30. Frauenmord in Österreich:

»Die Behörden sind gefordert, die Frauen endlich ernst zu nehmen«

Österreich ist bei Morden an Frauen trauriger Rekordhalter in der europäischen Union. Warum und was getan werden muss, erklärt Maria Rösslhumer, Leiterin der Autonomen Österreichischen Frauenhäuser (AÖF), im ZackZack-Interview.

Wien, 04. Dezember 2021 | Eine Frau wurde am Dienstag tot in ihrem Kellerabteil in Wien-Brigittenau entdeckt. Das Obduktionsergebnis: “Tod durch Ersticken”. Der mutmaßliche Täter: Ihr Mann.

Österreich zählt somit den 30. Femizid in diesem Jahr. Das sind 30 zu viel, wie Frauenrechtlerin und Leiterin des Vereins Autonome Österreichischen Frauenhäuser (AÖF), Maria Rösslhumer, findet. Im Gespräch mit ZackZack erzählt sie, was konkret getan werden muss, um weitere Morde an Frauen zu verhindern – und dass Maßnahmenpaket gegen häusliche Gewalt immer noch nicht ausreichend umgesetzt wird.

Am Wiener Yppenplatz gibt es einen Wand, die tiefschwarz angemalt ist. Darauf steht in rot die Anzahl von Femiziden in Österreich seit Anfang des Jahres 2021. Die Zahl wird traurigerweise ständig aktualisiert, bzw. übermalt. / Foto: Kollektiv-Kimäre/Viva La Vulva

ZackZack: Frau Rösslhumer, jetzt wurde in Österreich schon die 30. Frau von ihrem (Ex-) Partner ermordet. Was fordert der AÖF konkret, damit die Zahl der ermordeten Frauen nicht noch weiter ansteigt?

Rösslhumer: Wir fordern ein Maßnahmenpaket, das auch wirklich umgesetzt wird. Es bringt nichts, ein Maßnahmenpaket zu schüren, wenn es dann nicht umgesetzt wird.

ZackZack: Was muss die Politik konkret tun, um häusliche Gewalt zu reduzieren?

Rösslhumer: Wir sind noch weit von einer Gleichstellung entfernt. Frauen werden immer mehr diskriminiert. Solange das so weiter geht, wird Gewalt zunehmen. Gewalt kann nur dann reduziert werden, wenn wir Grundlegendes ändern. Wir brauchen einen grundlegenden „Klimawandel“ gegen das Patriachat. Und es muss an sehr vielen Hebeln gedreht werden: Das fängt bei der Bewusstseinsarbeit und bei der konkreten Unterstützung von Opfern häuslicher Gewalt an. Die Behörden sind gefordert, die Frauen endlich ernst zu nehmen.

Und auf der dritten Ebene: Gewalt darf nicht zu Wiederholung kommen. Maßnahmen und Gesetze müssen viel wirksamer, effizienter und stärker umgesetzt werden, zur Sicherheit von Frauen und Kindern.

ZackZack: Wenn man sich die Statistik der Frauenmorde in Europa anschaut, liegt Österreich ganz oben. Woran liegt das? Warum ist ein so „sicheres“ Land so gefährlich für Frauen? Angeblich ist es wahrscheinlicher, dass Frauen von ihrem (Ex-) Partner ermordet werden, als bei einem Autounfall auf der Autobahn ums Leben zu kommen.

Rösslhumer: Das fragen wir uns auch. Es herrschen hierzulande eigentlich gute Gesetze und Maßnahmen. Österreich war da eigentlich ein sehr fortschrittliches Land. Es liegt aber an verschiedenen Dingen: Frauenfeindlichkeit ist hierzulande leider sehr spürbar, das fängt schon bei verbalen Übergriffen an. Politiker müssen nicht zurücktreten, wenn sie sich verachtend und abwertend gegen Frauen verhalten. Und es ist unter anderen auch eine wirtschaftliche und finanzielle Problematik.

Gerade in der Pandemie werden existenzielle Probleme in vielen solzial schwachen Familien noch größer. Aus Erfahrung weiß ich, dass viele Männer, die zum Beispiel arbeitslos wurden, ihren Frust mit Gewalt an ihren Frauen und Kindern ausgelassen haben.

ZackZack: In dem aktuellen Fall in Wien haben die Kinder zehn Tage bevor die Leiche ihrer Mutter gefunden wurde, eine Vermisstenanzeige aufgegeben, mit dem Verdacht, es sei etwas Schlimmes passiert. Jetzt werfen die Kinder der Polizei vor, die Ermittler hätten zu langsam und zu wenig getan.

Rösslhumer: Ja, die Behörden nehmen Anzeichen von häuslicher Gewalt oft nicht ernst. Häufig kommt es zu einer Opfer-Täter-Umkehrung. Da müssen wir grundlegend beginnen, effizienter und wirksamer gegenanzugehen. Konsequenter Opferschutz muss oberste Priorität haben. Bei dem Fall im Burgenland wurde der Mann nicht zurückgewiesen, aus Angst, er könnte sonst mehr anrichten. Dann wurde der Frau vorgeworfen, sie hätte doch eine einstweilige Verfügung beantragen können. Das ist Täterschutz, kein Opferschutz und das geht nicht.

