Dienstag, Juli 23, 2024

Skylla und Charybdis – Vollvervirung

Skylla und Charybdis

Durchseuchung, Gecko und die Bundesregierung auf der einen, erleben der Gesundheitskrise erste Reihe fußfrei auf der anderen Seite für Julya Rabinowich.

Wien, 08. Jänner 2022 | Angefallen von Omicron sitze ich nun im Krankenhaus und bekomme die sich dynamisch entwickelnde Situation erste Reihe fussfrei mit. Auf der Intensivstation gibt es derzeit keine Plätze mehr. Auf der Isolierstation im Orbit von Corona, auf der ich mich gerade befinde, gleicht ein irdischer Tag einem Monat. Ungefähr. Ab und zu geht die Tür auf, Menschen mit grünen Schutzanzügen und Brillen kommen vorbei, versorgen mich mit freundlichen Worten und Essen und verschwinden wieder in die Umlaufbahn. Es ist ein wenig wie ein Tarkowskijfilm, mehr Solaris als Stalker glücklicherweise. Die Menschen in den Schutzanzügen sind erschöpft. Es seien viele gestorben.

Mein Tag verläuft ruhig, mein Tag verläuft in sicheren Bahnen, die Sauerstoffsättigung liegt bei 98 Prozent. Sie sei müde, müde von der Pandemie, müde von der Politik, müde von der Belastung, sagt eine der Frauen in Grün, als wir freundliche Worte wechseln über meinem faschierten Braten. Vor anderen Spitälern standen schon schreiende Demonstranten. Hier nicht. Es soll so bleiben. Ich frage mich, wann die Demos gegen Herzinfarkt losgehen. Oder gegen Blinddarmdurchbruch. Die gibt es vielleicht auch nicht wirklich!

Gecko, Krise, Regierung

Was es leider wirklich gibt: Krisenkommunikation der Regierung, die nur darum Krisenkommunikation heißt, weil sie Krisen auslöst. Nach würdelosem Hin-und Her befinden wir uns hier: der Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein nimmt bei der Pressekonferenz die Maske ab und rotzt sich in die hohle Hand. Der Rudolf Striedinger, Geckokommandant im Tarnstrampler verspricht volle Rohre gegen das gewaltbereite Virus im Medizinrambomodus. Die Bildungssprecherin der Grünen, Sybille Hamann, hat eine bessere Lösung für Schulen parat: wenn sie keine Luftfilter haben, sollen sie eben Eieruhren essen! Die Impflicht kommt nicht, kommt, kommt im Februar, kommt nicht vor dem ersten April, und nachdem, der erste April, sagen wir, gewisse Vorgeschichte hat, kommt sie vermutlich am Sanktnimmerleinstag.

Die neuen harten Massnahmen sind, dass die alten harten Massnahmen wie 2G jetzt vielleicht doch noch kontrolliert werden. Dazu taucht auch wieder die vielzitierte Eigenverantwortung auf, die immer dann benötigt wird, wenn man Regierungsverantwortung loswerden möchte. Überhaupt ist es an der Zeit, ein Wahrheitsministerium zu gründen, noch besser, ein Worterneuerungsministerium. Das, was da durchrauschen soll, sollte man besser nicht Durchseuchung nennen, Durchseuchung sei so ein negativ besetztes Wort, klagt Katharina Reich, Generaldirektorin für Öffentliche Gesundheit. Dabei ist Durchseuchung doch allein schon kraft ihrer Existenz etwas zutiefst positives! Jedenfalls beim Testen. Und wer will dann sich schon so ungut besetzt durchrauschen lassen! Denn durchrauschen, und zwar ungebremst, wird es, hält sie gleich darauf fest.

Omicronisierung

Totale Omicronisierung würde sich anbieten. Oder Vollvervirung. Turbodurchpestung ist vielleicht suboptimal, aber mit Corona Deluxe Speed Edition wäre es nur halb so schlimm! Und wenn man schon dabei ist, kann man gleich ein paar andere, unlieb gewordene Begriffe loswerden: ganzjährig Freizeitfrugale statt Langzeitarbeitslose. Temporär Eieruhrherausgeforderte statt Long-Covid-Kids. Riechkolben-FKK statt Nasenbärigkeit. Extremüberlebenskünstlerisch statt Triage.
Häuslich Zurückgezogene statt Risikopersonen, die dank der fröhlich Durchseu-, Vervirung in einen Extremlockdown geschickt werden ungeachtet all ihrer Compliance und Impfbereitschaft. Die Verachtung des Schutzwürdigen ist jedenfalls in der hemmungslos ausgelebten Corona-Politik spürbar. Und das will ich eigentlich nicht schöner benennen, als das, was es ist: Unethisch und unmoralisch. Survival of the fittest kann niemals der kleinste gemeinsame Nenner einer humanistischen Gesellschaft sein. Vielleicht gibt es morgen wieder freie Plätze auf der Intensivstation jenes Krankenhauses, in dessen obersten Stock ich in den Abendhimmel sehe. Vielleicht nicht.

Titelbild: APA Picturedesk

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