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UN-Weltdrogenreport:

Wie der Ukraine-Krieg die Drogenproduktion ankurbeln könnte

Haschisch und Marihuana führten zunehmend zu psychischen Erkrankungen, schreiben die Vereinten Nationen in ihrem neuen Drogenbericht. Zusätzlich könnte der Krieg in der Ukraine Drogenlabors neuen Aufwind geben.

Wien, 27. Juni 2022 | Der steigende Cannabiskonsum führt laut Vereinten Nationen (UN) zu einer zusätzlichen Belastung von Gesundheitseinrichtungen. In der Europäischen Union seien Hanf-Drogen die Ursache für rund 30 Prozent der Drogentherapien, hieß es im Jahresbericht des UN-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) in Wien, der am Montag publik wurde. In Afrika und manchen lateinamerikanischen Ländern stehe der größte Teil solcher Therapien im Zusammenhang mit Cannabis-Sucht.

Den Angaben des neuen Reports zufolge konsumierten im vergangenen Jahr geschätzt 284 Millionen Menschen weltweit Drogen. Damit nahm jeder 18. Mensch im Alter zwischen 15 und 64 Jahren in den letzten zwölf Monaten Drogen zu sich. Diese Berechnungen beruhen auf den jüngsten vorliegenden Zahlen aus dem Jahr 2020. Mehr als elf Millionen Menschen injizieren Rauschgift mit Spritzen. Die Hälfte davon ist deswegen mit Hepatitis C infiziert, 1,4 Millionen Menschen leben mit HIV.

Welche Rolle der Krieg in der Ukraine dabei spielt

Zudem verwies der Bericht auf eine aktuell politische Komponente: Der Ukraine-Krieg könnte nach Angaben der Vereinten Nationen zu einem Anstieg der Produktion von Drogen führen. Konfliktregionen würden wie ein “Magnet” für die Herstellung synthetischer Drogen wirken. “Dieser Effekt kann größer sein, wenn sich die Konfliktregion in der nähe großer Verbrauchermärkte befindet.”

In der Ukraine war in den vergangenen Jahren die Zahl der von den Behörden aufgelösten Drogenlabore zur Herstellung von Amphetaminen laut UNODC stark angestiegen, von 17 im Jahr 2019 auf 79 im Jahr 2020. Das war die höchste Zahl an aufgelösten Amphetamin-Laboren weltweit.

Mit Fortdauern des Krieges könnte die Zahl der Drogenlabore weiter zunehmen. “Es gibt keine Polizei, die patrouilliert und Labore stoppt”, sagte UNODC-Expertin Angela Me der Nachrichtenagentur AFP mit Blick auf Konfliktgebiete. Allerdings könnte der Ukraine-Krieg dem Bericht zufolge auch dazu führen, dass Drogenschmuggel-Routen gestört oder verschoben werden.

Derweil hängt die Entwicklung des Marktes für auf Opium basierenden Drogen wie Heroin nach Einschätzung der UN-Experten von der Lage im Krisenstaat Afghanistan ab. Dort wurden im vergangenen Jahr 86 Prozent des Opiums weltweit produziert.

Laut dem UNODC-Bericht könnte die humanitäre Krise in Afghanistan zu einem verstärkten Mohn-Anbau führen, auch wenn die herrschenden Taliban den Anbau im April untersagt hatten. “Änderungen in der Opium-Produktion in Afghanistan werden Auswirkungen auf Opiate-Märkte in allen Regionen der Welt haben”, heißt es in dem UNODC-Bericht.

Fentanyl-Überdosen nehmen weiter zu

Die Drogenwächter der Vereinten Nationen wiesen auch darauf hin, dass der weitaus größte Schaden in Nordamerika weiterhin von gefährlichen Opioiden angerichtet wird. Zu diesen heroin-artigen Substanzen zählt etwa Fentanyl. Nach vorläufigen Schätzungen starben 2021 in den Vereinigten Staaten rund 108.000 Menschen an einer Überdosis, 17 Prozent mehr als im Jahr davor.