ZackZack: Was wurden für Konsequenzen auf politischer Ebene gezogen?

Rösslhumer: Die Justizministerin hat einen Erlass an die Staatsanwälte ab dem 01. Oktober 2021 verfasst, damit Staatsanwälte Gefährlichkeitseinschätzung und bessere Beweisermittlung durchführen und gefährliche Täter in U-Haft nehmen, anstatt sie auf freien Fuß setzen. Doch wenn sie diese Richtlinien nicht umsetzen, ist das wirkungslos. Es liegt somit an allen: Maßnahmen müssen umgesetzt werden, viele Frauen fühlen sich von allen Seiten im Stich gelassen. Bei negativen Erfahrungen mit den Behören hilft dann auch keine Überzeugungsarbeit mehr. Wir wollen, dass die Frauen zuhause und überall sicher sind.

ZackZack: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Julia Zander

Hilfe für von Gewalt Betroffene gibt es hier:

Frauenhelpline (Mo–So, 0–24 Uhr, kostenlos): 0800 / 222 555

Opfer-Notruf (Mo-So, 0-24 uhr, kostenlos, anonym): 0800 / 112 112

Männerinfo (Mo–Fr, Ortstarif): 0720 / 70 44 00

Männernotruf (Mo–So, 0–24 Uhr, kostenlos): 0800 / 246 247

Telefonseelsorge (Mo–So, 0–24 Uhr, kostenlos): 142

Telefonberatung für Kinder und Jugendliche (Mo–So, 0–24 Uhr, kostenlos): 147

Titelbild: APA Picturedesk

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13 Kommentare
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diinzs
5. 12. 2021 11:39

@MarkFelt … Teil 2 von 2 …

Und nein, das war nicht ein Scharia-Gericht, sondern das oberste deutsche Gericht. Und nein, es war nicht im Mittelalter, sondern vor 13 Jahren!

An deutschen Gerichten wird “Ehrenmord” auch als strafmildernd angesehen. Wiederum, kein Scharia-Gericht.

Zu Ö-Gerichten kenne ich die Lage nicht gut genug, um mich dazu zu äußeren. Aber dass D-Gerichte oft Frauen, die Opfer wurden, nicht wirklich ernst nehmen sondern die Täter schützen, ist für mich klar. Und der D-Bundestag hat nach dem m.M.n. Skandalurteil 2008 auch keine Gesetze verabschiedet, die Femizid als Mord bestrafen. Im D-Bundestag ist das Wort Femizid verpönt und wird nur von der Linken verwendet. Das ist das christliche Patriarchat! Nicht die Muslime oder Scharia!

An den Gerichten gibt es m.M.n. großteils eine Einstellung, “der Mann sagt die Wahrheit” aber “die Frau lügt”. Das wird dann mit “im Zweifel für den Angeklagten” verkauft.

diinzs
5. 12. 2021 11:31

@MarkFelt, ich weiß nicht so recht, wie ich Ihnen antworten soll. Leider habe ich auf die Schnelle keine Quelle über die Herkunft der Mörder gefunden.

Aber dass Sie meinen, das Problem ließe sich durch Nicht-Aufnahme von Ausländern oder deren Abschiebung lösen, sagt mir einiges.

Der deutsch christlich dominierte Bundesgerichtshof hat 2008 folgende Entscheidung getroffen:
Das Gericht stellte damals in einem Trennungstötungsfall weder Heimtücke noch niedere Beweggründe fest – beides Voraussetzungen, um ein Urteil wegen Mordes auszusprechen. Stattdessen befand das Gericht, dass “die Trennung von dem Tatopfer ausging und der Angeklagte durch die Tat sich dessen beraubt, was er eigentlich nicht verlieren will”.
https://www.dw.com/de/gewalt-gegen-frauen-mehr-femizide-in-deutschland/a-55562981

M.a.W., wenn ein Mann von seiner Frau verlassen wird und er sie dann tötet, dann ist das laut deutschem christlich dominiertem Bundesgerichtshof kein Mord sondern Totschlag.

… Teil 1 von 2 …

Pflichtfeld
5. 12. 2021 8:05

Solange deklarierte Feministinnen Autobahnen blockieren um die Abschiebung von rechtskräftig verurteilten Sexualstraftätern zu verhindern – solange wird sich nichts ändern.

So geschehen Ende März diesen Jahres: https://www.derstandard.at/story/2000125466484/ostautobahn-bei-schwechat-wegen-anti-abschiebungs-demo-gesperrt

MarkFelt
4. 12. 2021 23:01

nein, die Behoerden muessen endlich begreifen, das beinahe alle mit Typen zu tun haben, die hier nichts verloren haben ! Die Steinzeitreligion ist dabei ein treibender Faktor samt ihren Steinzeitländern, dessen Fachkräfte wir hier haben und nicht weil da Franz im Schnapsrausch die Heidi daschlogt.

