTok verbieten

Ende September hat Tiktok die Marke von einer Milliarde, mindestens einmal im Monat aktiver Nutzer geknackt. Ein Meilenstein für die Firma, die zum chinesischen Konzern Bytedance gehört. Tiktok untermauerte damit seine Position als einzige Online-Plattform mit globaler Reichweite, die nicht aus den USA stammt.

Im vergangenen Jahr hatte der damalige US-Präsident Donald Trump versucht, einen Verkauf des internationalen Geschäfts von TikTok an amerikanische Investoren zu erzwingen. Trump verwies auf Risiken für Daten von US-Nutzern und drohte mit einem Verbot der App in den USA. Doch die Regierung in Peking torpedierte den Deal mit einem Verkaufsstopp für Software-Algorithmen. Und die Verbotsdrohung wurde in den USA von einem Gericht entschärft.

Was passiert mit den Daten?

TikTok steht auch in datenschutzrechtlichen Fragen in der Kritik. Irische Datenschützer ermitteln derzeit in zwei Fällen gegen den chinesischen Kurzvideodienst. Zum einen gehe es um die Verarbeitung von persönlichen Daten von Kindern und Jugendlichen und zum anderen um die Weitergabe von Kundeninformationen nach China, teilte die irische Datenschutzbehörde DPC im September mit. Weil TikTok seinen Europa-Hauptsitz in Dublin hat, ist die DPC die verantwortliche Behörde für Datenschutzfragen.

TikTok hat im August schärfere Kontrollen für Jugendliche eingeführt und damit auf Kritik reagiert, dass die Bytedance-Tochter Kinder schlecht vor versteckter Werbung und unangemessenen Inhalten schützt. Ein Firmensprecher sagte damals, TikTok habe umfangreiche Regeln und Kontrollen erlassen, um Kundendaten zu schützen.

Die DPC kann Geldstrafen von bis zu vier Prozent des weltweiten Firmenumsatzes verhängen. Sie hat erst Anfang September eine Rekordstrafe gegen die Facebook-Tochter WhatsApp in Höhe von 225 Millionen Euro wegen fehlender Transparenz bei der Weitergabe von persönlichen Daten verhängt, allerdings steht die Behörde auch in der Kritik zu langsam zu arbeiten und zu milde Strafe auszusprechen.

(mst)

Titelbild: APA Picturedesk

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