Aus für Kyiv Post

Ukraine verliert unabhängige Stimme

Nach 26 Jahren ist Schluss mit Oligarchenkritik: Mit der „Kyiv Post“ wird die bekannteste englischsprachige Zeitung der Ukraine geschlossen. Die Redaktion spricht von einem Angriff des Verlegers Kivan.

Kiew, 12. November 2021 | 1995 gegründet, 2021 geschlossen: die wichtigste englischsprachige Zeitung der Ukraine, die „Kyiv Post“, ist seit vergangenen Montag Geschichte. Sie war eine kritische Ausnahme in einem von wenigen Oligarchen kontrollierten Medienmarkt.

Selbst auch immer wieder im Besitz reicher Tycoons, hat sich die „Post“ ihre eigene Unabhängigkeit bis zuletzt bewahrt – wenn nötig auch erkämpft. Dann kam Adnan Kivan. Der syrische Bauunternehmer mit ukrainischem Pass wolle die Zeitung „größer und besser“ wiedereröffnen. Das ließ er via Statement auf der Website der Zeitung verlautbaren. Die Redaktion hat für Kivan kein Verständnis.

Redaktionsprotest gegen Verleger

In einem gemeinsamen Statement erklären die Redakteure die Hintergründe. Es soll wiederholt zu redaktionellen Interventionen seitens des Verlegers gekommen sein. Kivan habe sich etwa über den Druck der Behörden aufgrund kritischer Berichterstattung der „Kyiv Post“ beschwert. Die Spannungen zwischen der Redaktion und dem Eigentümer hätten sich zugespitzt, als Kivan Mitte Oktober im Alleingang beschlossen haben soll, eine ukrainische Version der Zeitung zu gründen.

Die Redaktion sei über die Pläne nicht informiert worden und habe über einen Facebook-Post davon erfahren. Bedenken hinsichtlich eines möglichen Missbrauchs des Namen der „Kyiv Post“ wurden laut, da man auf die Interessen des Eigentümers zugeschnittene Berichterstattung und damit Reputationsverlust befürchtete.

Die Belegschaft habe deshalb eine Expansionsstrategie entwickelt, die sowohl Eigentümer als auch Redaktion zufriedengestellt hätte. Bevor sie Kivan vorgelegt werden konnte, wurde die ganze Redaktion entlassen, heißt es weiter: „Wenn wir den Ruf der Kyiv Post nicht retten können, so können wir zumindest ihre Werte retten“. Man arbeite derweil an einer neuen Publikation, zur Unterstützung wird aufgerufen.

Gegen Korruption, Krieg…

Auch andere Gremien der Zeitung sind enttäuscht über die Entscheidung. “Neben den Investigativjournalisten, die zu den besten des Landes gehören, verfügt die Kyiv Post über eine breit aufgestellte Redaktion, die es in den letzten Jahren auch geschafft hat, die Ukraine in vielen Bereichen vorzustellen, die man vorher nicht kannte: Straßencafes in Kyiv, neue ukrainische Designer, die vielen neuen IT- und Hightech-Firmen, das gute ukrainische Essen, die Beziehung der Ukraine zu anderen Ländern und zu ihrer großen Diaspora.”

Auch in kritischen Zeiten sei auf die Zeitung Verlass gewesen: “Gerade in der Zeit der großen Umbrüche im Land, während der Orangen Revolution und der Maidan-Bewegung, war dieses im Internet und als Wochenzeitung verfügbare Medium von entscheidender Bedeutung für die Kritiker der Regierung”, heißt es aus Aufsichtsratskreisen.

Das habe dazu beigetragen, dass der Diskurs versachlicht, dramatische Übergriffe und der bewaffnete Kampf rasch eingestellt worden seien. “Der langjährige Chefredakteur Brian Bonner ist eine Legende unter den internationalen Journalisten in der Ukraine. Seine Stellvertreterin Olga Rudenko und er genießen hohen Respekt in der Bevölkerung und bei internationalen Lesern für die faire und nachhaltige Berichterstattung, und den Kampf gegen Korruption und Missstände im Land”, so die Stellungnahme aus dem Aufsichtsrat.

…und Oligarchen

Eine kritische Haltung gegenüber Oligarchen gehörte immer zur DNA der “Post”. Im März berichtete die “Kyiv Post” über die ZackZack-Story “Kurz und der Oligarchen-Jet”. Besagter Oligarch Dmytro Firtasch, der in Wien erfolgreich seine Auslieferung in die USA bekämpft, hatte wiederum im Jahr 2013 den größten ukrainischen TV-Kanal “Inter” erworben. Aufgrund der wichtigen Stellung des Fernsehens im Medienkonsum der Ukrainer war von Kritikern schon früh befürchtet worden, der Putin-nahe Oligarch werde seinen Sender als politisches Instrument einsetzen. Zumindest aber als Instrument für eigene Interessen.

Das, was die “Post” bekämpfte, scheint jetzt auch ihr Schicksal geworden zu sein.

(wb/nb)

Titelbild: APA Picturedesk

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2 Kommentare
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Zapp
12. 11. 2021 21:41

Im Film wollten Strache und Gudenus die wichtigste österreichische Zeitung zwar nur an die Nichte eines Olligarchen verkaufen, also nicht an einen Olligarchen, sondern nur an dessen Nichte, und es war ja nur ein Film. Und das österreichische Trinkwasser ist ja nicht so wichtig.
Aber die zwei haben ihre Rollen sehr gut gespielt, lebensecht, überzeugend!
So weit entfernt ist Österreich von den Olligarchen – mit Schwarz Blau nur um’s Arschlecken knapp dran vorbei.

Zuletzt bearbeitet 2 Monate zuvor von Zapp
Bastelfan
12. 11. 2021 20:22

Die diktatorenbagage findet sich weltweit mit schlafwandlerischer sicherheit.