Der Neue bei der BILD

Johannes Boie übernimmt den Chefposten des entlassenen Julian Reichelt bei der größten Boulevardzeitung Deutschlands. Wird sich unter dem bisherigen Welt am Sonntag-Chefredakteur der Kurs der BILD ändern ?

Wien/Berlin, 20. Oktober 2021 | Der steile Aufstieg des Johannes Boie beginnt mit dem mächtigen Vorstandvorsitzenden des Axel Springer Konzerns (zu dem auch die BILD gehört), Mathias Döpfner. Der holt ihn 2017 von der Süddeutschen Zeitung zu sich nach Berlin, macht ihn zum Büroleiter und Assistenten. Eine Nähe, die sich für den 37-Jährigen bezahlt macht. Im Jänner 2019 ernennt ihn Döpfner zum Chefredakteur der Welt am Sonntag, damit ist er auch automatisch stellvertretender Chefredakteur der Welt-Gruppe. Scheint ganz so, als hätte Döpfner einen engen Vertrauten als Nachfolger installieren wollen. Boie soll die BILD nach Julian Reichelt wieder in ruhigeres Gewässer führen, ruhiger für BILD-Verhältnisse. Boie verbinde „journalistische Exzellenz mit modernem Führungsverhalten“ heißt es aus dem Springer-Konzern. Die Betonung dürfte wohl vor allem auf „Führungsverhalten“ liegen, war doch genau dieses bei Boies Vorgänger ein massives, lange ignoriertes Problem. Reichelt hat sexuelle Beziehungen zu Untergebenen gepflegt und soll Managemententschiedungen unter dem Eindruck dieser Beziehungen getroffen haben.

Wofür Boie steht

Johannes Boie arbeitet ab 2005 als freier Journalist, nach dem Abschluss seines Studiums drei Jahre später beginnt er bei der Süddeutschen Zeitung als Praktikant, wird dort später Redakteur und Reporter. Richtig Fahrt nimmt seine Karriere aber erst 2017 auf, mit dem Eintritt ins Springer-Universum und seinem darauffolgenden Engagement als Welt-Chef.

Boie vertritt in seiner Einstellung wohl das, was man als „rechts-konservativen Journalismus“ bezeichnen würde, inklusive allem was das heutzutage bedeutet.
So nennt er den Vorstoß der Grünen, in Deutschland Meldeportale für Steuerbetrug auszubauen „Denunziantentum“. Die Grünen scheinen generell ein Reibebaum für Boie zu sein. So setzt er im Mai dieses Jahres die Affären um Maskendeals von CDU- Bundestagsabgeordneten mit den zu spät gemeldeten Nebeneinkünften von Annalena Baerbock (die Grünen) gleich. Auch der Rundfunkbeitrag für ARD/ZDF ist Boie ein Dorn im Auge. „Zwangszahlung“ nennt er diese in seiner Kolumne Ende August.

Kontroverse und Klage

Auch in eine Mediendebatte darüber, was Journalismus darf und was nicht, war der neue BILD-Chef Anfang des Jahres verwickelt. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) erzählt damals auf der Talk-App Clubhouse, dass er während der Ministerpräsidentenkonferenz Candy Crush spiele und „Merkelchen“ sage. Boie lauschte dem Gespräch Ramelows und zitierte diese Passagen dann für einen Beitrag in der Welt am Sonntag.
Auch mit einem vermeintlichen Enthüllungsbericht im SZ-Magazin sorgt Boie 2015 für Aufsehen. Der Bericht „Arzt ohne Grenzen“ landet vor Gericht, es hagelt eine einstweilige Verfügung gegen Autor und Magazin. Boie stellt in dem Bericht den Leiter einer Kinderklinik in München als Wissenschaftler ohne Mitgefühl für seine Patienten dar. Aus dem Klinikum der Universität München heißt es dazu „Der Öffentlichkeit sollte mit falschen Tatsachenbehauptungen, Verdächtigungen, Verkürzungen, Verleumdungen, Unterstellungen, Dekontextualisierungen und anonymen Aussagen suggeriert werden, dass Professor Klein ein gewissenloser Forscher sei, bereit, im Streben nach wissenschaftlichem Ruhm und Anerkennung ethische Grenzen zu überschreiten.“

New York Times als Brandbeschleuniger

Zu verdanken hat Boie seine neue Position vor allem der New York Times und den USA-Ambitionen des Springer-Konzerns. Erst durch die Berichterstattung der amerikanischen Zeitung über den Fall Reichelt, Recherchen, die nicht veröffentlich werden dürfen und die fragwürdigen Geschäftsgebarungen des Konzern-Chefs Mathias Döpfner ändert sich die Haltung zu Reichelt schlagartig. Der US-Markt wird für Springer immer wichtiger. Seit 2015 hält man 88 Prozent US-Portals Business Insider und erst im August kaufte Springer die US-Zeitung Politico.

(bp)

Titelbild: APA Picturedesk

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