Freitag, Juli 12, 2024

Rabensteiner: Intoleranzen

Rabensteiner:

„Gegen all euer Leiden verschreibe ich euch Lachen“, sagte der französische Arzt und Humanist François Rabelais. Die wöchentliche Dosis Medizin verabreicht Fritz Rabensteiner.

Wien, 18. Juni 2022 | Tierschutz ist mir ein Anliegen, sofern er nicht meine Essensgewohnheiten beeinträchtigt. Bei mir stehen Schweine hoch im Kurs. Ich mag sie, also vom Geschmack her, und würde sie niemals gegen Tofu tauschen, dem Hauptnahrungsmittel der Vegetarier und deren militanten Splittergruppe Veganer. Viele von denen behaupten ja, sie hätten eine Nahrungsmittelunverträglichkeit. Ganz vorne mit dabei ist die Laktoseintoleranz. Ich habe kürzlich mit meiner Frau darüber diskutiert. Sie meinte, die Umweltgifte wären schuld daran. Blödsinn. Im Vergleich zu meiner Jugendzeit leben wir heute in einem Umweltparadies.

Ich bin Ende der 1950er-Jahre geboren, also kann sich jeder ausrechnen, um welche Zeitspanne es geht, wenn ich von meiner Kinder- und Jugendzeit rede. Das war die Zeit, in der Mutti mit der Straßenkarte neben Vati im Auto saß und trotzdem der Urlaubsort gefunden wurde. Und Autos hatten hinten noch Aschenbecher für uns Kinder. Wir haben damals früh mit dem Rauchen begonnen. Und Vati hat auch nicht für einen Igel gebremst. Wozu auch? Geschweige denn für Kröten. Das war die natürliche Auslese. Heute marschieren diese Viecher durch einen eigens angelegten Tunnel. Darüber darf man gar nicht nachdenken. Es gab sogar Menschen, die problemlos Musik hören konnten, ohne dabei zu joggen. Und das Wort Laktoseintoleranz war unbekannt. Intoleranzen gab es nur gegenüber Lehrern. Jedenfalls konnte man damals in keinem Fluss baden, ohne Gefahr zu laufen, sich eine schwere Verätzung einzufangen. In den Flüssen wurden Fotos entwickelt, das war aber schon der einzige Vorteil.

Bis zu meinem zehnten Lebensjahr dachte ich, Fische würden grundsätzlich auf dem Rücken schwimmen. Altreifen hat man im Wald entsorgt und das Motoröl gleich dazu. Die Schlote der Fabriken haben kilometerweit in den Himmel gestunken, ohne Filter. Asbest war ein beliebter Baustoff und der Wald ist auch gestorben. Mehrfach. Heute steht kein einziger Baum mehr. Und wenn man nicht mehr wusste, wohin mit der enormen Menge an Müll, dann hat die Stadt eine riesige Grube ausgehoben und da wurde alles hineingekippt. Autoteile, Reifen, Kabel, Elektrogeräte bis hin zum Kühlschrank, Textilien, Bauschutt, Farben und Lacke, Altöl und sicher auch ein paar Leichen, die bis heute nicht gefunden wurden. Und die Deponien haben immer ein wenig geraucht. Fallweise auch gebrannt. Und wenn die Grube voll war, wurde Erde aufgetragen, planiert und darauf Häuser gebaut. Und wenn jetzt das Argument auftauchen sollte, dass es heute wesentlich mehr Verkehr gibt, dann ist das zwar richtig, aber damals hatte kein Auto einen Katalysator. Das waren Dreckschleudern auf vier Rädern.

Und die älteren Leute sagten, zu viel waschen ist schlecht für die Haut. Deshalb gab es nur einmal in der Woche einen Warmbadetag. Erst die Eltern, dann die Kinder. Die waren nachher dreckiger als vorher. Heute werden die Kinder täglich in Sagrotan gebadet. Trotzdem lebe ich noch. Also geht mir weg mit den Umweltgiften. Ich halte diese Unverträglichkeiten bei vielen für eine Hysterie mit Gruppenzwang. Der eine darf keine Milch trinken, der andere kein Brot essen und der dritte bekommt ein Gerstenkorn, wenn er Meeresfrüchte sieht. Das ist hip, da wollen viele dabei sein, weil es elitär und geheimnisvoll ist wie einst die Tempelritter. Bei einer Herzinfarktgruppe drängt sich keiner auf, aber Laktoseintoleranz klingt schick, keiner stirbt daran und man kann sich auf hohem Niveau etwas vorjammern. Gehen Sie mal mit solchen Typen Eis essen. Das ist fast unmöglich. Die brauchen für eine Bestellung zwei Stunden, bis alle Schadstoffe ausgefiltert sind und lutschen dann an einem veganen Eiswürfel. Nein danke, da sitze ich lieber allein mit einem riesigen Eisbecher aus Milchzucker und winke dem Zeitgeist hinterher.

Aus dem Buch Der schwarze Kakadu

Titelbild: APA Picturedesk

Autor

  • Benedikt Faast

    Redakteur für Innenpolitik. Verfolgt so gut wie jedes Interview in der österreichischen Politlandschaft.

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