Zwei Szenen für Kickl

Herbert Kickl nennt die Coronaimpfung jetzt „Vergewaltigung“. Vielleicht hört er damit auf, wenn er die folgenden beiden Szenen liest.

 

Thomas Walach

Wien, 06. November 2021 |

Szene 1: Keine Vergewaltigung

Stefan füllt den Zettel mit seinen Daten aus. Der Stift will nicht richtig schreiben, aber Stefan hat einen eigenen mitgebracht. Damit geht es. Die Menschen rundum sehen müde aus. Die Schlange, in der Stefan ansteht, ist lang, aber er kommt erstaunlich schnell weiter. Er muss seine Versicherungskarte vorzeigen. Jemand drückt ihm einen gelben Impfpass in die Hand, dann geht es weiter.

Bei der nächsten Station sitzen Ärzte an Tischen, die Stefan an seine Schulzeit erinnern. „Irgendwelche Allergien bekannt?“, fragt die Ärztin. „Nein.“ „Könnte sein, dass Sie Fieber bekommen. Das ist normal.“ „Alles klar.“

Nächster Raum: Es sind kleine Kabinen mit Nummern aufgebaut. Stefan geht zu seiner, nimmt auf dem Sessel Platz, der drinnen bereitsteht. Die Ärztin dort hat OP-Kleidung an. Sie lacht fröhlich, als Stefan Smalltalk macht. Er darf sich den Arm aussuchen. Links. Den Stich spürt er kaum. „Bitte noch eine Viertelstunde warten, bevor Sie gehen!“ Stefan nickt, aber hält sich nicht daran. Er muss zur Arbeit.

Szene 2: Vergewaltigung

Der Fremde lauert Marie in der Nähe ihrer Wohnung auf. Er schlägt Maries Begleiter nieder und zerrt die junge Frau am Handgelenk durch die menschenleeren Straßen. „Wenn du schreist, bring ich dich um!“, droht er. Sein Atem riecht nach Alkohol.  Am Ende der Straße, wo keine Häuser mehr stehen, zieht er Marie auf ein verlassenes Grundstück.

Hinter einem Schuppen reißt er ihr den Mantel vom Körper, zerfetzt mit einem Ruck ihre Hose. „Zieh dich nackt aus!“ verlangt er. Marie weigert sich. Da zieht der Fremde eine Pistole aus der Tasche. Marie gehorcht. Zitternd vor Angst und Kälte wartet sie. Der Mann befiehlt ihr, sich auf den kalten Boden zu legen. Dann wirft er sich auf sie, presst Marie in den Schlamm, der vom geschmolzenen Schnee eiskalt ist. Zwei Stunden lang vergewaltigt er die junge Frau wieder und wieder.

Als er keine Lust mehr hat, rappelt er sich auf. „Zieh dich an!“ schnauzt er in Richtung der weinenden Frau und geht, als wäre nichts gewesen.

“Impffaschismus”

Beide Szenen haben sich tatsächlich so zugetragen, ich habe nur die Namen geändert. Marie wurde im Dezember 1945 überfallen und vergewaltigt, als sie auf dem Heimweg war. In ihrer Verzweiflung schrieb sie ihrem Mann, der in Kriegsgefangenschaft war, einen Brief, in dem sie ihm alles erzählte.

Stefan ließ sich 2021 gegen Corona impfen. Er bekam nach der Impfung ein bisschen Fieber. Am nächsten Tag war alles vergessen, nur der linke Arm schmerzte noch ein bisschen.

FPÖ-Chef Herbert Kickl bezeichnet neuerdings die Coronaimpfung als Vergewaltigung. Ob er sich auch traut, das einem Vergewaltigungsopfer ins Gesicht zu sagen? Hätte er Marie so etwas gesagt?

Manche von Kickls Anhängern sprechen vom “Impffaschismus”. Soll ich eine Szene vom Galgen im Wiener Landesgericht schreiben, oder eine von der Todestreppe in Mauthausen? Oder wissen Sie eigentlich eh, was der Unterschied zwischen einer Imfpung und Faschismus ist?

Titelbild: APA Picturedesk

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