SO EINFACH IST DAS ! NICHT UM DEN BREI REDEN PP !

nikita
5. 12. 2021 7:24
Antworte auf  MarkFelt

Schmafu

heronvonalexandria
4. 12. 2021 22:28

Auch wenn es hier nicht viele hören wollen, es ist großteils importierte Gewalt der neuen Facharbeiter.

Surfer
4. 12. 2021 21:23

8 Frauenmorde sind zu viel, das war wie der Bierwirt verhaftet wurde und sich Maurer PR mässig hinstellte und sich gegen Gewalt von Frauen aussprach, Zadic daneben und wie sie in der PR trommel rührten….schäbigst weil verlogene…
Warum, kurz darauf passierte ein doppelmord an zwei Frauen und was sagten Maurer und Zadic….nix…
Alles nur PR show um vom eigenen versagen abzulenken…

Chris2012
4. 12. 2021 15:08

Bei Polizei und Staatsanwaltschaft kann man angeblich nichts tun bevor nicht Blut spritzt. Wir haben mehrfacht bei Polizei und Staatsanwaltschaft Anzeigen wegen Gewalt in Familien eingebracht. Dies wurden stets umgehend z. B. von Staatsanwalt Mag. Simon Mathis eingestellt und von Gerichtspräsident Bildstein bzw. Mag. Prechtl-Marte der Fortsetzungsantrag abgelehnt. Hier sollte man ansetzen. Die Justiz gibt an, dass ihr die Hände gebunden sind, wegen der geltenden Gesetze. D.h. es gibt hier eine politische Verantwortung genau wie beim Sachwalterschaftsmissbrauch bei dem die Justiz aufgrund der Gesetze weg schaut. Die Gesetze gehören so geändert, dass die Justiz handeln muss und zwar nicht erst wenn Blut spritzt.

Chris2012
4. 12. 2021 18:50
Antworte auf  Chris2012

Wenn jemand meint, die Justz würde schon eingreifen bei Gewalt in der Familie, hat keine Ahnung von der Praxis. Die tun nichts, selbst wenn es bereits zu Gewaltanwendungen gekommen ist. Solange kein Blut spritzt und kein Geständnis vor liegt, tut die Justiz nichts.

Surfer
5. 12. 2021 8:05
Antworte auf  Chris2012

Die Justiz ist zum schutz von kriminelle Politiker verkommen, ist nichts neues jedoch seit Grün in der Koalition ist auf die Spitze getrieben….oder Kleinkriminelle seckieren….
Was anders machen sie nicht mehr….
Der Staat im Staat…
Wie man im Ausland schreibt, Ö wird von einer Pandemie beherrscht und die Politik beschäftigt sich nur mit sich selbst …

Prokrastinator
4. 12. 2021 13:42

Sie meint es zwar gut, aber was soll man von solchen Menschen halten, die solche Probleme mit einem “Maßnahmenpaket” betrauen wollen, und meinen es wird dadurch besser?

Nur in kleinen Dosen wird hier nach wahren Ursachen geforscht, und oberflächlich mit Zahlen hantiert, die wie so oft ohne die nötigen Relationen und Entstehungsgeschichte aufgetischt werden.

“Gewalt erzeugt Gegengewalt!” Jeder kennt diese Wahrheit, jeder weiß daher auch, dass Gewalt eine “Spirale” ist.
Und einer Spirale der Gewalt kann man nicht punktuell begegnen. Man muss schon die ganze Spirale wahrnehmen und in seine Überlegungen einbeziehen, und den Begriff “Gewalt” endlich sinnvoll definieren, wie es die Gewaltforschung seit langem versucht, aber leider nicht erhört wird.

Bei aller Mühe dieser Dame und meinem Respekt dafür, aber ändern wird sie damit nichts.

Zuletzt bearbeitet 1 Monat zuvor von Prokrastinator
KarinLindorfer
4. 12. 2021 14:48
Antworte auf  Prokrastinator

Ich sehe auch keinen Sinn in einem Maßnahmenpaket. So lange wir eine Gesellschaft sind in der nach oben gebuckelt und nach unten getreten wird kann sich nichts ändern.

hagerhard
4. 12. 2021 9:46

Seit der Regierung Türkis/Blau wurde massiv bei Beratungseinrichtungen für gewaltbetroffene Frauen eingespart. Und das obwohl Österreich die EU-weit höchste Quote an Frauenmorden hat.

Niemand würde auf die Idee kommen, Prävention und Unfallvermeidung im Strassenverkehr in Frage zu stellen.

Das sagt schon einiges aus über das Frauen-/Familienbild der ÖVP.

https://www.hagerhard.at/blog/2019/01/femizid/