Die Hintergründe zum Branchenbeben

Meinungsforscher-Verband wirft OGM raus

Nach dem Rauswurf von OGM aus dem Meinungsforscherverband VdMI wehrt sich das Unternehmen. Auf Nachfrage gibt man aber eine Vorauswahl zu, bei der die Parteipräferenz der Befragten eine Rolle spielte. Alles zum Branchenbeben:

Wien, 21. Oktober 2021 | Die ohnehin im Fokus der Öffentlichkeit stehende Demoskopie erlebt ihr nächstes Beben. Wie das Ö1-Morgenjournal zuerst berichtete, wird das Umfrageunternehmen OGM des Ex-LIF-Politikers Wolfgang Bachmayer aus dem Meinungsforscherverband VdMI geworfen. In einem einstimmigen Vorstandsbeschluss habe man sich dafür ausgesprochen, sagt der Verband. OGM fühlt sich nicht den Richtlinien für die sogenannte Sonntagsfrage verpflichtet.

Reine Online-Umfrage ausgerechnet nach ÖVP-Affäre

Das Bachmayer-Unternehmen hatte ausgerechnet nach der ÖVP-Affäre rund um mutmaßlich frisierte Umfragen mit einer reinen Online-Erhebung überrascht. Es geht um die zuletzt im „Kurier“ erschienene Sonntagsfrage. Im Gespräch mit ZackZack hatte Verbandschefin Edith Jaksch zuvor erklärt, dass derlei Online-Umfragen nicht den Standards entsprächen. Damit erreiche man gerade ältere Menschen nicht.

Mindestanforderung des VdMI seien 800 Befragte, und zwar „im Rahmen eines Methoden-Mix“, so Jaksch. Heißt, eine Mischung aus Face-to-Face-Interviews, Online-Befragungen und/oder computergestützte telefonische Interviews. Der gewählte Methodenmix muss anschließend auch veröffentlicht werden. Gegen beide Kriterien wurde seitens OGM verstoßen. Auch Research Affairs von Sabine Beinschab arbeitete mit reinen Online-Umfragen. Ihr Mitgliedsantrag sei damals vom Verband abgelehnt worden, so Jaksch.

Bachmayer: Konkurrenz Motiv für Rauswurf

Anders als Bachmayer: Der sei sogar Mitglied jener Arbeitsgruppe gewesen, „in der die Qualitätskriterien des VdMI entwickelt wurden. Die Richtlinien waren OGM bekannt.“ Daran halten will sich Bachmayer nicht. Er kontert: Auf ZackZack-Nachfrage sagt er, OGM habe ein 30.000 Personen umfassendes Online-Panel mit hoher Repräsentativität. Außerdem betont der Ex-Politiker, heutzutage hätten „89 Prozent aller Haushalte einen Internetanschluss und nur mehr 31 Prozent ein Festnetztelefon, über das laut Telekom-Regulierungsbehörde RTR nur mehr 10 Prozent aller Gesprächsminuten abgewickelt werden“.

Bachmayer hält Jaksch vor, sie wolle ihr eigenes Geschäft pushen und richtet dem Verband aus: „Angesichts der Affäre über gekaufte Interviews bei einem anderen Institut halten wir diese ‚Krisen-PR‘ des VdMI, aktiv und nachdrücklich weiteres Öl ins Feuer zu schütten, für absolut unprofessionell.“ Jaksch wiederum wehrt sich gegen den Vorwurf, sie sei vor allem eine Vertreterin von Telefondienstleistungen: „Das ist lächerlich, Ich bin Vertreterin des VdMI und spreche weder für mich noch für die Telefondienstleister. Die Kriterien des Methoden-Mix beziehen sich ausschließlich auf eine Fragestellung, nämlich die Sonntagsfrage. Die Erhebung der Sonntagsfrage ist für kein Institut ein wirtschaftlicher Faktor, aber die Sonntagsfrage steht bei den Qualitätskriterien zu Recht im Fokus.“

Parteipräferenzen in Vorauswahl

OGM war schon im Wahlkampf 2019 aufgefallen. So hatte Bachmayer auf Puls 4 erklärt, wie seine Umfragen zustande kämen. Dabei würden neben klassischen demografischen Merkmalen wie Alter oder Geschlecht auch politische Präferenzen eine Rolle spielen. Was jemand wählt, will die Meinungsforschung eigentlich erst durch die Umfrage ermitteln. Dementsprechend kann eine parteipolitische Vorauswahl zu Verzerrungseffekten führen.

Gegenüber ZackZack gibt OGM zu, Wahlverhalten in die Stichprobe mitreingenommen zu haben: „Bei Befragungen wird üblicherweise eine Quotenstichprobe nach (zumindest) Geschlecht, Alter, Bildung und Bundesland gezogen. In diesem Fall kam zusätzlich eine Quotierung nach dem Wahlverhalten bei der vorangegangenen Nationalratswahl 2017 zur Anwendung. Personen, die 2017 VP, SP, FP, Neos, Pilz/Jetzt, Grüne, andere Parteien oder gar nicht/ungültig gewählt hatten, waren also entsprechend dem Ausgang der Nationalratswahl 2017 in der Stichprobe vertreten.“ Verbandschefin Jaksch erteilt solchen Methoden eine Absage: „Es gibt keine Vorauswahl. Parteipräferenzen der Personen kennen wir nicht.“

Dementi zu vorab bekannten Live-Umfragen

Ein weiterer Service, den OGM immer wieder anbietet, sind Live-Umfragen. In der Nachanalyse der Puls 4-Wahlarena 2019 wurden Beliebtheitswerte eingeblendet und von Experten kommentiert. Es seien 500 repräsentativ ausgewählte Menschen befragt worden – „diese Zahlen liefern wir gleich nach“, so Moderator Thomas Mohr. Teilnehmer sagen: die Umfragewerte waren schon fertig, als die Wahlarena noch lief. OGM bestreitet das. „Wie das möglich sein soll, ist mir nicht erklärlich“, sagt ein OGM-Vertreter gegenüber ZackZack: „Ich habe da vielmehr heute noch den Mega-Stress in Erinnerung, dass alles immer zeitgerecht fertig wird.“

Einige Tage vor einer Live-Umfrage werde seitens OGM mittels Stichprobe eine Vorauswahl an Leuten getroffen, die bereit seien, live teilzunehmen. Die einzelnen Fragen zu Sympathie & Co. würden live während der Sendung jeweils nach Ende eines „Duells“ freigeschaltet. Die Zielpersonen hätten dann drei Minuten Zeit, die Fragen zu beantworten. „So wird der spontane Eindruck gemessen und das Ergebnis kann zeitnah präsentiert werden“, heißt es seitens OGM. Sicher sei, „dass die Befragungen immer unmittelbar nach dem Ende der Duelle durchgeführt worden sind“. Auf Nachfrage erklärt die Talk-Leitung von Puls 4, wie das mit den Live-Umfragen vonseiten der Redaktion abläuft. Circa 10 bis 15 Minuten nach dem jeweiligen Duell bekomme man die Daten, die dann auf einen Server mit Schnittstelle zum Grafiktool in der Regie kopiert würden. Man greife die Daten selbst also gar nicht an. Vor der Präsentation gebe es eine Werbepause, um die Umfrage-Grafik vorzubereiten.

(wb)

Titelbild: APA Picturedesk

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