Tramadol-Epidemie

Von einer weiteren “Opioid-Epidemie” durch den Missbrauch des Schmerzmittels Tramadol spricht das UNODC im nördlichen und westlichen Afrika sowie im Mittleren Osten. Es gebe auch Anzeichen für Drogenkonsum von Tramadol in Asien und Europa.

Kokain-Schmuggel

Die UN-Behörde ist auch besorgt, dass andere stärkere Drogen neue Absatzmärkte finden. Beschlagnahmungen deuten demnach darauf hin, dass der Kokainschmuggel sich außerhalb der Hauptabnahmegebiete Nordamerikas und Europas auch in Afrika und Asien ausdehnt. 90 Prozent des beschlagnahmten Kokains wurde auf dem Seeweg geschmuggelt.  Das ebenfalls aufputschende Methamphetamin sei nicht mehr nur ein Problem in Ost- und Südostasien, sondern auch in Ländern wie Afghanistan und Mexiko.

Cannabis-Legalisierung hat Folgen

Das immer stärkere Haschisch und Marihuana auf dem Markt hat laut UNODC zusammen mit regelmäßigem Konsum zu einem Anstieg von Sucht und psychischen Erkrankungen in Westeuropa geführt. In Nordamerika werde als Folge der Legalisierung von Cannabis ebenfalls mehr konsumiert – besonders unter jungen Erwachsenen. Ein wachsender Anteil an psychiatrischen Störungen und Selbstmorden stehe dort im Zusammenhang mit regelmäßigem Gebrauch von Cannabis, hieß es in dem Bericht.

Auch die Krankenhausaufenthalte nähmen zu. Das UNODC räumte ein, dass durch den legalen Verkauf dieser Drogen Steuereinnahmen gestiegen und die Zahl von Verhaftungen wegen Cannabis-Besitzes gesunken sind.

(apa/am)

Titelbild: APA Picturedesk

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4 Kommentare
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Amberg
27. 06. 2022 15:15

Fentanyl wird doch ziemlich vielen alten Menschen in Ö. auf die Schulter geklebt.
Valium in Form von Benzodiazepine erzeugt Zombies.

ManFromEarth
27. 06. 2022 17:46
Antworte auf  Amberg

…. Neuroleptika und Psychopharmaka machen das auch. “Benzos”, Benzol (Aromat anderere hexagonale Kohlenwasserstoffe) als Informationsträger sind an sich schon kritisch als Taxi, die transportierten Wirkstoffe fallen da fast nicht mehr ins Gewicht.

hr.lehmann
27. 06. 2022 12:20

Bei diesen Statistiken sollte man jedoch auch berücksichtigen wie viele Jugendliche rein mit Alkohol feiern würden wenn sie keinen Zugang zu Cannabis hätten bzw. viel mehr und häufiger Alkohol konsumieren würden. Dass regelmäßiger Alkoholkonsum ebenso psychische Probleme mit sich führt ist wohl allen bekannt, dazu kommt aber noch die größere Bereitschaft für Gewaltausübung und anderen strafrelevanten Handlungen. In der Sozialpädagogik wird Cannabiskonsum beinahe einhellig als das geringere Übel eingestuft.

Zuletzt bearbeitet 3 Monate zuvor von hr.lehmann
baer
27. 06. 2022 13:28
Antworte auf  hr.lehmann

Das aller größte Problem sind überhaupt die synthetischen Drogen. Drogen die leistungsfördernd und aufputschend wirken haben Hochkonjunktur und genau diese Drogen haben die schlimmsten Nebenwirkungen und das höchste Suchtpotential gemeinsam mit den Opioiden. Was Heroin in den 80igern war dass sind diese synthetischen Drogen jetzt. Da wirkt Cannabis dagegen fast schon harmlos obwohl der exorbitant hohe THC Gehalt auch nicht unbedingt harmlos ist für die ohnehin oft labile Psyche junger Menschen. Vom leicht verfügbaren und billigen Alkohol einmal ganz abgesehen. Schade um die jungen Menschen. Unsere Leistungs- Gier und Geiz Gesellschaft fordert ihre Opfer und die Schwächsten sind immer die ersten die es trifft.