Dienstag, Juli 23, 2024

Streit um Sperrstunde: »Das Virus kennt keine Uhrzeit«

Streit um Sperrstunde

Seit dem letzten Lockdown-Ende im Dezember müssen Wirtshäuser, Bars und andere Lokale Schluss machen, “wenn’s lustig wird”. Auch die kommenden Lockerungen bringen für die Betreiber keine Besserung, die Sperrstunde um 22 Uhr bleibt.

Wien, 27. Jänner 2022 | Der Lockdown für Ungeimpfte ist ab dem kommendem Montag Geschichte. Die 2G-Regel im Non Food-Handel, Sport- und Kultureinrichtungen und in der Gastronomie bleibt jedoch bestehen. Letztere muss auch weiterhin mit der vorgelegten Sperrstunde um 22 Uhr auskommen. Für die betroffenen Gastronomen ändert sich also gar nichts, ihnen entgeht durch den fehlenden Zeitraum zur späten Stunde ein erheblicher Umsatz. Viele sperren unter diesen Umständen erst gar nicht auf.

Sperrstunde bewirke “15 Prozent weniger Infektionsgeschehen”

Auch wenn der Druck seitens Opposition, Wirtschaftskammer und einiger Landeshauptmänner steigt, wollen Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) und Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) auf Nummer Sicher gehen und den Höhepunkt der Welle abwarten. Dieser dürfte spätestens Mitte Februar erreicht werden, wie Komplexitätsforscher und Modellrechner Peter Klimek am Mittwochabend in der ZiB2 prognostizierte. Auch er ist dafür, noch abzuwarten. Ein jetziges Lockern der Sperrstunde, könnte zu früh sein:

 „Auch die Gastronomie ist ein Ort, wo viele Ansteckungen passieren können und da hat man bis jetzt auch in Österreich in Auswertungen zu vorhergehenden Wellen eigentlich immer gesehen, dass man mit solchen Maßnahmen dann doch eine Reduktion des Infektionsgeschehens um ca. 15 Prozent erreichen kann.“

“Ob die Leute ein, zwei Stunden länger sitzen, ist im Prinzip egal”

In eine andere Kerbe schlägt der Public Health-Experte und Mitglied in der Corona-Ampelkommission der Bundesregierung, Armin Fidler. Er hält die 2G-Regel nach wie vor für richtig und sinnvoll, die frühe Sperrstunde könne man jedoch hinterfragen. “Ich war da immer schon ein bisschen dagegen. Die Leute, die ja schon vorher drinnen sind mit der 2G-Regel, ob die noch ein ein, zwei Stunden länger sitzen oder nicht, ist im Prinzip egal”, so Fidler gegenüber Puls24.  Gefährlicher sei es, wenn sich die Feier anschließend in den privaten Bereich verlege.

Ähnlich argumentiert auch Mario Pulker, Obmann des Fachverbandes Gastronomie in der Wirtschaftskammer Österreich, für ein Fallen der Sperrstunde. Diese würde ihren Zweck verfehlen, wenn man bedenke, dass viele Menschen vor allem am Wochenende nach 22 Uhr zuhause weiterfeiern, wo das Infektionsgeschehen aufgrund fehlender 2G-Regel weniger kontrollierbar sei.

Das Virus kennt keine Uhrzeit. Mit den aktuell geltenden Regeln in der Gastronomie wird Gästen wie Mitarbeitern, auch nach 22 Uhr, ein möglichst sicheres Umfeld geboten. Zudem wissen wir: Menschen lassen sich nicht einsperren, Feiern finden trotzdem statt.“

NEOS für Ende der “völlig willkürlichen” Sperrstunde

Auch der Vorarlberger Landeshauptmann Markus Wallner (ÖVP), Günther Platter (ÖVP) in Tirol, Hans Peter Doskozil (SPÖ) im Burgenland und Peter Kaiser (SPÖ) in Kärnten hatten bereits am Anfang der Woche, mit Blick auf mildere Krankheitsverläufe und stabile Intensivzahlen, die Aufhebung der 22.00 Uhr-Sperrstunde gefordert. In Hinsicht auf die nun beschlossene Impfpflicht fordert auch NEOS-Chefin Beate Meinl-Reisinger die Regierung auf “endlich einen Stufenplan vorzulegen, wie ein schrittweises Ende der Einschränkungen aussehen kann, beginnend bei der völlig willkürlichen Sperrstunde um 22 Uhr und dem Aufheben von 2G im Handel”.

Dänemark und England öffnen komplett

Wie gehen andere europäische Länder mit ähnlich hohen Inzidenzzahlen um? Die Niederlande erlauben es Gaststätten erst seit dieser Woche seit Dezember wieder, überhaupt aufzusperren. Auch dort soll die Sperrstunde fürs Erste bis 22 Uhr gelten. Angesichts der geöffneten Gaststätten in den Nachbarländern Deutschland und Belgien sei ein Verbot nicht länger durchzusetzen gewesen. In Deutschland ist die Sperrstunde Ländersache. Sachsen und Baden-Württemberg gehören zu den Hardlinern, was Gastro-Regeln betrifft. In Sachsen ist um 22 Uhr Schluss, Baden-Württemberg hat diese Woche angekündigt, dass die aktuelle Sperrstunde von 22.30 nun fallen soll.

In Dänemark, wo während Omikron keine vorzeitige Sperrstunde galt, hat die Regierung, trotz Rekordwerten an Neuinfektionen, die Aufhebung beinahe aller Corona-Beschränkungen – darunter auch die 2G-Regel – angekündigt. Auch in England sind die bestehenden Maßnahmen am Donnerstag ausgelaufen.

(mst)

Titelbild: APA Picturedesk

Autor

  • Markus Steurer

    Hat eine Leidenschaft für Reportagen. Mit der Kamera ist er meistens dort, wo die spannendsten Geschichten geschrieben werden – draußen bei den Menschen.

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