»Alle Fehler wiederholt«

Schüler und Eltern fordern Distance Learning

Österreichs Schulen bleiben während des vierten Lockdowns offen. Ob die Kinder und Jugendlichen in den Präsenzunterricht gehen, sollen die Eltern entscheiden. Jetzt rechnen Schüler in einem offenen Brief mit dem Bildungsminister ab.

Wien, 22. November 2021 | Auch im vierten Lockdown herrscht wieder Chaos an den Schulen. Verunsicherte Eltern stellen sich die Frage: Soll ich mein Kind zu Hause lassen oder doch in die Schule schicken? Von Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) kamen auch am Montag keine klaren Vorgaben, Eltern sollen selbst entscheiden, was das Beste für ihre Kinder ist. Die Schulen bleiben jedenfalls offen, unterrichtet wird weiter nach Stundenplan.

70 Prozent am ersten Tag in der Schule

Laut vorläufigen Zahlen der Bildungsdirektion seien etwa 70 Prozent der österreichischen Schüler am Montag in die Schule gekommen. Im Ö1-Morgenjournal am Montag begründete Faßmann das Offenhalten der Schulen damit, dass er Belastungen für Familien reduzieren wolle. Diese hätten sich in vorherigen Lockdowns, als Schulen komplett auf Distance Learning umgestellt hatten, klar gezeigt. Trotzdem bat er Eltern und Schüler darum, „dem übergeordneten Ziel der Kontaktreduktion Folge zu leisten“. Schüler, die zu Hause bleiben, sollen mit “Lernpaketen” versorgt werden.

Außerdem wies Faßmann auf die veränderten Strukturen hin. Es werde nun viel getestet (drei Mal die Woche), in der Oberstufe sei mehr als die Hälfte geimpft, die AHS-Lehrer zu rund 90 Prozent. Auch Maskenpflicht in den Klassenräumen herrscht wieder.

Offener Brief: “Politik hat aus Vergangenheit nichts gelernt”

Das beeindruckt hunderte Schulsprecher, Eltern und Lehrer angesichts der hohen Infektionszahlen an den Schulen gar nicht. In einem offenen Brief hagelt es von ihnen heftige Kritik an Faßmann, Schallenberg und Mückstein. Das drei Seiten lange Papier wird auch von mehreren Wissenschaftlern und Ärzten gestützt. Allen voran der Schulsprecher des Wiener Gymnasiums Rahlgasse, Mati Randow, hat genug vom laschen Handeln der Regierung. Bereits zu Schulbeginn wandte er sich mit einem Brief an Faßmann und Co.:

Das Konzept der offenen Schulen werde der hohen Inzidenz bei den Fünf- bis 14-Jährigen von über 2.100 nicht gerecht, heißt es in dem Schreiben. Der Bildungsminister, habe die Forderungen und Bedenken der Schüler wie immer ignoriert: “Sie haben nicht aus der Vergangenheit gelernt und nahezu alle Fehler wiederholt.”

Distance Learning für 14 Tage gefordert

Hingewiesen wird auch darauf, dass zunehmend Kinder und Jugendliche auf der Intensivstation landen würden. Schulen seien – entgegen Faßmanns Aussagen – “keine kontrollierten Räume”. Im Gegenteil: die Situation sei “außer Kontrolle”. Es sei zudem “feig”, die Entscheidung, Kinder in die Schule zu schicken oder nicht, an die Eltern abzuschieben. Schüler, die zu Haus bleiben, würden Schwierigkeiten haben, dem Lernstoff zu folgen. Gesundheitlichen Schutz würde es daher nur für jene geben, die es sich schulisch leisten können, der Rest sei einer hohen Infektionsgefahr ausgesetzt. Auch epidemiologisch stellt man das Konzept der offenen Schulen infrage.

Gefordert wird die sofortige Umstellung auf Distance Learning für 14 Tage bei gleichzeitiger Betreuung an Schulen für jene, die es brauchen. Auch Sonderbetreuungszeiten für Eltern und ein flächendeckender Ausbau von PCR-Tests sei nötig.

Kritik an Faßmann: “Entscheidungen am Rücken der Kinder”

SPÖ-Bildungssprecherin Petra Vorderwinkler reagiert angesichts des heute gestarteten Lockdowns samt Auswirkungen auf die Schulen empört: „Es ist eine echte Katastrophe, dass das Faßmann’sche Management by Chaos stets auch am Rücken der Kinder, der Eltern und der Lehrer*innen ausgetragen wird.“ Es sei absurd, immer dasselbe zu tun und dabei ein anderes Ergebnis zu erwarten. Genau das, so Vorderwinkler, finde aber in Österreich durch die Bundesregierung statt.

Auch vom Vorsitzenden der sozialistischen Jugend, Paul Stich, kommt Kritik an Faßmann: Es ist untragbar, dass sich Jugendliche bzw. deren Eltern nun offensichtlich zwischen Bildung oder Gesundheit entscheiden sollen.

Die FPÖ legt Faßmann den Rücktritt nahe: “Anscheinend vergisst Faßmann, dass er eines der wichtigsten Ministerämter bekleidet, da kann man die Verantwortung nicht einfach auf die Schüler, Eltern und vor allem nicht auf die Lehrer übertragen”, so FP-Bildungssprecher Hermann Brückl.

NEOS für offene Schulen

Die NEOS, die bereits in den vorherigen Lockdowns für offene Schulen plädierten, unterstützen auch diesmal das Konzept der offenen Schulen. Keinesfalls dürften aber Eltern, die ihr Kind in die Schule schicken, stigmatisiert werden. “Das Wichtigste in der momentanen, sehr ernsten Situation ist, dass wir nicht auf die Kinder und Jugendlichen vergessen, denn wir haben die vielen negativen Folgen des Distance Learnings aus den vorangegangenen Lockdowns noch gut in Erinnerung”, so der Wiener Vizebürgermeister Christoph Wiederkehr.

(mst)

Titelbild: APA Picturedesk

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